Kalkulierter kirchlicher Kollateralschaden

7. April 2013, 18:23
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Bischof Bünker versteht die Attacken nicht: "Unterton hat etwas Kulturkämpferisches"

 Wien - Im Kampf gegen Privilegien haben sich die Initiatoren des Anti-Kirchenvolksbegehrens ganz auf die römisch-katholische Kirche eingeschossen. Dabei betreffen die Forderungen des Volksbegehrens auch andere anerkannte Religionsgemeinschaften - so etwa die jüdische Gemeinde. "Auch wenn die katholische Kirche die größte Religionsgemeinschaft ist: In dieser Frage sitzen wir alle in einem Boot", sagt Raimund Fastenbauer, Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde, zum Standard. Er sehe " mit Bedauern in Österreich, aber auch in ganz Europa eine gewisse Entwicklung, dass fundamentalistische, antireligiöse Kreise gegen die Stellung von Religion in der Gesellschaft auftreten". Etwa beim Streit über die rituelle Beschneidung.

Eine Sicht, die auch der evangelische Bischof Michael Bünker teilt. Er warnt vor einem "europaweit erstarkten aggressiven Atheismus". Dessen Unterton habe "etwas Kulturkämpferisches, von dem ich dachte, wir haben das schon überwunden". Für Bünker "klingen sehr starke anti-kirchliche Ressentiments durch".

Fuat Sanac, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft, ist da etwas entspannter. Er hält das Begehren sogar für nützlich, denn: "Viele wissen gar nicht, was die Glaubensgemeinschaften für die Gesellschaft tun. Denken Sie an die Spitäler, Schulen oder Hilfsorganisationen", sagt er.

Es gibt keine Privilegien

In einem Punkt sind sich alle drei einig: Es gibt keine Privilegien. "Vieles, was jetzt als angebliche Vergünstigungen angeführt wird, sind Aufgaben, die bei Nicht-Existenz der Kirchen vom Staat erbracht werden müssten", meint Fastenbauer. Bischof Bünker nennt als Beispiel die staatliche Finanzierung von Lehrern, die in konfessionellen Privatschulen unterrichten. "Das ist keine Subvention an die Kirchen, sondern Bezahlung der Lehrer für ihre Leistung", sagt er. Für den Betrieb der Schulen komme die Kirchen auf. Er folgert daraus: "Würden alle Privatschulen wegfallen, hätte der Staat also weitaus höhere Kosten, weil er die Schulen selbst betreiben müsste. Denn der Bedarf ist ja da." In Zahlen gegossen, sieht das folgendermaßen aus: 48 Kindergärten und 37 Privatschulen in evangelischer Trägerschaft.

Das Gleiche gelte für den Sozialbereich. Bünker: "Auch hier spart sich der Staat letztlich Kosten, weil viele notwendige Aufgaben etwa von Caritas und Diakonie übernommen werden."

Außerdem, so Sanac, solle man nicht so tun, als ob die Kirchen die Einzigen sind, die Fördermittel erhalten: "Was ist mit den Gewerkschaften? Oder mit Vereinen? Auch die Bauern erhalten Subventionen." Man müsse die Konfessionslosen so einbinden, "dass sie sich in der Gesellschaft wohlfühlen", nur "Rechte anderer zu kappen ist der falsche Weg". (pm, DER STANDARD, 8.4.2013)

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