Was gut und was schlecht ist

3. April 2012, 19:35
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Abgeschriebene Doktorarbeiten, Korruptionsvorwürfe und unmoralische Affären - wie es um Anstand und Ethik in unserer Gesellschaft bestellt ist, beschäftigt Sozial- wie Religionswissenschafter

In Ungarn tritt Präsident Pál Schmitt wegen einer abgeschriebenen Doktorarbeit zurück, in Deutschland entschloss sich Bundespräsident Christian Wulff im vergangenen Februar zum gleichen Schritt. Ihm wurde Vorteilsnahme vorgeworfen. Und in Österreich ist der Untersuchungsausschuss zur Klärung von Korruptionsvorwürfen in aller Munde - mitsamt dem allgegenwärtigen Unspruch "Es gilt die Unschuldsvermutung".

Noch nie scheint es binnen kurzer Zeit so viele Verdachtsmomente gegen Politiker gegeben zu haben, gegen die Regeln von Moral und Anstand verstoßen zu haben. Oder werden Unwahrheiten nur besonders schnell publik, vierzehn Jahre, nachdem Bill Clinton die "bekannteste öffentliche Lüge" produzierte, wie Rainer Erlinger, Kolumnist der Süddeutschen Zeitung in seinem Buch Moral (S. Fischer, 2011) schreibt? Der damalige US-Präsident behauptete vehement, keine Affäre mit Monica Lewinsky gehabt zu haben, und musste später vor der Grand Jury eine "unangemessene körperliche Beziehung" eingestehen.

Der Sozialwissenschafter Herbert Gottweis sieht nicht nur die Politik betroffen. "Es scheint so, dass viele Menschen nicht mehr wissen, was richtig und falsch ist." Sind also auch andere Berufe in einer Anständigkeitskrise? Gottweis glaubt jedenfalls, dass es noch nie so wichtig war auf ethische Grundlagen hinzuweisen - auch in Wirtschaft und Wissenschaft. "Die Gesellschaft hat nun mehr technische Möglichkeiten, Korruption und Fälschungen aufzudecken, zum Beispiel durch eine Software, die wissenschaftliche Arbeiten vergleicht, sie sollten aber versuchen, diese Vorfälle so gut wie möglich zu verhindern." Christiane Druml, Vizerektorin der Med-Uni Wien und Vorsitzende der Bioethikkommission, glaubt auch, dass nicht nur die Politik betroffen ist. Als Zeitungsleserin fühle sie sich "umzingelt" von Nachrichten, die diesen Schluss zulassen. "Vielleicht haben die Menschen durch ihr Erfolgsstreben die Grenzen verloren", sagt sie.

Grenzen sichtbar machen

Aber hilft es, sie wieder sichtbar zu machen? Wissenschafter sind davon überzeugt. Druml fordert daher wieder einmal eine Ethikausbildung, die nicht nur von außen, also von Philosophen, Theologen oder Rechtswissenschaftern kommen sollte, sondern vor allem von den Medizinern selbst, "denn nur diese haben die Erfahrung und Expertise aus dem Arztberuf selbst." Um die nötigen Strukturen für Forschung und Lehre in diesem Bereich zu schaffen, bräuchte es freilich eine Professur, sagt Druml, aber die gibt es derzeit an keiner der drei Medizinischen Universitäten, weder in Wien, noch in Graz und auch nicht in Innsbruck, und zwar aus finanziellen Günden. Eine Drittmittelfinanzierung einer solchen Professur hält sie aber zumindest in Wien nicht für ausgeschlossen.

Gottweis hält den derzeit an 200 Standorten als Schulversuch laufenden Ethikunterricht für einen unverzichtbaren Einstieg in die grundlegenden Überlegungen darüber "was gut und was schlecht ist". Die Schüler würden in der Pubertät "intellektuell aufwachen." Und sich Fragen stellen, für die sie ein Forum brauchen. "So hilft man ihnen, mündige Bürger zu werden, damit sie dabei sicher werden." Wirtschaftlich gesehen hätten sie derzeit wenig Sicherheiten. Außerdem lasse sich die ethisch relevante Einstellung von Jugendlichen noch ändern, die von Erwachsenen nicht mehr - was auch in der Moralentwicklungspsychologie bekannt ist.

