Ethnologe Markus Höhne über Angriffe der Al-Shabaab-Miliz, die auch auf das Urlaubsland Kenia übergreifen könnten
In den letzten Wochen sorgte der schon lang schwelende Konflikt zwischen der islamistischen Al-Shabaab Miliz und der somalischen Regierung wieder für internationale Schlagzeilen. Nach Entführungen westlicher Touristen und Mitarbeiterinnen von Ärzte ohne Grenzen beschloss Kenia außerdem in Somalia einzumarschieren (derStandard.at berichtete). Die USA gaben Anfang der Woche eine Warnung aus, nach Kenia zu reisen. Terroranschläge seien zu befürchten. Wie der somalische Bürgerkrieg auch die umliegenden Länder betrifft und welche Maßnahmen den Konflikt entschärfen könnten, erklärt Ethnologe Markus Höhne im derStandard.at-Interview.
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derStandard.at: Die Ereignisse in
Somalia überschlagen sich in den letzten Wochen. Zuerst Entführungen von
Mitarbeiterinnen von Ärzte ohne Grenzen, dann der Einmarsch Kenias in Somalia.
Außerdem vermeldet al-Shabaab 70 Soldaten der Afrikanischen Union getötet zu
haben. Steuern wir auf einen neuen Höhepunkt des schon lange schwelenden
Konflikts zu?
Höhne: Der Konflikt ist noch lange
nicht beendet. Viele haben sich im August 2011 wohl dazu verleiten lassen zu
glauben, dass mit dem Rückzug von al-Shabaab aus der somalischen Hauptstadt
Mogadischu al-Shabaab besiegt ist und die Übergangsregierung die Macht
übernehmen wird. Das war ein Fehlschluss, der nicht fundiert war. Al-Shabaab
kontrolliert nach wie vor circa 50 Prozent des Landes. Der Rückzug aus der
Hauptstadt war strategischer Natur bzw. Ausdruck einer momentanen Schwächung
al-Shabaabs, bedeutete jedoch nicht ein Ende des Kampfes, und das zeigt sich
eben gerade jetzt wieder.
derStandard.at: Aus welchen Gründen
hat sich al-Shabaab im August denn dafür entschieden, aus Mogadischu
abzuziehen?
Höhne: Das hängt unter anderem eng
mit der aktuellen Hungersnot zusammen. Die USA haben 2009 die Devise ausgegeben,
dass ihre Hilfsgelder nicht in Gebieten verwendet werden dürfen, die von
al-Shabaab kontrolliert werden. Al-Shabaab hat schon länger internationale "westliche"
Hilfsorganisationen gegängelt und auch erpresst. Ende 2009 kam es dann zu einem
Konflikt zwischen den Islamisten und dem world food programme (WFP), das dann
Anfang 2010 die Arbeit in Somalia einstellte. Krieg, die Politisierung
humanitärer Hilfe und eine periodische Dürre führten dann im Frühjahr 2011 zu
der bekannten Hungerkatastrophe. Diese hat die Kräfte von al-Shabaab
unterminiert, denn al-Shabaab rekrutiert, auch mit Zwang, unter der loaklen Bevölkerung,
die dann aber vor dem Hunger zu fliehen versuchte. Das war ein Grund für den
Rückzug aus Mogadischu. Al-Shabaab war 2008 bis 2010 die domininierende Kraft
in Südsomalia.
derStandard.at: Als es 2007 die
äthiopische Militärintervention gab und mehr als 10.000 Soldaten einmarschiert
sind, ist die Gewalt in Somalia eskaliert. Stehen wir jetzt nach dem Einmarsch
Kenias vor einer ähnlichen Situation?
Höhne: Die Äthiopier haben den
Fehler gemacht, dass sie bis nach Mogadischu marschiert sind. Da haben sie ganz
viele Somalis gegen sich aufgebracht. Die Hauptstadt wurde besetzt, Frauen
vergewaltigt und Zivilisten getötet. Wenn Kenia dasselbe machen würde, würde
das auch zu ähnlichen Reaktionen führen.
