Demo-Szene: Von der Kopie zum Kunstwerk

24. September 2012, 13:16
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Vor 30 Jahren knackten Programmierer Computerspiele und signierten sie mit kleinen Clips

Ein gewaltiger Würfel schwebt in der Dämmerung durch dunkle Hochhausschluchten. Polizeisirenen ertönen, Autos hupen. Plötzlich setzt ein Beat ein - der Würfel zerbirst in unzählige Quadrate und schlängelt sich als gigantischer Pixel-Wurm durch die Großstadt. "fr-041: debris" heißt der sieben Minuten lange Videoclip, der unter Demo-Anhängern Maßstäbe gesetzt hat. Schon seit den 80er Jahren wetteifern Anhänger der Demo-Szene um die besten Grafiken und Sounds aus Programmierer-Hand. Sie bauen immer neue, bunte Welten und lassen Fantasiefiguren zu Computermusik durch den elektronischen Äther wabern.

"Demos sind Notenblätter für ein Orchester namens Computer."

"Es geht darum, sich auf einem technischen und ästhetischen Level miteinander zu messen", sagt Tobias Heim vom Kölner Verein Digitale Kultur. Häufig arbeiten Grafiker, Musiker und Programmierer über mehrere Monate in einem Team zusammen, um ein beeindruckendes Demo zu erschaffen. "Demos sind Notenblätter für ein Orchester namens Computer." Weil sie nicht Filme, sondern kleine Programme sind, besteht die Kunst darin, mit pfiffigen Codezeilen möglichst viele Eindrücke in einer einzigen Datei unterzubringen.

179 Kilobyte ist das "debris"-Demo nur groß und verbraucht damit so viel Speicherplatz wie ein einfaches, einseitiges PDF-Dokument. Zwei Jahre brauchte die Gruppe "Farbrausch" aus Hamburg, bevor das Meisterwerk vollendet war. "Bestimmte Dinge wird man selten hinkriegen", sagt Dierk Ohlerich, der unter dem Pseudonym "Chaos" an dem Demo mitwirkte. Vor allem natürlich wirkende Menschen seien sehr schwer in Codezeilen umzusetzen, sagt er - weshalb die Straßen der "debris"-Großstadt leergefegt sind.

C64

Die Geburt der Demo-Szene läutete der Heimcomputer C64 in den 80er Jahren ein. Immer mehr "Cracker" begannen, die kopiergeschützten Spiele zu knacken und sich mit kleinen Animationen auf den Kopien zu verewigen. So entstanden kurze, den Spielen vorgeschaltete Intros mit Laufschrift, Logos und Musik. "Man versuchte das immer besser zu machen als der andere, oder der erste zu sein", sagt Heim. Und plötzlich wurden die 5,25-Zoll-Disketten nicht mehr wegen eines Spiels kopiert, sondern um das neueste Intro zu sehen.

Bis heute treffen sich Tausende bei internationalen Wettbewerben und Festivals zum digitalen Kräftemessen. Fertige Stücke bewertet das Publikum und kürt die Gewinner. "Wenn man vor dieser riesigen Leinwand sitzt, dann saugt einen das förmlich ein", sagt Szene-Kenner Frederik Heinrich. Einigen geht es nur um Ästhetik, andere unterwerfen sich technischen Grenzen, um ihr Können zu beweisen. In einigen Disziplinen dürfen die Stücke nur 64 oder 4 Kilobyte groß sein - also kleiner als ein leeres Textdokument in Microsoft Word.

"Das Ding war eigentlich langweilig."

Seit jeher war es die Faszination für das, was sich durch Geschick aus Computern herauskitzeln lässt, die Menschen wie Heim und Ohlerich zu Demo-Begeisterten machte. "Wenn ich früher einen Computer hatte, stand da auffordernd blinkend nur: "Ready"", erinnert sich Heim an die Herausforderung, mit der alten Kiste irgendwie mehr anzustellen. "Das Ding war eigentlich langweilig." Ohlerich nennt Demos die damals "einzige Chance, sich mit einem Computer auseinanderzusetzen".

Heute führe das Überangebot an Unterhaltung durch PC und Internet dazu, dass viele junge Leute keine Lust mehr auf Experimente hätten. Schuld daran sind laut Heim auch die gestiegenen Anforderungen beim Programmieren: Inzwischen müsse man Matrizen multiplizieren können, was Schülern höchstens im Mathe-Leistungskurs beigebracht werde. "Mit Sinus und Cosinus war man früher König."

"Raspberry Pi"

Er will die Jugend mit einfachen Geräten wie dem "Raspberry Pi" - einem einfachen Einplatinen-Computer für Bastler-Zwecke - wieder mehr herausfordern. Mit einem solchen Mikrocomputer gegen die Unterhaltungsmaschine Internet anzukommen, sei allerdings kein Leichtes. "Bis ich YouTube leer geguckt habe, vergeht einige Zeit." (APA/dpa, 24.09. 2012)

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23 Postings
Ich war auch ein Teil davon :)

zwischen 1994 und 1999 drehte sich bei mir alles um die demoscene, vor allem ums komponieren mit impulse tracker bzw. fasttracker.

hab auch mal "the party" in skandinavien 1995 besucht, war ein tolles erlebnis, ganz viele nette leute. :)

...Future Crew rulez!

