Wirr nach der Operation

13. November 2011, 18:54
  • Eine Operation kann das System aus den Fugen bringen: Vor allem bei älteren Menschen wird das Delir oft nicht erkannt.
    foto: apa/helmut fohringer

    Eine Operation kann das System aus den Fugen bringen: Vor allem bei älteren Menschen wird das Delir oft nicht erkannt.

Geriater warnen vor der Verharmlosung des postoperativen Delirs und fordern mehr Bewusstsein

Niedliche Tigerbabys balgten sich im Krankenzimmer, täglich zogen fröhliche Riesenameisen am Krankenbett vorbei zur Arbeit. Nachts beobachtete sie vom Krankenzimmer radfahrende Chinesen auf der Innsbrucker Nordkette. Monate nach ihrer schweren Herzoperation erzählt die Patientin lachend über ihre Halluzinationen und ihren Geisteszustand. Sie wisse aber, dass andere Patienten mit "Durchgangssyndrom", wie ein postoperatives Delir umgangssprachlich genannt wird, "richtige Horrortrips erlebt haben".

Nach schweren chirurgischen Eingriffen besteht auch für jüngere Menschen die Gefahr, aus der Narkose verwirrt, mit kognitiven Störungen, aber auch Wesensveränderungen aufzuwachen. In der Regel ist das Delir in wenigen Stunden oder Tagen vorbei. Bei alten Menschen kann der Zustand aber Wochen und Monate anhalten. Für sie reicht ein kleiner Eingriff, manchmal schon die Stresssituation rund um die Operation aus, um ins Delir zu fallen. Der psychische Ausnahmezustand, ausgelöst durch eine metabolische Funktionsstörung des Gehirns, kann Monate andauern. Typisch für das Delir: Konzentrationsfähigkeit, Orientierung, Aufmerksamkeit sind gestört. Helle Momente und tiefe Verwirrung wechseln, nachts verschlechtert sich der Zustand. Zur Betreuung bedürfte es speziell geschulten Personals, das aber nur in wenigen Kliniken zur Verfügung steht.

Ein Delir kann sich in hyperaktiver, hypoaktiver oder einer Mischform zeigen. Die überaktiven, "lauten" Betroffenen schlafen nicht mehr, reden wirr und stetig, können aggressiv gegen sich und andere werden. Die hypoaktive, "stille" Form kann für den Patienten gefährlich werden, weil sie sehr oft unerkannt und daher unbehandelt bleibt. Solche Menschen liegen still und teilnahmslos in ihren Betten, die rechtzeitige Mobilisierung und Betreuung bleibt oft aus. Ingrid Fend, auf geriatrische Patienten spezialisierte Psychiaterin und Neurologin in Bregenz: "Diese Patienten sprechen sehr wenig. Dadurch gelingt es ihnen, die Fassade aufrechtzuerhalten." Hier bedürfe es der Aufmerksamkeit und Zuwendung der Angehörigen, "sie erkennen eine Orientierungsstörung am schnellsten".

Delire sind nicht selten. "Über 65-Jährige entwickeln zirka zu 40 Prozent bereits bei Krankenhausaufnahme und zu über 50 Prozent postoperativ ein Delir", sagt Gerald Ohrenberger, geschäftsführender ärztlicher Leiter im Wiener Haus der Barmherzigkeit. Das Risiko, an den Folgen eines Delirs zu sterben, entspreche dem Mortalitätsrisiko eines Herzinfarktes oder einer Sepsis. Die Wahrscheinlichkeit, ein Delir zu entwickeln, liege mit 60 Prozent gleich hoch wie die Gefahr einer Thrombose.

Test für Diagnostik

Die Möglichkeiten, sowohl vorbeugend als auch therapeutisch zu intervenieren, seien vorhanden, werden jedoch zu wenig genutzt, rügt Ohrenberger. Ein einfacher Test, der CAM-Score (Confusion Assessment Method), verschaffe in nur zwei Minuten anhand von fünf Fragen Gewissheit, ob ein Delir vorliegt. Angewandt wird der Test aber nicht systematisch. Ohrenberger: "Verwirrtheitszustände nach Operationen werden leider immer noch als gegeben angenommen, oft bagatellisiert." Was sich schon in der Verwendung des überholten Begriffs "Durchgangssyndrom" zeige. Vor allem die chirurgischen Fächer müssten sich stärker der psychiatrisch-internistischen Diagnostik zuwenden oder sie an Delir-Schwestern delegieren, fordert der Internist und Geriater.

Vorbeugen könne man einem Delir durch ausreichende Hydrierung, Sauerstoffversorgung und die Reduktion von anticholinerg wirksamen Medikamenten (Medikamente, die den Signalweg zwischen den Nervenverknüpfungen im Gehirn beeinflussen). Bestehe der Verdacht eines Delirs, müssten, so Ohrenberger, alle nichtlebensnotwendigen Medikamente abgesetzt werden.

