Eurofighter: Mängel könnten Lebensdauer verkürzen, Heer prüft

1. Oktober 2014, 17:11
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Ein Produktionsfehler schlägt politische Wellen. Geht es nach den Gegnern des Projekts, könnte dieser einen Ausstieg rechtfertigen

Ginge es nach Peter Pilz, würde kein einziger Eurofighter mehr fliegen. Der Sicherheitssprecher der Grünen hat am Dienstagabend auf "Spiegel online" die Meldung gelesen, dass der Hersteller die Truppe kürzlich gewarnt habe, "dass am Rumpfhinterteil des Jets 'Herstellungsfehler an einer großen Zahl von Bohrungen' entdeckt worden seien. Deswegen ist auch die Auslieferung neuer Jets durch Airbus Defence and Space zunächst verzögert worden."

Pilz verbrachte eine schlaflose Nacht, ging am Vormittag zu einem (seit längerem vereinbarten) Termin mit Verteidigungsminister Gerald Klug (SPÖ) und informierte anschließend die Medien: Der Minister habe ihm erklärt, dass es ein bisher nicht bekanntes Problem gäbe - eine bereits im August vom Hersteller ausgegebene "Special Technical Order" hat wohl auch die Techniker auf dem Fliegerhorst Hinterstoisser in Zeltweg erreicht. Aber weil diese als wenig relevant eingeschätzt wurde, ist sie nicht dem Minister kommuniziert worden - was Pilz als Skandal ansieht, der noch das Parlament beschäftigen müsse.

foto: apa/erwin scheriau
Einige Bohrlöcher am hinteren Rumpfteil des Eurofighters wurden unvollständig entgratet. Das ist niemandem aufgefallen. Seit dies bekannt wurde, herrscht Aufregung.

Rufe nach Vertragsausstieg

Und als Anlass, aus dem Vertrag auszusteigen. Denn: In einem Schreiben des deutschen Staatssekretärs Ralf Brauskiepe an den Haushaltsausschuss des Bundestags wird darauf hingewiesen, dass die "Flugstundenfreigabe" für die Eurofighter vorsorglich und vorläufig von 3000 auf 1500 Stunden (was noch kein Flugzeug erreicht hat) reduziert wurde; für Österreich wird eine Reduktion von 6000 auf 2000 Stunden (also auf mehr als für Deutschland) angenommen.

Pilz argumentiert: Die Republik bekomme für ihr Geld allenfalls die Hälfte der Leistung, für die sie gezahlt hat - allein das schon entspreche der "laesio enormis", der Verkürzung über die Hälfte des wahren Werts, und ermögliche einen Vertragsausstieg. Das Verteidigungsministerium versprach, die Sache zu prüfen.

Und es gab Entwarnung: "Die Flugsicherheit der Eurofighter ist aktuell nicht betroffen." Sollten die österreichischen Kampfflieger weiterhin budgetbedingt so selten zum Einsatz kommen wie derzeit, dürfte das Problem "erst in 15 Jahren zu Folgen am Flugzeug führen".

Folgen nicht abschätzbar

Denn: Welche Folgen das überhaupt sein könnten, ist nicht abschätzbar - Techniker halten das Problem (mangelhafte Entgratung an Bohrstellen) überhaupt für vernachlässigbar. Auch in dem Schreiben des deutschen Staatssekretärs wird ausdrücklich festgehalten, dass "die Auswirkungen dieser Problematik auf die Lebensdauer der Zelle noch nicht absehbar sind" - was bedeutet, dass das Problem möglicherweise auch in Zukunft gar nicht auftreten wird. Aktuell gilt auch in Deutschland: "Nach unseren Erkenntnissen arbeitet BAE Systems an Maßnahmen, um den vertragsgemäßen Zustand (die garantierten Flugstunden, Anm.) wiederherzustellen. Der Ausbildungs- und Einsatzflugbetrieb des Waffensystems Eurofighter der Luftwaffe ist weiterhin sichergestellt."

Das Bundesheer beurteilt dies gleich. Dazu muss man wissen: Deutschland ist bei der Flugsicherheit übervorsichtig, weil man eine Absturzserie wie bei der Lockheed F-104 vermeiden will. Der "Starfighter" galt als "Witwenmacher", weil jeder sechste Pilot abstürzte. Weiters gibt es einen massiven Interessenkonflikt: So wie vielen österreichischen Politikern die Kosten der Luftraumüberwachung zu hoch erscheinen, wird auch in den Eurofighter-Partnernationen Italien, Deutschland, Spanien und Großbritannien ständig nach Ausflüchten aus dem noch aus dem Kalten Krieg stammenden Programm (es hieß "Jäger 90") gesucht - die Partner haben sich nämlich auf die Abnahme weiterer Flugzeuge verpflichtet. Und würden sich zur Schonung ihrer Budgets gern von dieser Verpflichtung drücken. Hinzu kommt, dass die Interessen der amerikanischen Rüstungsindustrie (und der US-Regierung) gegen den international als Typhoon vermarkteten Eurofighter und dessen Mutterkonzern Airbus gerichtet sind.

Heimische Flieger abgerüstet

Bei Übungen schneidet der Eurofighter/Typhoon stets besser ab als vergleichbare Jets. Das allerdings gilt nicht für die 15 österreichischen Flugzeuge - diese wurden 2007 so weit abgerüstet, dass ihr Kampfwert weit unter internationalem Niveau liegt. Gerade deshalb ist ihr Einsatz vergleichsweise besonders ineffizient.

Die Meldungen über den Eurofighter wurden jedenfalls an den Börsen registriert: Airbus-Group fiel am Mittwoch um mehr als ein Prozent. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 2.10.2014)

Kommentar: Kaputtes System

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