Maschinen als Jobkiller: Gegenrechnung schwierig

25. März 2014, 07:32
217 Postings

Seit der Industriellen Revolution wird versucht zu errechnen, wie viele Arbeitsplätze vernichtet und wie viele erschaffen wurden - Mit Zeitreise

Als Ende des 18. Jahrhunderts die ersten mechanischen Webstühle aufgestellt und in Betrieb genommen wurden, folgte der Aufstand der Arbeiter im Textilgewerbe. In gesellschaftlichen Umbruchphasen, die mit technologischen Neuerungen oder revolutionären Veränderungen einhergehen, geht im Arbeitsumfeld die Angst um, ersetzt zu werden. Ersetzt zu werden durch eine Maschine, einen Roboter oder durch einen Computer. Die Industrielle Revolution, der Beginn der Automatisierung der Produktion, wurde von Anfang an begleitet von Protesten der Arbeiter.

Die "Maschinenstürmer" zerlegten die Geräte, die ihnen vermeintlich ihre Arbeitsplätze streitig machten. Dabei haben die Maschinen, die seit mehreren Jahrzehnten zu einer Hochblüte der Textilindustrie beitrugen, durchaus auch zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen.

Ganz einfach ist diese Gegenrechnung aber nicht anzustellen. Historiker Hubert Weitensfelder erläutert dies anhand eines anderen Beispiels: "Die Eisenbahn hat im 19. Jahrhundert sicher allein in der Habsburgermonarchie tausende Arbeitsplätze von Fuhrwerksbetreibern obsolet gemacht. Insgesamt war aber die Eisenbahn ein neues System, in dem schließlich zehntausende Menschen beschäftigt waren. Welchen Teil der Beschäftigten soll man jetzt mit den Fuhrwerkern gegenrechnen?"

Zeitleiste zur Geschichte der Automatisierung (ohne Anspruch auf Vollständigkeit)

Technischer und wirtschaftlicher Wandel vollziehe sich sehr vielschichtig, Milchmädchenrechnungen würden florieren, seien aber wenig sinnvoll, so Weitensfelder. Was sich aber feststellen ließe: Die industrialisierten Staaten im 19. Jahrhundert hatten ein sehr reges Bevölkerungswachstum erfahren. Dennoch sei die Arbeitslosigkeit nicht annähernd proportional dazu gestiegen.

Zu Bedenken gibt der Historiker auch, dass die wirklich großen Verschiebungen sich nicht auf den industriellen Sektor beschränken lassen. Seit 1870 habe sich in Österreich die Zahl der in Land- und Forstwirtschaft Tätigen von über 50 auf fünf Prozent vermindert, im Dienstleistungssektor sei sie in derselben Zeit von 23 auf 70 Prozent angestiegen. In Bergbau, Industrie und Gewerbe hingegen habe sich hingegen nur wenig verschoben.

Mit den Maschinen verändert sich auch die Arbeitswelt. Anfang des 20. Jahrhunderts setzt ein Mobilisierungsschub ein. Nachdem die Eisenbahn den Verkehr über weite Strecken verändert und den Transport demokratisiert hat, rollen die ersten Automobile über die Straßen - quasi die Versinnbildlichung der Automatisierung: die sich selbst bewegende Maschine, die kein Pferd mehr anziehen und kein Mensch mehr anschieben muss. So ist es auch Henry Ford, der in seiner Autofabrik flächendeckend Fließbänder einsetzt.

Der Mensch verwandelt sich immer mehr von der Produktionskraft zum Bediener einer Maschine - eine Entwicklung, die noch weiter andauern wird. Ende der 1960er-Jahre beginnen japanische Autohersteller, entlang ihrer Fließbänder Roboter einzusetzen. Schwere oder gefährliche Arbeiten, wie zum Beispiel das Sprühen von Lack, übernehmen immer häufiger Maschinen.

Körperintensive Tätigkeiten werden sukzessive ausgelagert. Aber nicht nur an Maschinen. Historiker Weitensfelder macht hier einen Megatrend aus: Die Auslagerung geht vorwiegend in Länder, in denen die Regierungen autoritär, die Konzern-Multis stark, die Gewerkschaften schwach und der Arbeitsschutz kaum ein Thema sind. In Europa habe man sich unterdessen anderen Beschäftigungen zugewandt. Nun werde mit den steigenden Arbeitskosten, etwa in asiatischen Ländern, vereinzelt die Rückkehr der Industrie prognostiziert, zum Beispiel in Teilen der USA. Allerdings zu niedrigeren Löhnen. Weitensfelder: "Die Frage, in welchem Maß gewisse Tätigkeiten weniger Qualifikation als früher erfordern, ob diese eventuell unbefriedigender sind und ob 'gerechte' Löhne gezahlt werden, wird uns weiter beschäftigen, ist aber im Wesentlichen ohnehin nicht veri- oder falsifizierbar." (Daniela Rom, derStandard.at, 25.3.2014)

Share if you care.