Polizeiarbeit

"Wien hat alles, nur kein Kriminalitätsproblem"

Interview | Maria Sterkl, 1. Februar 2012, 10:12
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    foto: standard/corn

    Fahndungsfotos in Bahnhöfen schaffen Unsicherheitsgefühle, ...

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    foto: derstandard.at/mas

    ... meint Soziologe Reinhard Kreissl. Auch die Polizisten und Polizistinnen an der Basis hätten keine große Freude mit dieser Novität.

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    foto: apa/herbert p. oczeret

    Kreissl fordert auch, der Polizei einfach ihre Arbeit machen zu lassen, denn das meiste davon, sei Papierkram.

Fahndungsfotos in Bahnhöfen verunsichern die Bevölkerung und bringen nichts - außer zusätzliche Arbeit für Polizisten, sagt Soziologe Reinhard Kreissl

Wem bringen die neuen Fahndungsfotos in Wiener Bahnhöfen etwas? Laut dem Soziologen Reinhard Kreissl dienen sie nur der Polizeiführung zur Imagepflege - das Sicherheitsempfinden der Menschen hingegen leide unter den Bildern.

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derStandard.at: An Wiener Bahnhöfen sind seit kurzem Fahndungsfotos zu sehen. Die Polizei will auf diese Weise das "subjektive Sicherheitsgefühl" steigern. Wird das funktionieren?

Kreissl: Mit dem Sicherheitsgefühl ist das so eine paradoxe Geschichte: Sicherheit entsteht, wenn ich nicht über sie nachdenke. Wenn ich Sie frage: "Fühlen Sie sich eigentlich sicher?", dann beginnen Sie erst zu überlegen: "Hm, sollte ich mich unsicher fühlen?"

derStandard.at: Das heißt, solche Fotos tragen eher dazu bei, das Sicherheitsgefühl zu erschüttern?

Kreissl: Maßnahmen, die deutlich zum Ausdruck bringen, dass etwas gegen Kriminalität getan wird, erhöhen das Unsicherheitsgefühl. Wenn Sie über den Schwedenplatz gehen und dort sieben Polizeiautos sehen und nicht wissen, was los ist, dann sind Sie erst einmal verunsichert. Wenn Sie in einer bestimmten Zeitung jeden Tag lesen, dass "die Ostbanden" unsere Wohnungen leerräumen, sind Sie verunsichert. Jede Kommunikation über Kriminalität erhöht das Unsicherheitsgefühl.

derStandard.at: Warum spricht die Polizei dann so viel darüber?

Kreissl: Man muss unterscheiden zwischen der Polizeiführung und den Polizisten, die tagtäglich diese Arbeit machen. Die Polizeiführung hat Interesse an Symbolpolitik. Sie verwendet das Kriminalitätsthema, um zu zeigen: "Seht her, wir tun etwas." Die Sicherheitskräfte werden für politische Kampagnen instrumentalisiert.

derStandard.at: Erleichtern oder erschweren die Fahndungsbilder die Arbeit der Polizei?

Kreissl: Die Polizisten, die tagtäglich diese Arbeit machen, sagen: "Um Gottes Willen." Sie werden nämlich zugemüllt mit sinnlosen Anrufen. Es gibt die üblichen verdächtigen Querulanten, die Sie durch solche Aktionen in Bewegung setzen. Die rufen dann an und sagen: "Den hob i gseng, letzte Wochn bei da Trafik." Und die Polizisten sagen: "Oh Gott, nicht der schon wieder." Meistens gibt es ja keinen Anhaltspunkt. Das ist ja auch die Lehre aus diesen ganzen Fahndungen - Rasterfahndung, Schleierfahndung und so weiter. Es gibt 500 Hinweise, denen man dann ohnehin nicht nachgehen kann. Man sollte die Polizei einfach ihre Arbeit tun lassen, die wissen ja, was sie tun. Die Hilfe der Bevölkerung ist in dem Fall völlig überflüssig.

derStandard.at: Bei den Fahndungen nach Mitgliedern der Roten Armee Fraktion (RAF) in Deutschland wurden Fahndungsfotos im großen Stil eingesetzt. Was waren da die Erfahrungen?

Kreissl: Keine einzige der zentralen Figuren aus dem RAF-Spektrum ist aufgrund eines Fahndungsfotos identifiziert worden. Dabei hingen die RAF-Fahndungsfotos in Deutschland ja wirklich bei jedem Greißler und jedem Postamt im Fenster, der ganze öffentliche Raum war damit zugepflastert. Diese Fotos sind heute ein Symbol für die sogenannte "bleierne Zeit" in Deutschland - das war ein Klima der Angst, eine Paranoisierung der Öffentlichkeit. In einem operativen Sinne haben diese Bilder gar nichts gebracht.

derStandard.at: Wie sicher fühlen sich die Menschen in Wien?

