Wie uns die Roboter das Fürchten lehren

19. März 2014, 10:58
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Wo Maschinen besser sind als Menschen, übernehmen sie ihre Jobs. Das Paradigma Wachstum durch Technik wird angezweifelt

Autobauer Great Wall eröffnete 2012 als erster chinesischer Hersteller ein Werk in der EU. Die in Nordbulgarien gebaute Fabrik wurde damals unter großem Medienrummel eingeweiht. Auf 500.000 Quadratmetern legten die Chinesen mit 120 Mitarbeitern und einer Jahresproduktion von 4.000 Fahrzeugen los. Andere Hersteller schaffen mit 2300 Mitarbeitern rund 150.000 Fahrzeuge pro Jahr. Wer je eine Autofabrik besucht hat, weiß, dass Menschen dort eher rar gesät sind: Arbeitskräfte üben in diesen Produktionsstätten vielfach nur noch Kontrolle aus. Zusammengebaut werden die Fahrzeuge hauptsächlich von sanft schnurrenden Hochpräzisionsrobotern. 

Wo Maschinen effizienter sind als Menschen, übernehmen sie ihre Jobs. Und sie werden immer besser und intelligenter. Roboter lernen Probleme zu lösen und mit Menschen und anderen Robotern zu interagieren. Arbeitsspeicher werden schneller, Festplatten größer und die Prozessoren besser. Der amerikanische Futurist Ray Kurzweil hatte vorhergesagt, dass die Kapazität von Roboter-Gehirnen die ihrer menschlichen Vorbilder innerhalb der nächsten zwanzig Jahre übertreffen wird. Außerdem verstehen Neurowissenschaftler immer besser, wie Informationen im menschlichen Gehirn verarbeitet werden. Auch solche Prozesse werden aller Voraussicht nach bald von einer Software im Roboter nachgeahmt werden. Am Ende werden die Maschinen Menschen nicht nur imitieren, sondern sogar aus ihren eigenen Erfolgen und Fehlern lernen.


Wo Maschinen effizienter sind als Menschen, übernehmen sie ihre Jobs. Das ist nichts Neues. Foto: AP/Kahnert

Dass Maschinen Menschen Arbeit abnehmen, wird niemanden erschrecken. Neu sind diese Entwicklungen in der Geschichte der Menschheit nicht. Die 250 Jahre seit der Industriellen Revolution sind eine Episode der technologischen Sprünge. Sie begann durch die Erfindungen der Dampfmaschine, des Webstuhls und der Eisenbahn mit der ersten industriellen Revolution zwischen 1750 und 1830. Sie ging weiter mit einer zweiten Umwälzung zwischen 1870 und 1900 durch Elektrizität und Verbrennungsmotor. Und sie fand ihre Fortsetzung mit der dritten Revolution rund um den Computer zwischen 1960 und 2000.  Glaubt man dem amerikanischen Ökonom Robert J. Gordon, hat der Computer vor allem bis in die 1980er Jahre Arbeitsplätze ersetzt und Kräfte für neuen Wohlstand frei gemacht.

Auch die Roboter sind schon lange da. In der Autoindustrie arbeiten sie seit Jahrzehnten monoton hinter Absperrungen, sie schweißen dort oder lackieren. Mittlerweile montieren sie im Schulterschluss mit den Menschen – intelligente Sicherheitssensorik macht es möglich. Davon abgesehen spielen sie Fußball, besuchen den Mars und trösten mancherorts die Senioren. Die industriellen Helferlein servieren Getränke, können staubsaugen und rasenmähen und liefern neuerdings bei PR-Aktionen die Amazon-Post durch die Luft aus. Die deutsche Informatikerin Constanze Kurz hat sich auf einer Recherchereise für ihr Buch "Arbeitsfrei – Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen" diverse Produktionsstätten angesehen. Kuhställe hat Kurz ebenso besucht wie Hühnerzuchtbetriebe, Mühlen und Agrarfabriken. Was sie dort fand: Produktionsstätten - relativ menschenfrei.

Geschichten auf Knopfdruck

Was dem einen oder anderen Unwohlsein verursacht: Auch Menschen, die geistige Arbeit verrichten, können mittlerweile ersetzt werden. Vollständig von einer Software generierte Artikel in US-Zeitungen sind bereits im Einsatz. Nicht immer wissen die Leser Bescheid, dass hier rechnergenerierter Content geliefert wird. Narrative Science, ein Unternehmen aus Chigago hat sich etwa eine Software ausgedacht, die auf Knopfdruck Zahlen und Fakten in lesbare Geschichten verpackt. Viel bekannter ist, dass auch an den Börsen der Großteil der Umsätze mittlerweile im Hochfrequenzhandel erwirtschaftet wird. Menschen spielen hier eher eine Nebenrolle. Informatikerin Constanze Kurz kann sich mit Unternehmensberatern, Juristen und Analysten aber noch ganz andere Bereiche vorstellen, in denen eine Software schneller und präziser als der Mensch in der Bewertung von Daten und Fakten ist.


Kuschelroboter Ole ist in einem deutschen Seniorenpflegeheim für Menschen mit Demenz im Einsatz. Foto: AP/Hecker

Geht es nach George A. Bekey, Vordenker auf dem Gebiet der Roboter-Wissenschaften, ist auch in der Robotertechnik noch lange nicht der Plafond erreicht. Die kleinen Maschinen werden seiner Ansicht nach in Zukunft auch gesellschaftliche Aufgaben übernehmen. Sie werden etwa als Hausmeister, Polizist, Portier, Verkehrskontrolleur, Straßenkehrer oder als autonomes Roboter-Fahrzeug eingesetzt. Roboter werden vermehrt eine Rolle im Gesundheitssystem spielen, als Krankenschwester, Pfleger und sogar als Arzt oder Chirurg.

