TV an-, Hirn abschalten

Leserkommentar15. Mai 2012, 08:35
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Ein Blick in das heimische TV-Programm: Alkohol- und Frauenkonsum, Model- und Kinderstars und sonst nicht viel. Ein Spiegel unserer Zeit?

Qualitativ hochwertige Tageszeitungen gehören in Österreich in Anbetracht der Verkaufszahlen einer "Kronen Zeitung" wohl zum Auslaufmodell, was wahrscheinlich daran liegt, dass der darin verwendete Wortschatz den des/der Durchschnittsösterreichers/in bei weitem übersteigt, wie nicht zuletzt in PISA-Studien als Faktum, sondern auch vielmehr als traurige Tatsache hingenommen werden musste.

Da hat das Fernsehen schon viel mehr Macht und Reichweite: hinsetzen, einschalten (zumeist Hirn abschalten). Diesen Eindruck gewinnt man jedenfalls, wenn man sich die Hauptabendprogramme diverser österreichischer Sender zu Gemüte führt.

Frauenkonsum

Im österreichischen Privat-Fernsehsender ATV sieht das Hauptabendprogramm von Montag bis Mittwoch jedenfalls so aus: "Das Geschäft mit der Liebe", "Saturday Night Fever - So feiert Österreichs Jugend" und, um dieses überaus hochwertige Programm zu komplettieren, "Wir leben im Gemeindebau".

Laut ATV-Quoten wählen 7,3 Prozent der Österreicher/-innen zwischen zwölf und 49 Jahren das Format "Das Geschäft mit der Liebe", um sich den Montagabend zu versüßen. Im Großen und Ganzen handelt die Serie von österreichischen Männern, die nach Osteuropa auf Urlaub fahren, um dort ein bisschen einzukaufen, und zwar Frauen. Es hat den Anschein, als mache sich dieser Fernsehsender das tragische Schicksal dieser Frauen zunutze, um die Einschaltquoten in die Höhe zu treiben.

In diesem Zusammenhang ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass es in der Justiz an Härte in Bezug auf Zuhälter-Urteile fehlt (siehe auch den im STANDARD erschienenen Artikel "Kritik an Justiz wegen milder Zuhälter-Urteile"). 

Alkoholkonsum

Man darf sich wohl auch nicht fragen, weshalb Alkoholexzesse unter Jugendlichen keine Seltenheit sind, sondern scheinbar zum Alltag gehören, so wie zuletzt im STANDARD unter dem Titel "Nach Mostkost-Exzess: Landjugend wehrt sich gegen Sauf-Image" berichtet. Das Fernsehen macht es ja schon vor: "Saturday Night Fever - So feiert Österreichs Jugend" mit Einschaltquoten über zehn Prozent trägt meiner Meinung nach maßgeblich dazu bei, regelmäßige Alkoholexzesse unter Jugendlichen gesellschaftsfähig zu machen. Deshalb verfügen wahrscheinlich die vier Hauptakteure "Molti", "Spotzl", "Pichla" und "Eigi" zumindest bei Österreicher/-innen, die der Altersgruppe zwölf bis 25 Jahre angehören, über einen bei weitem höheren Bekanntheitsgrad als so mancher Spitzenpolitiker unseres Landes. Es hat den Anschein, dass es in manchen Kreisen regelrecht dazugehört, dieses Format zu konsumieren, um mit den neuesten Sprüchen aufwarten zu können.

Wertekonsum

"Was gut und was schlecht ist" war die Schlagzeile eines anderen Artikels im STANDARD. Die Frage nach Ethik und Moral und dem Grund, weshalb sich viele Menschen mit moralisch korrektem Handeln so schwer tun, war Hauptthema dieses Artikels.

Die Antworten darauf liefern nicht nur die zwei oben genannten Kassenschlager von ATV, sondern auch die Reality-Dokumentation "Wir leben im Gemeindebau". Mit Einschaltquoten von ebenfalls über zehn Prozent finden Frau und Herr Österreich scheinbar Gefallen daran, Menschen dabei zuzusehen, wie sie unter ständigem Alkoholeinfluss mit den beiden meistgebrauchten Wörtern "Hure" und "Arschloch" um sich schmeißen, als dürften sie im Alltagsjargon keines Österreichers fehlen.

Alltäglicher Voyeurismus

Es wird also scheinbar als unterhaltsam empfunden, Männern dabei zuzusehen, wie sie sich Frauen aussuchen, als handle es sich um ein Leberkässemmerl, Jugendliche dabei zu verfolgen, wie sie sich Abend für Abend bis zur Besinnungslosigkeit betrinken, und Wiener Gemeindebaubewohnern beim Wettkampf "Wer hat die meisten Schimpfwörter auf Lager" zuzuschauen.

Sollte das der Humor unser Zeit sein, bin ich einfach nicht mehr lustig. (Leserkommentar, derStandard.at, 15.5.2012)

Autorin

Juliana Reiter, geb. 1989, studiert Management and Economics an der Universität Innsbruck.

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