"Problemdruck" der ORF-Gebühren für Wrabetz noch "nicht so groß"

Interview22. August 2015, 08:00
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Alexander Wrabetz über die Generalswahl 2016, geplante Youtube-Kanäle, die neue Fußball-App und vermeintliche Schulterschlüsse

Wien – Wie nervös macht den ORF-General der Gebührenentscheid des Verwaltungsgerichtshofs? Dieses und eine Handvoll andere Probleme, Projekte und Pläne erklärt Alexander Wrabetz im STANDARD-Interview:

Keine Eile mit Gebühren

Wer allein über Web Radio hört, muss keine Gebühren zahlen, entschieden die Höchstrichter. Wrabetz wirkt gelassen: "Der Problemdruck ist in den nächsten Jahren nicht so groß." Höchstens ein paar Tausend Menschen konsumierten ORF-Radio allein über das Web.

Aber: "In zehn Jahren sollte es diese Gebührenlücke nicht mehr geben – dann könnte das schon relevantere Größenordnungen haben." In "politisch nicht aufgeheiztem" Klima stehe die Entscheidung an: Rundfunkgebühr auch für Web-Konsum oder gleich eine Abgabe für alle Haushalte.

Schon 2016 steht laut Gesetz ein Antrag auf Gebührenerhöhung an. Wie hoch die ausfallen soll, will Wrabetz "noch nicht gerechnet" haben.

Comedy und Co: Youtube-Kanäle

In der digitalen Welt hat der ORF einiges vor. Eine Arbeitsgruppe bastelt an Youtube-Kanälen des ORF, etwa für Comedy. Die Medienbehörde hat das Social-Media-Konzept des ORF darüber und mehr Aktivitäten auf Facebook gerade abgenickt. Vor allem ein "verlängertes Marketingtool" für den ORF, kein neues Geschäftsfeld, sagt er.

Fußball-App und soziale TVthek

Ein länger angekündigter ORF-Programmguide mit Empfehlungsfunktionen, auch für User, überfordert die Fernseh-IT des ORF noch. Und das Gesetz beschränkt Social-Media-Möglichkeiten des ORF für diesen Programmführer. Und er sieht heute keine Anzeichen für deren Lockerung. Als "ersten Schritt" kündigt Wrabetz nun eine "Individualisierung" der ORF-TVthek an, vor 2017.

Ab Mitte September soll die Fußball-App des ORF um Nationalteam, Bundesliga, EURO und Champions League, "Maßstäbe setzen", sagt Wrabetz – mehr zu Social TV und zur App hier.

Digitale Sniper

Wrabetz war im Frühsommer mit Medienmachern wie Niko Pelinka (Kobza Media) und Marcin Kotlowski (Wien Holding/W24) auf Kurz-Studienreise bei Google und Co im Silicon Valley.

Sein Befund über die "Herausforderer": "Da sitzen einige Tausend bis Zehntausend der intelligentesten Kids der Welt mit den größten Geldmengen und denken nach, wie sie eine Branche nach der anderen genau zwischen die Augen treffen können. Sie denken auch darüber nach, wie sie das klassische Fernsehen und Radio zwischen die Augen treffen. Sie meinen das nicht böse. Sie sind überzeugt, dass alles Bestehende verändert werden muss." – Mehr dazu hier.

Flimmit, Klassik, das wär's

Netflix etwa habe das klassische Fernsehen bisher nicht ersetzt, auch nicht in den USA – "aber man muss es ernst nehmen." Der ORF setzt das Videoabrufportal Flimmit dagegen; bis 2016 will der ORF ein Klassik-Streamingportal starten. Hat Wrabetz mehr Streamingpläne? "Ich sehe heute keine weiteren Felder."

Video-Austausch über APA

"Sehr schwer umsetzbar" ist laut Wrabetz eine geplante Videokooperation des ORF mit Zeitungsportalen – die Wettbewerbsbehörde habe Einwände. Plan B lautet nun, "das über die APA zu organisieren. Das wird geprüft."

Schultern und Schlüsse

Die Video-Zulieferung sah Wrabetz als Beitrag des ORF zum vielbeschworenen "Schulterschluss" österreichischer Medien gegen internationale Giganten wie Google und Facebook. Seine Erfahrung, etwa bei "unsinnigen" App-Beschränkungen: "Kaum kommt man zur konkreten Medienrealität und zu einvernehmlichen Lösungen, dann finden sich plötzlich alle wieder in ihren Medien-Schrebergärten wieder, die sie ängstlich behüten."

