Des Kleeblatts Glück und Ende

19. Jänner 2014, 10:00
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Die "Kleeblatt-Klinik" in Chicago, Exempel für den Brutalismus der 1970er, wird abgerissen. Blick auf ein eher ungeliebtes Kapitel der Architekturgeschichte

Fragt man eine Chicagoer Mutter, wo sie ihr Kind zur Welt brachte, so lautet die Antwort in den meisten Fällen: "at the Shamrock", im sogenannten Kleeblatt. Der Spitzname der 1975 erbauten Geburtsklinik Prentice Women's Hospital leitet sich aus der unverwechselbaren Form ab. Wie ein Stahlbeton-Ufo mit ovalen Fenstern und kleeblattförmigem Grundriss schwebt das Spital über einem mehrstöckigen Sockelgebäude aus Stahl und Glas. Das Krankenhaus des US-Architekten Bertrand Goldberg gilt als eines der wichtigsten Beispiele für den Brutalismus der Siebzigerjahre.

Doch nachdem sich die Anforderungen an den modernen Spitalsbetrieb in den letzten Jahrzehnten stark geändert haben, wird das Gebäude - nach einer langen und teils sehr emotional geführten Debatte - nun abgerissen. Nicht alle sind mit der Entscheidung einverstanden. Facebook-Gruppen, die sich mit virtueller Kraft für den Erhalt des Prentice Women's Hospital einsetzen, wurden gegründet. Auch zahlreiche Petitionen wurden gestartet. Die Liste der Unterstützer ist lang und liest sich wie das Who's who der Architekturszene: Renzo Piano, Frank O. Gehry, Tadao Ando und viele mehr.

Leben und Tod

In einem offenen Brief an den Chicagoer Bürgermeister Rahm Emanuel wurde auf den baukulturellen Wert des Gebäudes hingewiesen, das in Chicagos Skyline als wichtiger Baustein der Siebzigerjahre gilt. Ein Abriss würde einen Teil der Identität der Stadt verschwinden lassen, heißt es darin. Allein, Stadtbildverluste sind in Chicago an der Tagesordnung. Das architektonische Bild dieser Stadt ist ein sich ständig wandelndes, geprägt von baukulturellem Leben und Tod. Und in diesem Kreislauf werden die Dimensionen immer größer und größer, und das Alte wird auf eine für europäische Augen fast unerträgliche Art und Weise ersetzt.

Den Wortführern und Freunden des Brutalismus ist es sogar gelungen, einen negativen Bescheid des Denkmalamts des Bundesstaats Illinois gerichtlich anzufechten - mit kurzfristigem Erfolg: Für zwei Stunden wurde das charakteristische Gebäude der Northwestern University unter Denkmalschutz gestellt - um gleich darauf aufgrund eines wirtschaftlichen Gutachtens wieder daraus entlassen zu werden.

Mit Raumfahrt-Software geplant

Gründe für den Denkmalschutz gibt es viele. Anders als bei vielen seiner Gebäude, die er für die windige Metropole am Lake Michigan entwarf, setzte Goldberg nicht auf einen möglichst hohen Baukörper wie etwa bei den Marina City Towers (siehe Ansichtssache), sondern auf ein innovatives, funktional begründetes Grundrisskonzept: Die Patientenbereiche gruppierte er rund um die Pflegestationen, die wiederum an den vier Gebäudekernen platziert waren. Auf diese Weise konnten die Wege zwischen Ärzten, Krankenpflegern und Patienten enorm verkürzt werden.

Schon seit den Neunzigerjahren wuchs der Raumbedarf des Spitals, und der Bau drohte aus allen Nähten zu platzen. Ein 2007 eröffneter Neubau in unmittelbarer Nähe übernahm schrittweise die Funktion des alten Prentice Women's Hospital, bis dieses 2011 für immer geschlossen wurde. Das einst mit Software aus der Raumfahrt berechnete Spitalsgebäude wurde zum Symbol einer Architektursprache, deren Zeit schon längst abgelaufen ist.

Stadt in der Stadt

Bertrand Goldberg, 1997 im Alter von 84 Jahren verstorben, gilt bis heute als einer der prägendsten Architekten der US-Metropole. Er hat in Deutschland am Bauhaus studiert und später im Büro von Ludwig Mies van der Rohe gearbeitet und ist 1933 aufgrund seiner jüdischen Herkunft nach Paris geflüchtet. Von jeher faszinierte ihn die Idee der Stadt in der Stadt. Von der Architektur des japanischen Metabolismus ließ er sich genauso inspirieren wie von der britischen Archigram-Gruppe.

