Demo-Szene: Von der Kopie zum Kunstwerk

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Vor 30 Jahren knackten Programmierer Computerspiele und signierten sie mit kleinen Clips

Ein gewaltiger Würfel schwebt in der Dämmerung durch dunkle Hochhausschluchten. Polizeisirenen ertönen, Autos hupen. Plötzlich setzt ein Beat ein - der Würfel zerbirst in unzählige Quadrate und schlängelt sich als gigantischer Pixel-Wurm durch die Großstadt. "fr-041: debris" heißt der sieben Minuten lange Videoclip, der unter Demo-Anhängern Maßstäbe gesetzt hat. Schon seit den 80er Jahren wetteifern Anhänger der Demo-Szene um die besten Grafiken und Sounds aus Programmierer-Hand. Sie bauen immer neue, bunte Welten und lassen Fantasiefiguren zu Computermusik durch den elektronischen Äther wabern.

"Demos sind Notenblätter für ein Orchester namens Computer."

"Es geht darum, sich auf einem technischen und ästhetischen Level miteinander zu messen", sagt Tobias Heim vom Kölner Verein Digitale Kultur. Häufig arbeiten Grafiker, Musiker und Programmierer über mehrere Monate in einem Team zusammen, um ein beeindruckendes Demo zu erschaffen. "Demos sind Notenblätter für ein Orchester namens Computer." Weil sie nicht Filme, sondern kleine Programme sind, besteht die Kunst darin, mit pfiffigen Codezeilen möglichst viele Eindrücke in einer einzigen Datei unterzubringen.

179 Kilobyte ist das "debris"-Demo nur groß und verbraucht damit so viel Speicherplatz wie ein einfaches, einseitiges PDF-Dokument. Zwei Jahre brauchte die Gruppe "Farbrausch" aus Hamburg, bevor das Meisterwerk vollendet war. "Bestimmte Dinge wird man selten hinkriegen", sagt Dierk Ohlerich, der unter dem Pseudonym "Chaos" an dem Demo mitwirkte. Vor allem natürlich wirkende Menschen seien sehr schwer in Codezeilen umzusetzen, sagt er - weshalb die Straßen der "debris"-Großstadt leergefegt sind.

C64

Die Geburt der Demo-Szene läutete der Heimcomputer C64 in den 80er Jahren ein. Immer mehr "Cracker" begannen, die kopiergeschützten Spiele zu knacken und sich mit kleinen Animationen auf den Kopien zu verewigen. So entstanden kurze, den Spielen vorgeschaltete Intros mit Laufschrift, Logos und Musik. "Man versuchte das immer besser zu machen als der andere, oder der erste zu sein", sagt Heim. Und plötzlich wurden die 5,25-Zoll-Disketten nicht mehr wegen eines Spiels kopiert, sondern um das neueste Intro zu sehen.

Bis heute treffen sich Tausende bei internationalen Wettbewerben und Festivals zum digitalen Kräftemessen. Fertige Stücke bewertet das Publikum und kürt die Gewinner. "Wenn man vor dieser riesigen Leinwand sitzt, dann saugt einen das förmlich ein", sagt Szene-Kenner Frederik Heinrich. Einigen geht es nur um Ästhetik, andere unterwerfen sich technischen Grenzen, um ihr Können zu beweisen. In einigen Disziplinen dürfen die Stücke nur 64 oder 4 Kilobyte groß sein - also kleiner als ein leeres Textdokument in Microsoft Word.

"Das Ding war eigentlich langweilig."

Seit jeher war es die Faszination für das, was sich durch Geschick aus Computern herauskitzeln lässt, die Menschen wie Heim und Ohlerich zu Demo-Begeisterten machte. "Wenn ich früher einen Computer hatte, stand da auffordernd blinkend nur: "Ready"", erinnert sich Heim an die Herausforderung, mit der alten Kiste irgendwie mehr anzustellen. "Das Ding war eigentlich langweilig." Ohlerich nennt Demos die damals "einzige Chance, sich mit einem Computer auseinanderzusetzen".

Heute führe das Überangebot an Unterhaltung durch PC und Internet dazu, dass viele junge Leute keine Lust mehr auf Experimente hätten. Schuld daran sind laut Heim auch die gestiegenen Anforderungen beim Programmieren: Inzwischen müsse man Matrizen multiplizieren können, was Schülern höchstens im Mathe-Leistungskurs beigebracht werde. "Mit Sinus und Cosinus war man früher König."

"Raspberry Pi"

Er will die Jugend mit einfachen Geräten wie dem "Raspberry Pi" - einem einfachen Einplatinen-Computer für Bastler-Zwecke - wieder mehr herausfordern. Mit einem solchen Mikrocomputer gegen die Unterhaltungsmaschine Internet anzukommen, sei allerdings kein Leichtes. "Bis ich YouTube leer geguckt habe, vergeht einige Zeit." (APA/dpa, 24.09. 2012)

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