Frühfernsehen aus Kitz

Wie für "Bewegungsspielraum" bei Apps bräuchte es für einen Regional-Fernsehkanal des ORF bräuchte es eine Gesetzesänderung, und die sieht Wrabetz derzeit nicht.

Vorerst – ab Frühjahr 2016 – kommt die Regionalität vor allem ins neue "Frühfernsehen". Von sechs bis neun Uhr meldet sich der ORF aus einer Gemeinde, in der tunlichst gerade etwas los ist – Hahnenkammrennen, Salzburger Festspiele, Narzissenfest oder Beach-Volleyball.

Zugabe: Generalswahl 2016

Tritt Wrabetz, 2016 zehn Jahre ORF-Chef, wieder an? Er wirkt so, sagt es aber nicht – nur: "Die Aufgabe und Herausforderung gehen weiter." Und eines schließt er aus: "Ganz sicher" will er nicht Bundeskanzler werden – was ja nicht alle bisherigen ORF-Generäle ausschließen.

Wrabetz "geht nicht davon aus", dass Finanzdirektor Richard Grasl 2016 gegen ihn antritt.

Ein Direktorenteam für 2016 kommentiert er nicht. Aber eine Bewerbung sollte jedenfalls die geplante neue Führungsstruktur des ORF enthalten: mit Direktoren für Information und Programm über alle Medien.

"Entbehrliche" Redakteurskritik

Die ORF-Redakteure sorgen sich um redaktionelle Vielfalt in dieser neuen Struktur. Wrabetz sagt, er überdenkt seine Organisationspläne dazu. Doch schon in jüngsten Ressortleiter-Besetzungen vermutet die Redakteursvertretung politische Geschäfte mit Blick auf die Generalswahl.

Wrabetz findet öffentliche Debatten darüber "absolut entbehrlich". Und: "Ich verstehe, dass sich immer mehr Mitarbeiter über öffentliche Abqualifizierung von Redakteuren durch den Redakteursrat beschweren."

Danke, Betriebsrat

Dem Betriebsrat ist Wrabetz "dankbar", dass der die Betriebsvereinbarung über Hearings gekündigt hat. Mit Form und Gewichtung der Hearings war Wrabetz so unglücklich wie Betriebsrat, Gleichstellungsbeauftragte und Kandidaten, sagt er.

Das hindert den ORF offenbar nicht daran, für kommende Woche zu einem Hearing über die Funktion des Chefredakteurs im Landesstudio Niederösterreich zu laden. Als Favorit gilt, wie berichtet, Vize und Bundesländerkoordinator Robert Ziegler.

Der ORF-Betriebsrat hat zudem beim Obersten Gerichtshof eine Feststellungsklage über die millionenschwere Anrechnung von Vordienstzeiten eingebracht. Er beruft sich auf eine Entscheidung des EU-Gerichtshofs. Wrabetz: "Offensichtlich war den EU-Richtern nicht bewusst, dass sie hier Unsinn rechtsprechen."

"Vorstadtweiber" und "Altes Geld"

Und wenn man Wrabetz nach einer Bilanz der ersten neun, bald zehn Jahre fragt und auch nach Entwicklungen, die er lieber ausgelassen hätte? Da kommt er auf "Mitten im Achten" – auch "eine Erfahrung" – und leitet elegant zu einem Lob der größtenteils weniger schwierigen Fiction-Produktion des ORF über. Lob für Fernsehfilm- und -serienchef Heinrich Mis, Exprogrammdirektor Wolfgang Lorenz, TV-Direktorin Kathrin Zechner und ihre Teams.

Und fürchtet sich Wrabetz schon vor Aufregung um die Schalko-Serie "Altes Geld" im Herbst, die um 20.15 oder kurz nach 21 Uhr laufen soll mit ihren durchaus gewagten Dialogen über Inzest, Sexualpraktiken, NS-Vergangenheit und Wiener Stadtpolitik? Eher nein: "Wer 'Vorstadtweiber' ausgehalten hat, wird auch 'Altes Geld' aushalten."

Hier geht's zum Interview – und zum Start die Haushaltsabgabe

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