Die Zwillingstürme der Marina City (1964) zählen heute zu den bekanntesten und meistfotografierten Bauwerken Chicagos und sind ein gutes Beispiel für Goldbergs architektonische Vision. Das unverwechselbare Erscheinungsbild der im Volksmund "Maiskolben" genannten Türme ist dem offenen, spiralförmigen Parkhaus in den unteren 19 Etagen sowie den darüberliegenden 900 Apartments samt Balkonen zu verdanken. Zum Zeitpunkt der Eröffnung waren die 180 Meter hohen Türme die höchsten in Stahlbeton gefertigten Wohnhäuser der Welt. Noch heute ist die Marina City eine beliebte Kulisse für Werbespots, Musikvideos und Kinofilme - zuletzt im Action-Spielfilm Transformers 3.

Stadtteil für 20.000 Menschen ...

Der große Erfolg der Marina City verhalf Goldberg kurze Zeit später zu einem weiteren, einzigartigen Auftrag: 1972 begannen die Arbeiten an der River City, einem neuen Stadtteil für etwa 20.000 Menschen. Neun 72-stöckige Hochhäuser sollten unter dem Motto "Walk to Work", Wohnbau, Büro, Shopping und Erholung bündelnd, vereint werden, so dass die Anrainer auf allen diesbezüglichen Wegen auf ein Auto hätten verzichten können - und das in Amerika. Der Clou an der Sache: Je drei Hochhäuser wären alle 18 Stockwerke miteinander verbunden, in den Verbindungsetagen wären verschiedene Einrichtungen wie Shops, Arztpraxen, Kindergärten oder Sozialräume angeordnet gewesen.

1977 scheiterte das einzigartige Projekt an der fehlenden Genehmigung der Stadtplanung. Goldberg verwarf sein Konzept und suchte nach neuen Denkansätzen, die in einen flacheren Baukörper mündeten. Der modular aufgebaute Gebäudekomplex River City II sollte sich wie eine Schlange entlang des Chicago River winden: und wieder Sichtbeton als Baumaterial und eine runde Fassade mit Loggien und Fenstern.

... nur zu einem Fünftel realisiert

Das neue Konzept beeindruckte vor allem durch ein lichtdurchflutetes, neungeschoßiges Atrium, das nicht nur als Stiegenhaus, sondern auch als Treffpunkt für die Mieter fungieren sollte. Nur ein Fünftel der geplanten Wohnhausanlage wurde bis 1989 tatsächlich realisiert. Der große Rest blieb im Planungsstadium stecken. Aufgrund der hohen Kosten für eine notwendige Renovierung dachte man kurzfristig sogar über einen Abbruch des bestehenden Gebäudes nach.

Dafür ist es beim Prentice Women's Hospital längst schon zu spät. Der Kampf um die kleeblattförmige Klinik, die nicht wenigen Menschen Glück beschied, ist verloren. Seit einigen Wochen ist der Abbruch des Sockelgebäudes voll im Gange. Inzwischen knabbern sich die Abbruchmaschinen bereits durch den nackten Stahlbeton der oberen Etagen. Das schwebende Haus mit den elliptischen Zukunftsfenstern wird bald Geschichte sein.

Die Entwürfe für den Nachfolgebau wurden bereits präsentiert. Die Pläne für den Wissenschaftskomplex - Resultat eines offenen, internationalen Wettbewerbs, aus dem das Chicagoer Architekturbüro Perkins+Will als Sieger hervorgegangen ist - umfassen 55.000 Quadratmeter Forschungsfläche und sollen ab 2015 in zwei Phasen realisiert werden. Bauteil eins besteht aus einem 14-stöckigen Baukörper (Investitionsvolumen 370 Millionen Dollar, rund 269 Millionen Euro), Bauteil zwei sieht einen 45-stöckigen, schlanken Glasturm vor. Damit hat das Glück eine neue Form gefunden. (Michael Hierner, DER STANDARD, Album, 18.1.2014)

  • Bald nur noch Geschichte: Prentice Women's Hospital, Chicago.
    foto: michael hierner

    Bald nur noch Geschichte: Prentice Women's Hospital, Chicago.

  • Das einst mit Software aus der Raumfahrt berechnete Ufo-Krankenhaus wurde zum Symbol einer Architektursprache, deren Zeit längst abgelaufen ist. Inzwischen knabbern sich die Abbruchmaschinen durch den Stahlbeton der oberen Etagen.
    foto: michael hierner

    Das einst mit Software aus der Raumfahrt berechnete Ufo-Krankenhaus wurde zum Symbol einer Architektursprache, deren Zeit längst abgelaufen ist. Inzwischen knabbern sich die Abbruchmaschinen durch den Stahlbeton der oberen Etagen.

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