Kreissl: Sehr sicher. Wien ist eine Insel der Seligen. Diese Stadt hat alles, nur kein Kriminalitätsproblem. Der langfristige Kriminalitätstrend geht leicht nach unten, und auch das subjektive Sicherheitsgefühl ist relativ stabil, die Wiener fühlen sich wohl. Kurzfristig betrachtet haben Sie natürlich immer diesen Medienhype: Als vor einem halben Jahr dieser Rumänien-Hype in der "Kronen Zeitung" war, hat mich zum Beispiel meine Vermieterin gefragt, ob sie sich eine Videokamera zulegen soll. Es gibt da so kurze Aufregungen, wo die Leute verunsichert werden. Aber insgesamt ist Kriminalität keine große Sorge der Menschen.

derStandard.at: Das Sicherheitsgefühl hat also wenig mit der tatsächlichen Kriminalitätslage zu tun?

Kreissl: Genau. Wenn man Umfragen zum subjektiven Sicherheitsgefühl mit politischen Initiativen und den Kriminalitätsstatistiken über einen längeren Zeitraum vergleicht, dann sehen Sie: Politische Kampagnen, mediale Berichterstattung und das subjektive Gefühl schwingen immer gleich, die Kurven verlaufen mehr oder weniger parallel. Nur die registrierten Straftaten bewegen sich relativ unabhängig und gehen in den letzten Jahren leicht nach unten. Das heißt, das subjektive Sicherheitsempfinden ist im Wesentlichen eine Funktion der medialen Vermittlung. Die reale Kriminalitätsbelastung verläuft unabhängig davon.

derStandard.at: Menschen mit Migrationshintergrund sind in den Anzeigestatistiken überrepräsentiert. Man wird sie also häufiger auf Fahndungsfotos sehen. Könnten rassistische Tendenzen dadurch verstärkt werden?

Kreissl: Dass sie öfter angezeigt werden, liegt zum einen daran, dass sie oft "sichtbarer" sind als die anderen, zum anderen haben Studien in verschiedenen europäischen Ländern gezeigt, dass Polizisten eher nach Hautfarbe als nach Tatverdacht vorgehen. Ausländer sind im Schnitt jünger, haben eine schlechtere soziale Lage und sind daher auch kriminalitätsgefährdeter. Es herrscht im Alltag ein gewisser Rassismus, in der Bevölkerung wie innerhalb der Polizei, der natürlich nichts Polizeispezifisches ist. Die Wahrscheinlichkeit, als sichtbarer Ausländer angezeigt zu werden, ist höher als die von Inländern. Wenn Sie jetzt bei den Fahndungsbildern einen hohen Anteil an Migranten haben, dann verstärkt das natürlich schon Vorurteile.

derStandard.at: Wie lässt sich das subjektive Sicherheitsgefühl steigern?

Kreissl: In der Polizeiarbeit gibt es Ansätze, dass sich die Polizei eher als eine diffuse Ansprechinstitution versteht, die einfach nur da ist. Es gibt Untersuchungen, die den Polizeinotruf auswerten: Da haben Sie den entflohenen Kanarienvogel, den lauten Nachbarn, den Falschparker da unten auf der Straße - aber echte Kriminalitätsbekämpfung ist nur ein verschwindend geringer Teil der Polizeiarbeit.

derStandard.at: Ist man als BerufseinsteigerIn auf dieses Tätigkeitsprofil gefasst?

Kreissl: Sagen wir so: Die Polizei leidet unter einem Selbstmissverständnis. Das Selbstbild lautet: "Wir sind dazu da, Kriminelle zu fangen." Aber 80 Prozent dessen, was die Polizei tut, ist Papierarbeit. Die sitzen da, füllen ihre elektronische Dienstdokumentation aus, nehmen Protokolle auf, tippen eine Anzeige ein. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Polizist einen Kriminellen auf frischer Tat ertappt, liegt bei einem Mal in 17,5 Jahren. Das tägliche Brot der Polizisten ist eher Konfliktschlichtung - und dafür sollten die Beamten auch ausgebildet werden. (derStandard.at, 31.1.2012)

Reinhard Kreissl ist wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Rechts- und Kriminalitätssoziologie (IRKS) in Wien. Er forscht seit Jahren unter anderem zu den Themen Rechtssoziologie und Soziologie des abweichenden Verhaltens und sozialer Kontrolle.

