Schiffsunglück in China: Hunderte weiter vermisst

2. Juni 2015, 16:40
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Nach dem Untergang eines Schiffs mit 456 Menschen an Bord im Jangtse kämpfen die Retter gegen schlechtes Wetter und die starke Strömung. Geschlossene Schleusen sollen den Wasserspiegel weiter senken

Der heftige Sturm schüttelte das große Kreuzfahrtschiff Dongfangzhixing, zu Deutsch "Stern im Osten", im aufgewühlten Jangtse-Strom. Nach 21 Uhr aber wurde es am Montag richtig schlimm, blitzte und donnerte es, so wie Zhang Hui es noch nie erlebt hatte. Der 43-Jährige überlebte als einer von nur 14 bis Dienstagabend Geretteten unter 456 Passagieren den Untergang. Obwohl er nicht einmal schwimmen konnte. Zhang griff sich eine der Rettungswesten und sprang in die Wellen.

Zehn Stunden lang trieb ihn die Strömung fast 50 Kilometer weit bis zur Stadt Yueyang. Als er vom Schiff sprang, hat er noch "mehr als ein Dutzend andere in Rettungswesten im Wellengang treiben sehen und schreien hören". Nach einer halben Stunde "war dann alles ganz ruhig."

Keine Zeit zur Flucht

Alles war ganz schnell gegangen. Der Untergang des Schiffes bei Windstärke 12 in der Nacht auf Dienstag um 9.28 Uhr ließ den Menschen im Schiffsinneren kaum Zeit zur Flucht. Alles habe nur "ein oder zwei Minuten gedauert", sagten der überlebende Kapitän und der Erste Maschinist. Beide wurden verhaftet und verhört. Nach ihren Angaben habe der Wirbelsturm das Schiff mit solcher Wucht gepackt, dass es umkippte und versank.

Pekings Führung mobilisierte Tausende von Soldaten, Techniker, Feuerwehren und eine Spezialeinheit von 183 Armeetauchern. Sie sollten versuchen, eingeschlossene noch lebende Passagiere zu retten.

Klopfgeräusche

Durch den Auftrieb ragte am Morgen das Schiff mit einem Teil seines umgedrehten Rumpfbodens aus dem 15 Meter tiefen Strom. Retter, die auf den Rumpf kletterten, hörten Geräusche aus dem Schiffsinneren. Sie hätten Klopfzeichen von drei Stellen aus der Mitte und vom Heck als Antwort bekommen, meldeten die CCTV-Nachrichten. Zu Mittag holten Taucher als Erste die 65-jährige Zhu Hongmei aus dem Schiff. Sie hatte 15 Stunden in einer kleinen Kammer mit Luftblase ausgeharrt. Später konnten sie eine weitere Person retten.

Aus Peking flogen Premierminister Li Keqiang und eine Regierungsdelegation zur Unglücksstelle. Li ordnete an, Sauerstoff in das Schiff zu pumpen, um seinen Auftrieb zu verstärken, den Rumpf mit Stahlseilen vom Ufer her gegen die Strömung festzuzurren und industrielle Schneidemaschinen heranzuschaffen.

Schiff war nicht überbucht

Die wichtigste Maßnahme aber war die Schließung der gigantischen Schleusen des flussaufwärts gelegenen "Drei-Schluchten-Staudammes" in drei Phasen. Sie wurden von 17.200 Kubikmeter abgelassenem Wasser pro Sekunde auf 7000 Kubikmeter heruntergefahren. Bis Dienstagnacht sollte sich dadurch der Rumpf des Schiffes um drei Meter über das Wasser heben, um von oben aufgeschnitten werden zu können.

Es ist der schwerste Unfall in der Geschichte chinesischer Kreuzfahrten. Der Stern im Osten war von der Metropole Nanjing nach Südwestchinas Chongqing unterwegs. An Bord waren 405 chinesische Touristen, fünf Reisebegleiter und 46 Besatzungsmitglieder. Es gibt keine Hinweise darauf, dass auch Ausländer an Bord waren.

Das 1994 erbaute Schiff bot Platz für 534 Menschen, war also nicht überbucht. Die Regionalzeitung Chutian Dushi fragte, warum ein anderes Touristenschiff, das vor dem Stern im Osten fuhr, am Montag vor Anker ging. Ihr Kapitän hatte wegen der Schlechtwettervoraussage die Fahrt gestoppt. (Johnny Erling aus Peking, 3.6.2015)

Bilder: Mit dem Hammer auf der Suche nach Überlebenden des Schiffsunglücks

Hintergrund: Der Jangtse - Chinas wirtschaftliche Lebensader

Mit seinen rund 6.300 Kilometern ist der gigantische Jangtse-Strom der längste Fluss Asiens und nach Nil und Amazonas der drittlängste Fluss der Welt. Für China hat der Jangtse große Bedeutung, denn er ist seit mehr als 2000 Jahren der bedeutendste Verkehrsweg des Landes und gilt als wirtschaftliche Lebensader.

Sein Einzugsgebiet ist reich an Bodenschätzen und beherbergt bedeutende Industriestandorte. Die Tiefebene am Mittel- und Unterlauf zählt zu den fruchtbarsten Gebieten des Landes und gilt als Chinas Kornkammer.

Industrie und Landwirtschaft verseuchen den Fluss allerdings mit so vielen Giftstoffen, dass die Trinkwasserversorgung vieler Städte entlang des Jangtse gefährdet ist. Mit Beginn der Monsunzeit im Juni führt der Strom regelmäßig Hochwasser, verheerende Überschwemmungen sind nicht selten. Bei einer der größten Flutkatastrophen des 20. Jahrhunderts kamen 1954 rund 30.000 Menschen ums Leben.

2006 wurde nach 13-jähriger Bauzeit der 184 Meter hohe Drei-Schluchten-Damm für das weltgrößte Wasserkraftwerk fertiggestellt. Für das umstrittene Projekt wurden nach unterschiedlichen Angaben 1,2 bis 1,4 Millionen Menschen umgesiedelt. Für das mehr als 600 Kilometer lange Reservoir wurden 13 größere und 140 kleinere Städte sowie 1.350 Dörfer geflutet. (APA)

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    grafik: apa
  • Hilfskräfte auf dem gekenterten Schiff.
    foto: reuters

    Hilfskräfte auf dem gekenterten Schiff.

  • Die 65-jährige Zhu Hongmei war die Erste, die von den Tauchern aus dem  gesunkenen Schiff gerettet werden konnte. Sie hatte den Rettern Klopfzeichen  gegeben.
    foto: reuters

    Die 65-jährige Zhu Hongmei war die Erste, die von den Tauchern aus dem gesunkenen Schiff gerettet werden konnte. Sie hatte den Rettern Klopfzeichen gegeben.

  • Rettungskräfte machen sich zum Einsatz bereit.
    foto: reuters/chen zhuo/yangzi river daily

    Rettungskräfte machen sich zum Einsatz bereit.

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