Wirr nach der Operation

  • Eine Operation kann das System aus den Fugen bringen: Vor allem bei älteren Menschen wird das Delir oft nicht erkannt.
    foto: apa/helmut fohringer

    Eine Operation kann das System aus den Fugen bringen: Vor allem bei älteren Menschen wird das Delir oft nicht erkannt.

Geriater warnen vor der Verharmlosung des postoperativen Delirs und fordern mehr Bewusstsein

Niedliche Tigerbabys balgten sich im Krankenzimmer, täglich zogen fröhliche Riesenameisen am Krankenbett vorbei zur Arbeit. Nachts beobachtete sie vom Krankenzimmer radfahrende Chinesen auf der Innsbrucker Nordkette. Monate nach ihrer schweren Herzoperation erzählt die Patientin lachend über ihre Halluzinationen und ihren Geisteszustand. Sie wisse aber, dass andere Patienten mit "Durchgangssyndrom", wie ein postoperatives Delir umgangssprachlich genannt wird, "richtige Horrortrips erlebt haben".

Nach schweren chirurgischen Eingriffen besteht auch für jüngere Menschen die Gefahr, aus der Narkose verwirrt, mit kognitiven Störungen, aber auch Wesensveränderungen aufzuwachen. In der Regel ist das Delir in wenigen Stunden oder Tagen vorbei. Bei alten Menschen kann der Zustand aber Wochen und Monate anhalten. Für sie reicht ein kleiner Eingriff, manchmal schon die Stresssituation rund um die Operation aus, um ins Delir zu fallen. Der psychische Ausnahmezustand, ausgelöst durch eine metabolische Funktionsstörung des Gehirns, kann Monate andauern. Typisch für das Delir: Konzentrationsfähigkeit, Orientierung, Aufmerksamkeit sind gestört. Helle Momente und tiefe Verwirrung wechseln, nachts verschlechtert sich der Zustand. Zur Betreuung bedürfte es speziell geschulten Personals, das aber nur in wenigen Kliniken zur Verfügung steht.

Ein Delir kann sich in hyperaktiver, hypoaktiver oder einer Mischform zeigen. Die überaktiven, "lauten" Betroffenen schlafen nicht mehr, reden wirr und stetig, können aggressiv gegen sich und andere werden. Die hypoaktive, "stille" Form kann für den Patienten gefährlich werden, weil sie sehr oft unerkannt und daher unbehandelt bleibt. Solche Menschen liegen still und teilnahmslos in ihren Betten, die rechtzeitige Mobilisierung und Betreuung bleibt oft aus. Ingrid Fend, auf geriatrische Patienten spezialisierte Psychiaterin und Neurologin in Bregenz: "Diese Patienten sprechen sehr wenig. Dadurch gelingt es ihnen, die Fassade aufrechtzuerhalten." Hier bedürfe es der Aufmerksamkeit und Zuwendung der Angehörigen, "sie erkennen eine Orientierungsstörung am schnellsten".

Delire sind nicht selten. "Über 65-Jährige entwickeln zirka zu 40 Prozent bereits bei Krankenhausaufnahme und zu über 50 Prozent postoperativ ein Delir", sagt Gerald Ohrenberger, geschäftsführender ärztlicher Leiter im Wiener Haus der Barmherzigkeit. Das Risiko, an den Folgen eines Delirs zu sterben, entspreche dem Mortalitätsrisiko eines Herzinfarktes oder einer Sepsis. Die Wahrscheinlichkeit, ein Delir zu entwickeln, liege mit 60 Prozent gleich hoch wie die Gefahr einer Thrombose.

Test für Diagnostik

Die Möglichkeiten, sowohl vorbeugend als auch therapeutisch zu intervenieren, seien vorhanden, werden jedoch zu wenig genutzt, rügt Ohrenberger. Ein einfacher Test, der CAM-Score (Confusion Assessment Method), verschaffe in nur zwei Minuten anhand von fünf Fragen Gewissheit, ob ein Delir vorliegt. Angewandt wird der Test aber nicht systematisch. Ohrenberger: "Verwirrtheitszustände nach Operationen werden leider immer noch als gegeben angenommen, oft bagatellisiert." Was sich schon in der Verwendung des überholten Begriffs "Durchgangssyndrom" zeige. Vor allem die chirurgischen Fächer müssten sich stärker der psychiatrisch-internistischen Diagnostik zuwenden oder sie an Delir-Schwestern delegieren, fordert der Internist und Geriater.

Vorbeugen könne man einem Delir durch ausreichende Hydrierung, Sauerstoffversorgung und die Reduktion von anticholinerg wirksamen Medikamenten (Medikamente, die den Signalweg zwischen den Nervenverknüpfungen im Gehirn beeinflussen). Bestehe der Verdacht eines Delirs, müssten, so Ohrenberger, alle nichtlebensnotwendigen Medikamente abgesetzt werden.

Therapiert wird ein postoperatives Delir mit Neuroleptika. Ingrid Fend: "Sie sind wichtig, damit die Menschen wieder zur Ruhe kommen, sich der Tag-Nacht-Rhythmus wieder einpendelt. Man muss aber Nutzen und Risiko der neuroleptischen Therapie laufend abwägen." Eine wichtige Rolle kommt den Angehörigen in der Therapie zu. Ohrenberger: "Sie können den Krankenhausaufenthalt durch kontinuierliche und ruhige Begleitung stressfreier machen." Die Orientierung lasse sich am besten in einer gleichförmig ruhigen Umgebung durch gleichbleibende Bezugspersonen wiederherstellen, sagt auch Fend. Da sich das im Krankenhausbetrieb durch Schichtwechsel nicht umsetzen lasse, müssten Angehörige die Kontinuität schaffen. Optimal wäre, so die Psychiaterin, "ein Rooming-in wie bei Kindern". Leider werde diese Möglichkeit noch nicht angeboten. (Jutta Berger, DER STANDARD Printausgabe, 14.11.2011)

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