Schulen wie das Gymnasium Maroltingergasse in Wien-Ottakring haben den Ethikunterricht eingeführt und müssen nun erkennen, dass er auf wackeligen Beinen steht. Die Finanzierung ist nicht gesichert, weil das Wahlfach durch den "schulautonomen Topf" der Gymnasien finanziert werden muss. Dass heißt: "Eine Schule, die sich für Ethik entschieden hat, muss dafür bei anderen Wahlfächern sparen", sagt Meinhard Trummer, Direktor der Schule. Ethik wird hier seit drei Jahren als Alternative zu Religion angeboten - und ist beliebt. Bei Schülern nicht zuletzt deshalb, weil es als das geringere Übel betrachtet wird. Die Frage, ob Ethik, seit 1997 ein Schulversuch, endlich ein Pflichtfach werden könnte, wird derzeit in ganz Österreich diskutiert. Bis Herbst soll das Konzept für einen Ausbau vorliegen. Dabei stellt sich nicht nur die Frage der Finanzierung, sondern auch die heikle Frage, ob die katholische Kirche in Österreich Ethik als Pflichtfach akzeptieren würde und von ihrer alleinigen Rolle als Vermittler von Werten für Schüler, die katholisch sind, abrücken würde.

Moralische Appelle

Anton Bucher, Religionspädagoge und Erziehungswissenschafter an der Universität Salzburg, wünscht sich auch eine "Erziehung zu ethischer Reflexionsfähigkeit". Einen Beitrag dazu könne natürlich der Ethikunterricht leisten, "dessen Ziel Autonomie ist - sich selbst aus Einsicht, und nicht aus Zwang, moralischen Prinzipien zu unterwerfen." Traditionelle religiöse Erziehung habe zu oft blinden Gehorsam favorisiert. Gottweis sagt dazu, die Religion habe außerdem ihre " Bindekraft" in der Gesellschaft verloren. Sie sei nicht mehr " handlungsanleitend", was aus seiner Sicht zu begrüßen sei. "Die Menschen versuchen gut zu sein, nicht weil sie Angst vor Gott haben, sondern weil sie es für gut halten." Doch auch dafür brauche es Anleitungen.

Bucher glaubt, dass moralische Appelle wenig nützen. Dass Politiker aktuell einem Verhaltenskodex unterworfen werden, sei im Grunde ein Armutszeugnis, weil entsprechende moralische und ethische Standards vorausgesetzt werden müssten, wenn Männer und Frauen in dermaßen verantwortungsbewusste Positionen kommen. "Ein Erschwernis sehe ich in der Ideologie des individualistischen Neoliberalismus: Was zählt, ist der materielle und politische Erfolg, ungeachtet seiner Nebenwirkungen auf andere und die Allgemeinheit."

Bucher, der den Ethikunterricht bereits um die Jahrhundertwende evaluierte - mit positivem Ergebnis -, hat in seinen Forschungen übrigens herausgefunden, dass die Basis für ein moralisch einwandfreies Verhalten in der Familie gelegt wird. "Glückliche Kinder sind moralischer." Obwohl er davon überzeugt ist, will er aber Möglichkeiten einer Grundausbildung in Werten realistisch sehen. "Die heranwachsende Generation wird deshalb nicht nur aus Mahatma Gandhis bestehen." Aber sie habe immerhin das Rüstzeug, um sich anständig zu verhalten. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 4.4.2012)

  • Herbert Gottweis plädiert dafür, "Schülern zu helfen, mündige Bürger zu werden".
    foto: standard/corn

    Herbert Gottweis plädiert dafür, "Schülern zu helfen, mündige Bürger zu werden".

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