Bewerbungsgespräch: Anleitung zum Auftrittsdesaster

Blog1. März 2012, 12:34
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Von den "richtigen" Bewerbungsunterlagen über die größenwahnsinnige Selbstpräsentation zum schwachen Auftritt

In der "Anleitung zum Bewerbungsfiasko" haben Sie erfahren, was Sie alles tun können, um erst gar nicht zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. Hat die Strategie trotz aller Anstrengung nicht gefruchtet, ist es dennoch nicht zu spät.

Desaster-Tipp zur Grundeinstellung

Gehen Sie davon aus, dass die Arbeitswelt sich nach Ihren persönlichen Vorlieben zu richten hat. In Anlehnung an berühmt gewordene Worte eines US-Präsidenten fragen Sie sich, was die Wirtschaft für Sie und Ihr Wohlbefinden tun kann. Überlegen Sie ausgedehnt, ob ausgeschriebene Jobs vollkommen mit Ihren Vorstellungen über die Ordnung der Welt in Einklang gebracht werden können. Kommen Sie jedes Mal zum Schluss, dass dem nicht so ist. Eine für Sie akzeptable Arbeit muss deswegen erst erfunden werden. Da müssen die Arbeitgeber sich etwas einfallen lassen, um Sie hinter dem Ofen hervorzulocken.

Erwarten Sie sich von einem potenziellen Beschäftiger, dass dieser sich um die Verwirklichung Ihrer Lebensvisionen zu bemühen hat. Er hat daher insbesondere die Aufgabe, Ihnen - unabhängig von Ihrem Einsatz und Ihren Arbeitsergebnissen - bei maximalem Urlaubsanspruch so viel zu bezahlen, dass Sie sich sämtliche Konsumwünsche erfüllen können.

Unterstellen Sie dem gesamten System, dass es grundsätzlich ausbeuterisch und daher schlecht ist, außer in den Bereichen, in denen Sie selbst ein Begünstigter sind. Pochen Sie in diesen Fällen stets auf Ihre "wohlerworbenen Rechte" und holen Sie sich, was Ihnen zusteht.

Desaster-Tipp zur Form der Bewerbungsunterlagen

Sorgen Sie dafür, dass - egal wie lange Sie bereits ohne Arbeit und Auftrag sind - kein aktueller Lebenslauf von Ihnen existiert. Zögern Sie dessen Erstellung hinaus, solange Sie können. Reagieren Sie im Zeitlupentempo auf Ausschreibungen und Einladungen zu einem Gespräch. Sie haben alle Zeit der Welt. Lassen Sie diese elegant verstreichen, vielleicht finden "die" währenddessen einen geeigneteren Kandidaten. Zieren Sie sich.

Damit sich das Bewerbungsfiasko wohlbehütet und in ersprießlicher Umgebung entwickeln kann, garnieren Sie Ihre Unterlagen mit zünftigen Rechtschreibfehlern. Schreiben Sie wirre Sätze ohne jegliche Struktur. Je unübersichtlicher Sie sich darstellen, desto besser. Muss sich der Empfänger Ihrer Bewerbung erst minutenlang Übersicht verschaffen, ist das bereits "die halbe Miete" für eine rasche Ablehnung.

In Ihren Bewerbungsfotos blicken Sie immer mit einer Hand im Gesicht in die Kamera, für Männer empfehlen sich Bilder mit kunstvoll rasierter Gesichtsbehaarung und einem finsteren Gesichtsausdruck.

Desaster-Tipp zur Selbstpräsentation, Variante "Größenwahn"

Präsentieren Sie sich mit Fähigkeiten, die Ihnen nicht einmal Ihre Mutter zuschreiben würde. Seien Sie keinesfalls zimperlich im Umgang mit Superlativen und finden Sie blumige Titel und englische Beschreibungen bisheriger Tätigkeiten. Werden Sie vom Pförtner zum "People-Check-in-Check-out-Manager", vom Verkäufer zum "Interdisciplinary-Multi-Level-Sales-Representative", vom Gruppenleiter zum "Team-Leading-Supervisior", vom Entwickler zum "Cross-over-Development-Specialist" oder vom Buchhalter zum "Operational-Accounting-Intelligence-Officer".

Desaster-Tipp zur Selbstpräsentation, Variante "Duckmäuschen"

Hier gilt es, den Eindruck möglichst umfassender Verunsicherung zu hinterlassen. In dieser Variante wählen Sie selbstverständlich einen unterwürfigen Zugang. Sie referieren bitte ausführlichst über Ihre Schwachstellen, Defizite und Ängste. Konzentrieren Sie sich auf die Darstellung Ihrer Person in höchstmöglicher und an Selbstgeißelung grenzender Bescheidenheit. Stellen Sie klar, wie schwach Sie sind, was in Ihrem Leben alles schiefläuft, und erwarten Sie sich vollstes Verständnis und Mitleid des "Chief-Recruiting-Process-Officer". Finden Sie das Haar in der Suppe Ihrer Person und stoßen Sie alle mit der Nase drauf.

Ihre Körperhaltung bleibt von der Begrüßung bis zur Verabschiedung gebückt und verbogen, Ihr Lächeln ist schüchtern bis gequält. Werden Sie im Gespräch zum Bittsteller und entschuldigen Sie sich permanent für Ihre Existenz. Beginnen Sie jeden ihrer Sätze mit: "Ich kenne mich ja nicht so gut aus, aber ..." oder "Ich bin ja kein Experte, aber ..." Kleiden Sie sich am besten grau in grau, die Modebewussten meinetwegen auch mit einem schwarzen Farbklecks. Sagen Sie zu allem, was Ihnen angeboten wird, "Ja und Amen". Akzeptieren Sie Inakzeptables und sagen Sie leise "Dankeschön", wenn man Sie unfair behandelt oder Ihnen untergriffige Fragen stellt. Gehen Sie davon aus, dass Sie sofort ersetzbar wären, weshalb Sie sich eben alles bieten lassen müssten. Genießen Sie die Leidensrolle und gehen Sie darin gänzlich auf. Verabschieden Sie sich mit den Worten "Sie werden sicher noch Bessere finden".

Beiden Varianten gemein ist, dass Sie den anderen permanent etwas vorspielen müssen. Seien Sie niemals Sie selbst. Gehen Sie niemals offen auf Ihre Gesprächspartner zu und versprühen Sie ausnahmslos falsche Freundlichkeit, falsche Stärke oder Schwäche. Vertrauen Sie darauf, dass dieses Theater niemandem auffällt. (Christian A. Pongratz, derStandard.at, 1.3.2012)

CHRISTIAN A. PONGRATZ, geboren 1973 in Klagenfurt, studierte Rechtswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre, war Gastprofessor an der Università Commerciale Luigi Bocconi in Mailand. Er ist als Lektor an der Donau-Uni Krems tätig und unterrichtet an der FH Villach. Pongratz ist als Unternehmensberater (durchdacht.cc) und Wirtschaftskabarettist (betriebsdesaster.cc) in Österreich, Deutschland und Italien zugange.

Buchtipp

Christian Pongratz: Betriebsdesaster. Die Anleitung zum Untergang. Verlag durchdacht.cc, 159 Seiten, 24,50 Euro.

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    Ob größenwahnsinnig oder unsicher: Beide Varianten eignen sich prächtig, um beim Bewerbungsgespräch nicht gut anzukommen.

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