Trsi!!!

Inzwischen müsse man Matrizen multiplizieren können, was Schülern höchstens im Mathe-Leistungskurs beigebracht werde

Ist das Niveau an den Schulen mittlerweile wirklich so weit gesunken, daß man derartige mathematische Grundkenntnisse nicht mehr lernt oder man nicht einmal rauskriegt, wo man solche einfachen Dinge nachschlagen könnte?

ad lernen: Ja, zumindest bei uns wurden vor 10 Jahren in der AHS Matrizen aus zeitgründen ausgelassen :(

Ahja, aus Zeitgründen ^^
Mir wurde das vor etwa derselben Zeit sogar in der Abendschule (Berufstätigengymnasium) beigebracht (wo man durchaus weniger Unterricht hat als in einer Regelschule).

http://www.youtube.com/watch?v=AWcbj7ksqwE

Ist 4k groß. Hab dank Schule und Uni schon 3 mal Matrizen multiplitieren gelernt und trozdem keine Ahnung wie das funktioniert.

So ein Quatsch. Das ist keine C64 Demo

Nicht von der Grafik und schon gar nicht vom Sound. FAILED

Hat ja auch niemand behauptet. Die Demoszene beschränkt sich nicht nur auf den C64.

Also hab keine Ahnung wie man sowas in 4k unterbringt. Matrizen multiplizieren kann ich durchaus.

Habs mich auch grad gefragt. Dass sowas prinzipiell auf der Generierung von Fraktalen basiert ist mir schon klar und auch die Texturen berechnen sich wohl irgendwie "automatisch" und benötigen daher "nur" eine Formel. Selbst die Formeln die solche Fraktale auswerfen brauchen aber sicher "Unmengen" an Platz und wie sich das alles dann samt Ablauf-Programmierung UND Sound in 4kb (also quasi 4096 Zeichen) ausgehen soll ist mir einfach nur ein Rätsel!

Wenn es Sie interessiert, es ist leicht erklärt:

Das Zauberwort heißt "Assembler". Das ist nichts anderes, als die Muttersprache eines jeden Prozessortyps.

Assembler ist arg zu programmieren aber hat einen Vorteil: Der auszuführende Code ist ultrakompakt.

Quelltext in normaler Hochsprache:
var a = 1000 + otherVar;

Assember (Motorola 68k):
move.l #1000,D0
lea otherVar,A0
add.l (A0), D0;

Ist komplizierter, erzeugt aber einen Code der gerade mal ein paar Byte lang ist. Bei Hochsprachen übersetzt ein Programm den Quelltext (viel größer!).

Sounds:
Knochenharte aber gute Abhandlung (C64; en): http://bit.ly/QF4NDp

Demo-People waren die absoluten Könige und Freaks und wie sagt schon Jack White:

"Ease of use is the death of all creativity"

Amen Jack!

Zusatz: Posting oben gilt für die alten Demos (C64 etc.)

Für die fantastische 4k-Demo im Video oben müsste man genau wissen was in dieser Demo-Kategorie alles zulässig ist (welche Hardware etwa wie angesprochen werden darf)

x=x+3/x-8x/7 verbraucht wieviel kb? :)

Auf jeden Fall mal weniger als von Ihnen veranschlagt, da sich das auf x=3/x-x/7 vereinfachen lässt. Bruchfrei würds also heißen, dass 8x²=21 sind, was darauf hindeuten würde, dass ca. x=+-4,58. Da der so entstehende Graph aber eher langweilig ist vermute ich, dass Sie eigentlich eine andere Funktionsgleichung als die hier angegebene meinen und/oder zumindest ein paar Klammern vergessen und zumindest einmal y mit x verwechselt haben.
Und selbst wenn Ihre Gleichung (min.12 Byte?) die "Landschaft" im Video erstellen könnt (mit Texturierung?), dann würd noch immer der Ablauf, der Sound UND die Ausgabe an die Grafikkarte fehlen. Und da wirds mit 4kb halt eben schon seeehr knapp.

more elevated

Das Genie hinter dieser Logik arbeitet mittlerweile bei Pixar. Der Sourcecode ist übrigens in weiten Teilen verfügbar. Schauen sie mal hier: http://www.iquilezles.org/www/mater... on2009.pdf

Es wäre schön gewesen, wenn man auch den einen oder anderen Youtube link zu einem dieser "Videos" gepostet hätte... für die Leute die es nicht kennen ;)

Demoarchiv

Wer etwas Zeit hat schaut am besten gleich hier:
http://pouet.net/

verseuchte Seite!

Hier ein paar meiner Lieblingsdemos:

http://www.youtube.com/watch?v=CBsb-Sj3DD8
http://www.youtube.com/watch?v=8CM6nIfwnN4
http://www.youtube.com/watch?v=7PHFz6PHWw4

Die ausführbare Datei sollte jeweils in der Beschreibung verlinkt ein.

Spitzen-Demos!

Wenn mir mal ein junger Mensch so eine Demo als Bewerbungsunterlagen schicken würde und nicht immer nur die selben ausgelutschen Apple-Timeline-versifften Schnarchblätter ... den/die mach ich auf der Stelle zum/r Leiter(in) der Kreativabteilung!

Hammer Hammer

Danke für die Links

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