Wiener Kinderpsychiatrie: Forscher untersuchen Misshandlungsvorwürfe

11. Dezember 2014, 13:21
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Projekt soll Geschichte des Pavillons 15 im Otto-Wagner-Spital beleuchten, Ergebnisse für August 2015 erwartet

Wien - Nach Medienberichten im vergangenen Jahr, die Missbrauchsvorwürfe an geistig behinderten Kindern und Jugendlichen in Wiener Einrichtungen der 1960er- bis 1980er-Jahre dokumentierten, hat sich der Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) nun entschlossen, die Geschichte dieser Institutionen aufarbeiten zu lassen. Erste Ergebnisse sollen im August 2015 vorliegen, der Endbericht wird Mitte 2016 erwartet.

Der Fokus des vom Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS) durchgeführten Projekts liegt dabei speziell auf jene beiden stationären Einrichtungen, zu denen die meisten Vorwürfe vorliegen: Dem Pavillon 15 "Am Steinhof" im Otto-Wagner-Spital sowie der Abteilung für entwicklungsgestörte Kinder am Neurologischen Krankenhaus Rosenhügel, wie Projektleiterin Hemma Mayrhofer am Donnerstag vor Journalisten erklärte. Unter anderem soll es dort zu physischer Gewalt, körperlicher und emotionaler Vernachlässigung, Zwangssterilisationen oder medikamentösen Ruhigstellungen gekommen sein.

Die mit 210.000 Euro budgetierte und vom KAV beauftragte Fallstudie soll nun vor allem den Umgang mit geistig behinderten Kindern und Jugendlichen aufarbeiten - sowohl in medizinischer als auch in pflegerischer Hinsicht. Dabei soll der zeitgenössische "State of the Art" der tatsächlichen Praxis gegenübergestellt werden.

"Basale Informationen" fehlen

Aber auch die Organisation der Einrichtungen, Kontrollinstanzen sowie die rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen werden beleuchtet, berichtete Mayrhofer, die bereits an der Aufarbeitung der Geschehnisse im Kinderheim Wilhelminenberg mitgewirkt hat. Allerdings betonte die Projektleiterin: "Wir sind ein Forschungsteam und kein Gericht." Vielmehr sei das Projekt ein "Bekenntnis dazu, die Vorwürfe umfassend aufzuarbeiten und auf Basis der Ergebnisse zu diskutieren, wie man sich der politischen Verantwortung stellen kann".

"Besonderes Augenmerk" werde man dabei auch auf die individuellen Lebensschicksale der Patienten und ihre "institutionellen Karrieren" legen, erklärte die Soziologin. Fragen der Überweisung in die Einrichtungen werden ebenso thematisiert, wie mögliche soziale Ungleichheit: "Hatte etwa die soziale Herkunft Einfluss auf die Diagnostik und die Behandlung?", so Mayrhofer.

Denn derzeit würden selbst "basale Informationen" zu den beiden Einrichtungen fehlen, wie auch eine erste Recherche zu den Patientenzahlen zeige: Teilweise seien im Pavillon 15 "wesentlich mehr" Personen untergebracht gewesen als bisher angenommen. Statt von 50 bis 70 Kindern sprechen Quellen von bis zu 130 Patienten. Über den Rosenhügel wisse man noch viel weniger.

Kontinuitäten aus der NS-Zeit

Zeitlich will man sich auf die 1960er- bis 1980er-Jahre konzentrieren - der Rahmen könne jedoch ausgeweitet werden, um etwa Kontinuitäten aus der NS-Zeit sichtbar zu machen oder Lebenswege bis in die Gegenwart zu verfolgen. Als Grundlage dienen nicht nur Personal-, Patienten- oder Verwaltungsakten, sondern auch Interviews mit Zeitzeugen. Befragt werden sollen ehemalige Mitarbeiter (sowohl medizinische, als auch nicht-medizinische), Angehörige und - so weit möglich - die Betroffenen selbst.

Den bereits vorliegenden internen Bericht des KAV will man ebenfalls als Quelle nutzen - aber "genauso kritisch befragen", betonte Mayrhofer. Im Gegensatz zu diesem Bericht werden die Ergebnisse des Projekts jedenfalls vollständig öffentlich zugänglich sein - wenn auch aus Datenschutzgründen natürlich mit anonymisierten Patientendaten. Der KAV hatte damals argumentiert, seinen Bericht aufgrund der Datenschutzproblematik nur auszugsweise veröffentlichen zu können.

Dem interdisziplinären Forschungsteam steht ein wissenschaftlicher Beirat beratend zur Seite - in beiden Gruppen finden sich Wissenschafter, die bereits in der Kommission zum Wilhelminenberg gearbeitet haben. Man sei durch die Medienberichte auf den Forschungsbedarf aufmerksam geworden und dann mit der Projektidee an den KAV herangetreten, erklärte Mayrhofer. Zu diesem Zeitpunkt habe der KAV allerdings auch schon mit anderen Forschern verhandelt, wie es auf APA-Anfrage im Büro der zuständigen Stadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) hieß.

Per Aussendung bekräftigte Wehsely, aus den Ergebnissen auch Konsequenzen ableiten zu wollen. Nur durch "eine umfassende historische Aufarbeitung durch externe und unabhängige ExpertInnen" könne man Antworten erhalten und "daraus die notwendigen Schlüsse ziehen", erklärte die Stadträtin. Auch die Sozialsprecherin der Wiener Grünen, Birgit Hebein, begrüßte "diesen notwendigen Schritt zur lückenlosen Aufarbeitung" - es gehe darum, gegenüber den Opfern und ihren Familien Respekt zu zeigen und politische Verantwortung zu übernehmen. (APA, 11.12.2014)

  • Soziologen sollen für den KAV die Misshandlungsvorwürfe prüfen.
    foto: corn

    Soziologen sollen für den KAV die Misshandlungsvorwürfe prüfen.

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