Link:

IRKS

Zur Nachlese:

Fahndungsfotos in Wiener Bahnhöfen

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frontside
02
10.2.2012, 20:25
genau, kein Problem

mir wurde heute nur die Tür (Sicherheitstür wk3) zerschmettert und mein kompletter Goldschmuck geraubt

Drecksbande

Wein Franzpolter
37

Die Tankwarte, Juweliere und Trafikanten Wiens stimmen dem Hr. Obergscheidi sicher zu

Schwanz der Vampire
00
14.2.2012, 02:13
Das sind doch nur Einzelfälle!

Das kann man doch gar nicht verallgemeinern!

(PS: Wer was anderes behauptet, ist rassistisch und ein Nazi)

fahrenheit 451
01

zählen sie apotheken, supermärkte, banken, postämter etc einfach dazu. ^^

exilkaerntner
00
na übertreib mal nicht!

wir hören zwar immer -meist hör ichs von dir- dass es hier und da wieder überfälle gegeben hat. aber in unserem umfeld kennen wir mal keinen der davon betroffn war. und wir zwei leben jetzt nicht unbedingt in einem villen viertel ! ;) trotzdem ist wien- trotz aller problem, die man nicht verschweigen soll, eine sehr ruhige stadt.

fahrenheit 451
00

ich empfehle einfach die polizeiaussendungen um halbwegs informiert zu sein. wobei auch hier die presseabteilung langsam einfach tage ausfallen lässt. ^^

elbrujo1
53
wissenschaft

was zähen schon wissenschaftliche untersuchungen wenn jeder eine mitzi-tant hat, die von tschetschenischen gewalttätern ausgeraubt, ermordet und anschließend vergewaltigt worden ist und die zeitung jeden tag schreibt, dass schwarzafrikanische und rumänische horden plündernd und mordend durch die straßen ziehen...

pascale
00
Das ist genau so übertrieben wie die Aussagen

des Soziologen untertrieben sind. Die Wahrheit liegt meist in der Mitte.

Der Manner
12

So wia der Kreissl ausschaut, schaut ea eh ned aus wia a gstopftes botenziölles Opfa. Dem schenkt a Pücha hextns no an Euro.

ritter sperber1
15

vor zehn jahren war eine messerstecherei einmal pro monat thema in den medien.
heute ist die frequenz einer solchen gefühlt wöchentlich.
auch wenn im internat. vergleich wien noch immer sehr sicher ist, empfinde ich das gefühl einer steigen veränderung in die falsche richtung ...

rhodium
47
Man kann

diesem Herrn eigentlich nur gute Besserung wünschen. Verwunderlich wie man so blind sein kann. Ein Blick in eine Tageszeitung, ein Gespräch mit Bekannten und man bekommt einen gratis Einblick in das Kriminalitätsproblem in Wien bzw. in ganz Österreich.

Warum sind sie so realitätsfremd Herr Kreissl?

bernd rohrauer1
23

weil die von ihnen genannten quellen (tageszeitung, erfahrungen von bekannten) keine wissenschaftlichen sind. und ihr vorwurf der realitätsverweigerung ist insofern absurd (bitte um verzeihung) als sich wissenscahftlich relevante quellen, die für den herrn soziologen unverzichtbar sind (ja, es handelt sich um eine emprische wissenschaft, das heißt es geht gar nicht, dass sich der herr soziologe selbst was aus den fingern saugt) sehr direkt und möglichst (von bewertungen ungefiltert) auf realität beziehen (z Bsp. Kriminalstatistiken verschiedener Jahre imVergleich). Bitte verwechseln sie medienberichterstattung nicht mit realität. aus dieser position heraus wäre der vorwurf der realitätsferne an eine dritte person eine peinliche dummheit

fahrenheit 451
01

eine kleine umfrage, die wohl nicht von ihm sondern in einem praktikum von seinen studentInnen erhoben wurde, (und wie diese umfragen durchgeführt werden kennt jeder studentenlokalbesucher) bezüglich des subjektiven sicherheitsgefühl als wissenschaftliche arbeit zu bezeichnen ist schon sehr gewagt.

wie groß war die umfragegruppe? wo wurde diese umfrage durchgeführt? wie setzte sich die gruppe der befragten zusammen? nichts davon steht hier im artikel....

rhodium
02
Wissenschaftlich

ist eine Quelle also sobald sie von einem/r ideologisch indoktrinierten Professor(in) einer Staatsuniversität nach dem Gutdünken der "Partei" zurechtgebogen wurde?