Therapiert wird ein postoperatives Delir mit Neuroleptika. Ingrid Fend: "Sie sind wichtig, damit die Menschen wieder zur Ruhe kommen, sich der Tag-Nacht-Rhythmus wieder einpendelt. Man muss aber Nutzen und Risiko der neuroleptischen Therapie laufend abwägen." Eine wichtige Rolle kommt den Angehörigen in der Therapie zu. Ohrenberger: "Sie können den Krankenhausaufenthalt durch kontinuierliche und ruhige Begleitung stressfreier machen." Die Orientierung lasse sich am besten in einer gleichförmig ruhigen Umgebung durch gleichbleibende Bezugspersonen wiederherstellen, sagt auch Fend. Da sich das im Krankenhausbetrieb durch Schichtwechsel nicht umsetzen lasse, müssten Angehörige die Kontinuität schaffen. Optimal wäre, so die Psychiaterin, "ein Rooming-in wie bei Kindern". Leider werde diese Möglichkeit noch nicht angeboten. (Jutta Berger, DER STANDARD Printausgabe, 14.11.2011)

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8 Postings

Delir? Abkürzung für Delirium?

nur das alter?

mich habens nach 2 ops 5 tage in den tiefschlaf geschickt, war da 45lenze frisch, und habe mind 2 wochen die eisenbahn vorm fenster vorbeifahren gesehen.

von den alpträumen in der narkose mal abgesehen.
ging bis zum rausreißen der zugänge weil es brannte und ich an vergiftung durch die pfleger glaubte.

ich war bis zu 3 monate nach dann insgesamt nach 9 op´s mit narkose in 5 wochen und dem tiefschlaf nicht ganz da....bis zu 18h /tag geschlafen langsam in allen bewegungen....

also das ist nicht nur bei älteren patienten, auch bei mehreren ops und tiefschlaf ists schon wesentlich früher, dass man solche folgen zu erleiden hat.
man wollte mir süchtig machende psychopharmaka reinwürgen, hab ich abgestellt. war schon nach 1 monat hart.

ich möcht hier keinen angst machen, aber es ist nun auch mal so, bzw. gibt es schon viele wissenschaftliche untersuchungen dahin,

dass man in einer vollnakose sehr wohl alles miterlebt und spürt, nur eben dass man sich hinterher nicht mehr daran erinnern kann. es passiert aber immer wieder dass manche sich sehr wohl erinnern können und sprechen von einen unglaublich ausgelieferten und fürchterlichen trauma, man ist von kopf bis fuss gelehmt, spürt aber die schmerzen. hier denke ich sollte viel viel mehr forschung betrieben werden, gerade da die anzahl der op's vollnakose von jahr zu jahr steigen und es wird viel zu leichtsinnig damit umgegangen. eine vollnakose soll überhaupt soweit wie es geht vermieden werden, kreuzstich / lokalanästhesie hingegen kann bei sehr vielen OP's alternativ zur anwendung kommen - mit praktisch keinen dieser schrecklichen nebenwirkungen.

Bei vielen OPs bist nicht gelähmt weil die Muskelrelaxantien oft nur zur Einleitung verwendet werden. Wenn jemand zu wach wird merkt man das schon daran dass die zum Bewegen anfangen.

Dass man "alles miterlebt und spürt" kann ich nicht ganz nachvollziehen. Sonst müssten die vegetativen Reaktionen extrem sein, Puls bei 180 und so, wenn an dir rumgeschnitten wird. Außerdem sollten bei ausreichender Opiat-Dosierung die Schmerzen erträglich sein, unabhängig wie wach man ist.

Das Problem ist die richtige Narkosetiefe zu finden, so dass keine Wachheit/Schmerz entsteht aber auch der Blutdruck nicht extrem abfällt. Viele OPs gehen nicht in Lokalanästhesie, wegen möglicher Keimverschleppung, Dauer, nötiger Muskelrelaxierung, Lokalisation, etc

nur so ganz nebenbei bemerkt, sind über 80% aller OPs vollkommen überflüssig und dienen nur der sanierung von maroden krankehäuser..

..wie erst unlängst wieder eine neue untersuchung aufgezeigt hat. und schönheits OP's sind zu 99% soweiso für den hugo.

Delir/ium - oder Angstausdruck?

""Über 65-Jährige entwickeln zirka zu 40 Prozent bereits bei Krankenhausaufnahme und zu über 50 Prozent postoperativ ein Delir"

das sagt klar aus, dass das Delirium nicht durch die OP selbst kommt. Es klingt danach, dass Traumata durch Angst gebildet und durch OP samt Medikamenten nicht abgebaut werden können.

Was heißt das im Klartext?
Dass die Schulmedizin lernen muss, die Psyche einzubeziehen. Seelische Vor-Behandlung vor einer OP (außer wenn es dringlich ist, natürlich), um die Angst vor dem Tod, vor Körper"verstümmelung", vor Schmerzen zu nehmen. Es ist nur logisch, dass man vor einer OP Angst hat - immerhin ist auch eine Narkose schon ein "kleiner Tod". Aber es geht darum, mit Angst richtig umzugehen, auch nach einer OP.

nichts war so schrecklich wie das aufwachen aus der narkose nach einer mandelop.

ich wurde in einer fabrik wie ein druckgussmetall mit 1000en tonnen in formen gepresst. einmal delirierte ich 30min und dachte es sei DIE GANZE NACHT vorüber! der totale wahnsinn....
die wachende schwester erzählt mir nachher, ich hätte die ganze zeit gestöhnt "so eine sch...., wann hört das auf? so eine sch.... wann......."

grad terminator gschaut?

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