Pakistan erklärt den Hitzenotstand

23. Juni 2015, 17:38
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Bereits 750 Menschen sind einer Hitzewelle zum Opfer gefallen sind. Stundenlange Stromausfälle verschärfen die Lage, gegen die Regierung wird wütend protestiert

Karatschi/Neu-Delhi – Die Hospitäler quellen über, und selbst die Häftlinge in den Gefängnissen gehen auf die Barrikaden, weil sich ihre Zellen wie Backöfen aufheizen. Ächzte im Mai Indien unter Temperaturen von bis zu 45 Grad, wird nun das Nachbarland Pakistan von einer mörderischen Hitzewelle heimgesucht. Mindestens 750 Menschen sollen in den vergangenen fünf Tagen an den Folgen der Hitze mit bis zu 49 Grad gestorben sein.

Besonders schlimm ist es in Südpakistan und der 20 Millionen Einwohner zählenden Hafenmetropole Karatschi, dem Wirtschafts- und Finanzzentrum des Landes. Selbst nachts sinken die Werte nicht unter 30 Grad. Die Krankenhäuser stehen vor dem Kollaps und werden dem Ansturm der Hitzekranken nicht mehr Herr. Die Menschen leiden unter Hitzschlag, Dehydrierung, Durchfall und niedrigem Blutdruck. Deshalb hat die Regierung in Karatschi den Hitzenotstand ausgerufen und das Militär um Hilfe gebeten. Die paramilitärischen Pakistan Rangers, die sonst gegen Gangster und Terroristen kämpfen, richteten provisorische Erste-Hilfe-Camps ein.

Auch die Leichenhallen bersten aus allen Nähten. Allein die Wohlfahrtsstiftung Edhi nahm in ihrer Leichenhalle mehr als 400 Tote entgegen. Bei den meisten Todesopfern handelt es sich um Arme und Ältere.

Kein öffentliches Bad für Frauen

Verschärft wird die Lage durch den Fastenmonat Ramadan, in dem gläubige Muslime tagsüber auf Essen und Trinken verzichten. Allerdings gibt es ausdrücklich Ausnahmen für Kranke, Schwangere, Alte und Kinder. Während sich Männer und Burschen tagsüber zumindest in Seen, Flüssen, oder Brunnen abkühlen, bleibt den Frauen ein solches Bad in der Öffentlichkeit aber verwehrt.

Mit den Temperaturen steigt auch die Wut auf Regierung und Stromkonzerne. Stundenlage Stromausfälle machen die Hitze zur Folter. In einigen Städten fiel der Strom bis zu 17 Stunden aus. Teure Klimaanlagen und Generatoren sind ohnehin nur Reichen vorbehalten. Doch ohne Strom können die Armen nicht einmal Ventilatoren oder Wasserkühler betreiben – und sind der Hitze schutzlos ausgeliefert.

In ihrer Verzweiflung übernachten Tausende Menschen in Karatschi am Strand und in Parks, weil sie es in ihren überhitzten Häusern nicht mehr aushalten. Hinzu kommt vielerorts noch eine Wasserknappheit, weil die Wasserpumpen Strom brauchen. In mehreren Städten kam es zu wütenden Protesten. Aufgebrachte Demonstranten blockierten Straßen und attackierten Polizeiautos mit Steinen. "Karatschi weint, die Regierung schläft", erregten sich Pakistaner auf Twitter.

Kritik an Regierung

Die Opposition forderte am Dienstag, der Toten mit einem Tag der Staatstrauer zu gedenken. Zugleich warf sie der Regierung von Nawaz Sharif vor, für die Hitzetoten verantwortlich zu sein. Sie habe ihr Versprechen gebrochen, für ausreichend Strom zu sorgen. Pakistan leidet seit Jahren unter einer schweren Elektrizitätskrise. Allerdings bekam bereits die Vorgängerregierung die Stromausfälle nicht in den Griff.

Die erschöpften Menschen in Südpakistan hoffen nun auf den Monsun. In diesen Tagen sollen erste Schauer für ein Aufatmen und eine leichte Abkühlung sorgen. Doch Meteorologen warnen: Die nächste Gluthitze könnte bereits im Anmarsch sein. (Christine Möllhoff, 23.6.2015)

  • Nachdem er seine Plastikflaschen an einem öffentlichen Wasserhahn aufgefüllt  hat, gönnt sich dieser Mann in Karatschi ein  kühlendes Bad – bei Temperaturen von bis zu 49 Grad.
    foto: reuters / akhtar soomro

    Nachdem er seine Plastikflaschen an einem öffentlichen Wasserhahn aufgefüllt hat, gönnt sich dieser Mann in Karatschi ein kühlendes Bad – bei Temperaturen von bis zu 49 Grad.

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