Die IS-Miliz und Nathan der Weise 

Userkommentar30. Oktober 2014, 09:51
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Zum Jihad, der aktuellen innereuropäischen Bildungsdebatte und dem, was junge Muslime von Gotthold Ephraim Lessing lernen könnten

Dieser Kommentar soll der Versuch sein, zwei Dinge miteinander zu verknüpfen, die normalerweise nicht in unmittelbare Verbindung gebracht werden, nämlich die Ereignisse im Nahen Osten und die aktuelle Bildungsdebatte hierzulande – wie sie z. B. in letzter Zeit von Bernd Schilcher und Konrad Paul Liessmann via STANDARD geführt wurde.

Es verwundert nicht, wenn Menschen, die mehr als drei Jahre inmitten eines grausamen Bürgerkriegs radikalisiert wurden (Syrien), dem terroristischen Fundamentalismus zulaufen oder wenn dies bei Volksgruppen, die aus dem politischen Leben ihres Landes ausgeschlossen wurden (die Sunniten im Irak), der Fall ist.

Schon erstaunlicher ist es, dass hunderte Bürger Europas einen solchen Schritt setzen. Oftmals handelt es sich dabei freilich um Kinder von Immigranten. Doch ist dies nicht einmal immer der Fall. Auch wird behauptet, dass die Diskriminierung Eingewanderter eine Rolle spielt. Der durch die "Süddeutsche Zeitung" bekannt gewordene Erhan A. aber hatte im Allgäu das Abitur gemacht und ein Studium der Wirtschaftsinformatik begonnen. Er war also alles andere als perspektivenlos. Dennoch hält er die Demokratie für unvereinbar mit dem Islam, sich selbst für im Besitz der absoluten Wahrheit und sagt: "Ich würde sogar meine Familie töten, wenn sie sich gegen den Islamischen Staat stellt."

Sucht man nach dem Gegenteil einer solchen Haltung, so findet man sie inmitten des Kanons der klassischen humanistischen Bildung, nämlich in der Ringparabel aus Lessings "Nathan der Weise", einem Stück, das eigentlich jeder gelesen haben sollte, der die Matura gemacht hat.

Der Zerfall klassischer Bildung

Auch Erhan A.? Wenn er jemals von ihr gehört hat, scheint sie nicht allzu viel Eindruck auf ihn gemacht zu haben.

Vielleicht hat er sie aber auch nie zu Gesicht bekommen. Als ich ein Kind war, war das Stück sogar im Fernsehen zu sehen. In die heutige, nach ständiger Reizüberflutung, aber nicht nach bedächtiger Reflexion hungernde Fernsehlandschaft würde es eher nicht passen. Im Internet stößt man nur darauf, wenn man eigens danach sucht.

Wie viel ist inmitten der zeitgenössischen Medienwelt vom Geist eines solchen Stücks, in dem quasi der Kern dessen gespeichert ist, was ein aufgeklärtes Europa ausmacht, aber heutzutage noch Kindern vermittelbar, in einer Schule, die Bildung immer mehr bloß als Ausbildung zu verstehen hat, die eigentlich bloß noch den Erfordernissen der Wirtschaft dienstbar sein soll und die nur mehr angesehen wird als Mittel, um nachher Karriere zu machen – kurzum: die mit dem Zerfall dessen konfrontiert ist, was früher einmal klassisch-humanistische Bildung geheißen hat und allgemein eine Anerkennung in der Gesellschaft genossen hat, während es heutzutage lediglich Desinteresse erntet?

Hier findet sich der Unterschied, den Liessmann in seinem Buch "Theorie der Unbildung" zwischen Aneignung bloßen Wissens und echter Bildung macht. Sicherlich wäre es gewagt, zu behaupten, Lehrer, die es geschafft hätten, das Interesse des Schülers Erhan A. für das Stück "Nathan der Weise" zu wecken, anstatt ihm bloß das Rüstzeug zu geben, um Wirtschaftsinformatik zu studieren, hätten ihn vom terroristischen Islamismus abzubringen vermocht. Ganz aus der Luft gegriffen ist der Gedanke indes nicht.

Das Potenzial von Bildung heute

Evident scheint es mir, dass dem Islamismus ein bestimmtes gesellschaftliches Klima in Europa entgegenkommt, denn er greift jenes Bedürfnis junger Menschen nach Geistigem auf, das hierzulande nur mehr unter dem Titel "Orchideenfächer" oder "Privatsache" zur Kenntnis genommen wird.

Vielleicht aber ist "Nathan der Weise" deswegen so eindrucksvoll, weil das Stück beispielhaft für das steht, was Literatur grundsätzlich in uns erzeugen soll: Empathie, Mitgefühl für ein anderes Ich, für jemanden, der anders ist, anders denkt, eine andere Geschichte hat als wir selbst. In dem Bild des totalitär denkenden Patriarchen von Jerusalem, das Lessing skizziert, hingegen könnte Erhan A. sich selbst wiedererkennen. Die Ringparabel – zum Zeitpunkt ihrer Entstehung war sie freilich zuerst einmal Christen und Juden zugedacht. Heutzutage könnten sie auch Muslime manchmal brauchen. Das wäre ihr Ticket zur Aufklärung. Tatsächlich aber bedürfen wir alle ihrer, um uns hin und wieder an ihre schlichte, aber tiefe Weisheit zu erinnern.

Ortwin Rosner, Jahrgang 1967, studierte Germanistik und Philosophie in Wien. Seine Diplomarbeit mit dem Titel "Körper und Diskurs. Zur Thematisierung des Unbewußten in der Literatur anhand von E. T. A. Hoffmanns 'Der Sandmann'", erschien 2006 im Peter Lang-Verlag; lebt als Schriftsteller in Wien.

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