"Rettungsgassen" für Jungfamilien

Leserkommentar21. Mai 2012, 11:53
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Gedanken einer Mutter von zwei Wickelkindern zur derStandard.at-Debatte "Wenn Eltern zu Tätern werden“

Szenen eines Elternalltags: Der Größere ist - endlich, nach langem Hin und Her - eingeschlafen. Aber der Kleine, das Baby, schreit und schreit. Bauchweh, vielleicht ein Zahn, oder doch noch Hunger? Man weiß es nicht. Kurze Ruhepausen, in denen Hoffnung aufkeimt. Aber dann: Immer wieder streckt er sich durch, ballt die Fäustchen, schreit wütend über den Schmerz. Die Zeiger auf der Uhr rücken vor: eins, halb zwei, zwei Uhr nachts. Man selbst wird immer müder, immer hilfloser. Alles wurde scheinbar schon probiert. Und irgendwann kommt sie: die ungerechte Wut. Warum schreist du immer noch? Kannst du nicht Ruhe geben? Ich will schlafen, schlafen, schlafen.

Prävention dank leicht zugänglicher Unterstützung

Als Mutter von zwei Kindern im Windelalter kenne ich solche zermürbenden Nächte. Und ich kenne den Gedanken: Jetzt einfach mal die Tür zum Schlafzimmer zu machen, schreien lassen, durchatmen. Ich tue es nicht, schaukle und wiege weiter, versuche zu trösten. Weil ich weiß, dass es nichts dafür kann. Weil ich weiß, dass das Schreien aufhören wird. Weil ich weiß, dass es einen Grund gibt und er mich nicht ärgern will. Aber wenn man das alles nicht weiß? Wenn kein Partner da ist, der sich abwechselnd liebevoll um die Kinder kümmern kann? Wenn noch ganz andere Sorgen dazukommen: gesundheitliche, existenzielle?

Wissen ist in extremen Situationen hilfreich

Um Missbrauch an Kindern zu verhüten, braucht es meiner Meinung nach für die betroffenen Eltern eine extrem solide Basis, viel Grundenergie und innere Ruhe, auf die sie in überfordernden Situationen zurückgreifen können. Natürlich sind Schläge und Traumata aus der Kindheit keine Entschuldigung für das eigene Versagen. Aber sie sind eine Erklärung: Warum man selbst keine Ahnung hat, wie man mit einem Baby umgeht. Warum man sich ständig unsicher fühlt und im Zweifel tut, was die eigene Mutter auch gemacht hat. Und was man ja auch immerhin überlebt hat.

Eltern brauchen Erfahrungswerte und Wissen: Dass man einen Säugling nicht "zu viel" verwöhnen kann, mit Liebe und Zuneigung. Dass Schreien ein Kommunikationsmittel ist. Eltern brauchen Orientierungshilfen und Leitlinien um eine sichere Erziehungshaltung zu finden, keine dogmatischen Vorschriften wie "Man schreit nicht mit Kindern".

Starthilfe nach der Geburt

Für mich liegt der Schlüssel einer Eltern-Kind-Beziehung in der Zeit direkt nach der Entbindung, wenn die meisten Eltern noch mit einigem Optimismus und Freude auf das Neue blicken und hochmotiviert sind. Gerade in dieser Phase könnte folgendes hilfreich sein, um extreme Stress-Situationen zu vermeiden:

  • Säuglingspflege-Anleitung: Die Kinderschwestern kommen meist gerade so dazu, das Stillen halbwegs zu erklären (wenn überhaupt). Eigentlich bräuchte jede frisch gebackene Mutter/jeder Vater eine Vertrauensperson auf der Geburtsstation, die mindestens zwei Stunden lang das Wichtigste durchgeht und auch mal still den Umgang mit dem Baby begleitet. Das erfordert aber viel Personal. Im Anschluss würden sich offene Gruppen eignen, in denen Mütter und Väter Gleichgesinnte treffen und auch in der Zeit danach noch Probleme besprechen können.
  • Hebammen für die Zeit nach dem Krankenhaus: Nicht nur die gebildete und interessierte "Ökomutter" braucht sie, sondern gerade jene, die von diesem Service gar nichts wissen oder wissen wollen. Mütter mit solchem Bedarf müssen auf der Station angesprochen und sofort versorgt werden. Die Funktion der Hebamme muss politisch wieder stärker anerkannt werden.
  • Man erhält im Krankenhaus einigen Werbemüll und Produktproben. Das Familienministerium ist - zumindest bei mir - weniger präsent gewesen. Dabei wäre auf der Station noch die Zeit, sich mal mit ein paar (mehrsprachigen!) Broschüren/Filmen zur Babypflege und Entwicklung auseinanderzusetzen. Warum nicht auch ein solches Buch als Geschenk für jede neue Familie?
  • Die Väter müssen auf der Station nicht nur geduldet, sondern intensiv ins Wickeln, Baden usw einbezogen werden. Zu oft werden sie rausgeschickt und wie nutzlose Anhängsel behandelt, weil ja die Mutter im Fokus steht.
  • Die Entlassung aus dem Krankenhaus braucht viel Zeit, in der die Eltern letzte Fragen klären können und mit einer Telefonnummer versorgt werden, wenn sie doch noch unsicher sind.
  • Schrei-Ambulanzen und ähnliche Hilfsangebote sollten ebenso intensiv beworben werden, wie die Rettungsgasse. Auch sie können Leben retten.
  • In der Stadt, in der ich lebe, erhielt jede Familie bald nach der Entbindung einen Besuch vom Familienamt. Das war kein Kontrolltermin, sondern ein Angebot mit vielen Informationen für die Eltern, in denen auch auf Hilfen im Notfall hingewiesen wurde.

Natürlich muss noch viel mehr getan werden, um überforderte Eltern zu unterstützen. Aber das wäre zumindest ein Anfang. (Leserkommentar, Rebecca Sandbichler,derStandard.at, 21.5.2012)

Autorin

Rebecca Sandbichler, 23, ist freie Journalistin und Mutter von zwei Söhnen. Von Babypflege, über Stillkurs bis Erste Hilfe für Kinder hat sie in der Schwangerschaft viele Angebote wahrgenommen und findet: Das unterstützt wirklich.

Link

derStandard.at-Debatte "Wenn Eltern zu Tätern werden“

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