Die Vergangenheit lehrt, dass man Statistiken nicht glauben sollte (wie sagte einst Churchill?). Erst recht nicht wenn sie um etwas so wichtiges wie Sicherheit gehen. Je nach Gemütslage und Wunsch der Regierenden wird so mal mehr, mal weniger Kriminalität "gefunden". Darauf kann man getrost vergessen. So sich aber im Bekanntenkreis und auch in vielen unabhängigen (!) Zeitungen die Berichte über Kriminalität häufen, ist das für mich doch ein Indiz für einen Kriminalitätsanstieg. Unabhängig davon was mir eine BMI-Statistik erzählen will ...

bernd rohrauer1
01

nein, wissenschaftlich ist defintiiv nicht was ein einzelner forscher als wissenschaftlich erachtet, sondern ausschließlich das was in intersubjektiver übereinkunft aus der disziplin heraus und gebunden an klare kritierien (davon das wichtigste die beleg- und überprüfbarkeit / verifiezierbarkeit der in den quellen enthaltenen daten, als grundvoraussetzung für die möglichkeit einer kritisch wissenschaftlichen arbeit überhaupt) als wissenschftlich gültige quelle akzeptiert ist. unabhängig davon dass allein die verwendung des begriffes des "unabhängigen" medien von einer naivität (nicht persönlich gemeint) zu zeugen scheint, stellt sich mir die frage auf welchen grundlagen sie denken dass eine solche zeitung zu ihren "wahrheiten" kommen könnte

phodium
42

klar, wenn man sich ständig die krone reinzieht und alles glaubt, was am schrebergärtnerstammtisch phantasiert wird, hat man sicher den - rechten - durchblick.

rhodium
14
Tja

mit Ihrer "weil nicht sein kann, was nicht sein darf"-Mentalität können wir eigentlich nur noch sagen: Der Letzte macht das Licht aus, wir verlassen unsere Heimat.

Airbus380
64
Noch nie hatte ich auch nur den Anflug von Sicherheitsbedenken in dieser Stadt.

Einzig wenn ich in der Nacht einem Polizisten begegne hoffe ich nicht alleine auf der Strasse zu sein.

Gizzlik
00

vermutlich nicht ohne grund

StandardMeinung
23

Zwei Wohnungseinbrüche und ein Autodiebstahl im unmittelbaren Freundeskreis. (Nicht irgendwelche Zweite-Hand-Bekannte-Geschichten.)

Mein Sicherheitsempfinden ist schon leicht irritiert ...

jeff5
33
auch wenn 's wieder nicht erscheint, der mann irrt gewaltig.

jos
39
Gegen die Ausländerkriminalität hat Wien eh das perfekte Rezept.

Einbürgern!
Auch sonst scheint der Soziologe mit dem abgetragenen Rollkragenpulli von der Polizeiarbeit wenig Ahnung zu haben.
Ach ja, und alle Österreicher sind natürlich Rassisten.

bernd rohrauer1
01

wenn man zwischen den schubladen für schwarz und weiss zumindest zwei für graustufen dazwischen hat, ein rassist nicht erst rassist ist wenn er ein adi-bild am nachtkästchen stehn hat und es (wie ich behaupte) nicht unzulässig wäre von ihnen ausgehend zu generalisieren, wäre ihr posting der beweis, dass dem so ist, dass alle östereicher rassisten sind (auch wenn ich nicht ganz nachvollziehen kann wo das der soziologe behauptet hätte.)

Rene Stangeler
01
Alleine die Aussage dass Polizisten 80%

ihrer Zeit mit Schreibarbeiten verbringen zeugt von seiner Unwissenheit. Polizeibeamte sitzen von ihrer 12 Stunden Schicht 6 Stunden im Funkwagen und fahren von einem Einsatz zum nächsten, (speziell nach Wochenenden geht der Vormittag grossteils damit drauf zu abgelaufenen Einbrüchen zu fahren),bzw haben einen Aussendienstverpflichtung von mindestens 2/3 der Dienstzeit. Da es aber ohnehin gerade mal genug Personal gibt um die Funkwägen besetzen zu können gibt den, seiner Meinung nach unnötig Streife gehenden Polizisten ohnehin so gut wie gar nicht.

Ob der Herr Soziologe weiss dass die Beamten an der Basis mit den Steckbriefen keine Freude haben bezweifle ich stark, denen wird das das schlicht egal sein.

deadsoil
13

na gott sei dank kann der standard auf solche "experten" setzen. wäre sonst nicht so einfach, die "ich hör nix, ich seh nix, wie reden alles schön" strategie aufrecht zu erhalten.

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