Wachstum durch Technik

Wachstum durch Technik, lautet seit jeher die Verheißung. In der ökonomischen Theorie sieht die Gleichung folgendermaßen aus: Durch die Automatisierung steigt die Arbeitsproduktivität, die Produktionskosten sinken, die Produkte werden billiger. Das belebt wiederum die Nachfrage und lässt den Arbeitseinsatz wieder steigen. Durch niedrigere Preise bleibt den Konsumenten mehr Geld, das sie für andere Produkte oder Dienstleistungen verwenden können. Alte Jobs verschwinden, neue entstehen – wenn auch an anderer Stelle. In der Periode seit der Industriellen Revolution ist diese Abfolge im Großen und Ganzen auch eingelöst worden. US-Ökonom Robert J. Gordon glaubt allerdings, dass seit den 1980er Jahren mit dem Muster Schluss ist: "Die Erfindungen seit dem Jahr 2000 drehen sich vor allem um Unterhaltungs- und Kommunikationsgeräte, die kleiner, klüger und leistungsfähiger sind." Den Lebensstandard könnten solche Novitäten nicht in der gleichen Art verändern, wie es das elektronische Licht oder Autos vermocht hätten, so Gordon.

In diesem Video wird der Lebensstandard auch nicht verbessert, dafür geht es ganz schön flott zur Sache.

Die in den Industrieländern seit geraumer Zeit durchwegs schleppenden Wachstumsraten rufen aber auch andere Skeptiker auf den Plan. Hardvard-Ökonom Larry Summers orakelt, dass der Weltwirtschaft die Wachstumskraft ausgehen werde. Den Grund will er darin gefunden haben, dass die Wohlhabenden zu wenig investieren. Der PayPal-Co-Gründer und Investor Peter Thiel glaubt hingegen, dass der Welt die Innovationen ausgehen, weil die Erfinder und Unternehmer nicht wagemutig genug seien, um revolutionäre Neuerungen hervorzubringen. Auch sie kommen zum gleichen Schluss: Die Welt strebt dem vorläufigen Ende ihrer wirtschaftlichen Entwicklungen entgegen. Die Rezepte, um dem Erlahmen Einhalt zu gebieten, sehen naturgemäß gegenläufig aus. Summers will mit riesigen staatlichen Investitionen gegensteuern, Thiel mit mehr Freiheit für die Technik-Revoluzzer.

Skeptiker auf dem Vormarsch

Zunehmend macht der rasante Fortschritt auch Angst. Nicht nur jenen, die von den neuen Technologien überfordert, oder deren Arbeitsplätze akut bedroht sind. Mit dem Buch "Race against  the Machine" hatten auch die US-Forscher Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee vor einigen Jahren kräftig Staub aufgewirbelt. Die dritte Industrielle Revolution – so ihre These – vernichtet Arbeitsplätze. Brynjolfsson, Professor an der MIT Sloan School of Managment, und sein Co-Autor McAfee, Vizedirektor des MIT Center for Digital Business an der Sloan School of Management, schreiben darin, dass das langsame Beschäftigungswachstum der letzten zehn bis 15 Jahre in den USA auch auf das Konto der sprunghaften Fortschritte in der Computertechnologie gehen. Darunter subsumieren sie alles von verbesserten Industrierobotern bis zu automatischen Spracherkennungssystemen. Viele Jobs, die während der Finanzkrise verschwunden sind, würden nicht wieder auftauchen, sagen sie. Der technologische Fortschritt hat gemäß dieser Deutung den Menschen, die arbeiten wollen, die Arbeit weggenommen.

Wer auf der Strecke bleibt

Trotzdem sehen die US-Forscher den technologischen Fortschritt durchaus auch positiv. Die tröstliche Botschaft: Insgesamt werden die Produktivität und damit der allgemeine Lebensstandard viele Jahre lang kräftig steigen – ganz nach dem bewährten Muster. Für Brynjolfsson und McAfee finden sich die beruflich gut Qualifizierten und die Eigentümer von Kapital auf der Sonnenseite der neuen Welt, geschaffen durch die digitale Revolution. Schlecht qualifizierte Arbeitnehmer, die Mehrheit der Bevölkerung und Arbeitnehmer im Großen und Ganzen bleiben in dieser Diktion auf der Strecke.


Vor diesen Genossen muss sich niemand fürchten: Roboter beim Fußballspielen. Foto: AP/Jens

Daneben tun sich aber noch ganz andere Baustellen auf, müssen doch ganze Gesellschaftsordnungen auf neue Beine gestellt werden, wie George A. Bekey es treffend beschreibt: "Alle neuen Entwicklungen werden zu juristischen und gesellschaftlichen Problemen führen." Einen rechtlichen Rahmen, um die Mensch-Roboter-Beziehung zu regulieren, gibt es derzeit nicht. Aber auch Roboter werden Verhaltensmaßstäbe brauchen. Belohnen und Strafen - darauf setzt unser Rechtssystem. Doch was ist, wenn Roboter gegen die guten Sitten oder aber gegen Normen und Gesetze verstoßen?  Liegt die Verantwortung für das Verhalten dann bei der Maschine, dem Konstrukteur, dem Erbauer oder dem Verkäufer? Fragen, die neue Technologien aufwerfen und deren Antworten ebenso noch ausstehen, wie jene eines zeitgemäßen Umgangs mit den gesammelten Daten dieser Welt. (rebu, derStandard, 19.3.2014)

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