Allerdings marschieren die Kenianer
mit weniger Truppen ein. Sie haben auch ein klareres Ziel. Es ist ein
Vergeltungsschlag für die Entführung westlicher Touristen von Kenia nach
Somalia. Man kann darüber streiten, ob diese
Entführungen direkt von Al-Shabaab durchgeführt oder in Auftrag gegeben wurden,
oder ob das Kriminelle waren, die diese Leute an al-Shabaab verkaufen wollten.
Das ist alles sehr undurchsichtig. Allerdings hat erst vor wenigen Tagen der
Sprecher von al-Shabaab angekündigt, dass man gegen Kenia vorgehen wird.
Und Kenia wird das nächste Ziel
al-Shabaabs sein. Es gibt in Mombasa, Nairobi und anderen großen Städten des
Landes große somalische Gemeinschaften. Es ist ein offenes Geheimnis, dass
al-Shabaab dort präsent ist. Experten sagen, es ist nur eine Frage Zeit, bis
dort Anschläge verübt werden. Klarerweise wird dabei auch versucht, die
Tourismusindustrie zu treffen.
derStandard.at: Was ist das konkrete
Ziel, das Kenia vor Augen hat, wenn es jetzt in Somalia einmarschiert? Wann ist
die Mission erfüllt?
Höhne: Es gibt in Südsomalia einen
neuen Teilstaat, Azania, der als Pufferstaat entlang der kenianischen und
somalischen Grenze fungieren sollte. Er wurde vor einem Jahr auf Drängen Kenias
hin gegründet um al-Shabaab zu bekämpfen und aus Kenia herauszuhalten. Doch de
facto funktioniert das sehr schlecht. Jetzt müssen die Kenianer die Arbeit
selber machen und vor Ort für Ordnung sorgen.
Wenn Azania besser funktionieren
würde, könnte man sich militärisch aus der Schusslinie nehmen. Ich bezweifle,
dass sich das in naher Zukunft ändert. Solange sich Kenia nur auf die Kontrolle
der Grenzregion beschränkt, auch auf der somalischen Seite, ist das in den
Augen der meisten Somalis noch legitim und könnte größere militärische
Operationen von al-Shabaab in Kenia verhindern. Terroranschläge, z.B. in
Nairobi, können so aber sicher nicht verhindert werden.
derStandard.at: Wie lässt es sich
erklären, dass die derzeitige Übergangsregierung in Somalia so derartig schwach
ist, dass sogar andere Staaten mit deren Einverständnis einmarschieren dürfen?
Höhne: Das ist ein Drama, das sich
schon seit 20 Jahren hinzieht. Die somalischen Akteure, die sich selber in die
Politik begeben und auch von externen Mächten anerkannt werden, waren immer
diejenigen, denen man den Staat am allerwenigsten anvertrauen sollte. Mit wem
haben die Amerikaner in den 90er Jahren verhandelt, als es darum ging nach dem
Bürgerkrieg einen neuen Staat aufzubauen? Mit Aidid und Ali-Mahdi, den übelsten
Warlords ihrer Zeit. Es wurden auch später immer die militärischen Akteure und
Kriegstreiber privilegiert. Übrigens, in Nordsomalia, fernab externer
Interventionen, gelang es den Menschen den Bürgerkrieg zu beenden und relativ
stabile staatliche Strukturen aufzubauen. Die dort in den 90er Jahren
gegründeten "Staaten" Somaliland und Puntland funktionieren bis heute, werden
aber international nicht anerkannt.
Eine Lehre, die man daraus ziehen
kann, ist: je weniger Intervention, desto besser. Lassen wir die Somalis
einfach mal machen. Man müsste auch Äthiopien, Kenia und Dschibuti davon
abhalten, diese Stellvertreterkonflikte voranzutreiben.
derStandard.at: Sie glauben also,
dass al-Shabaab von selbst friedlich werden würde, wenn sich alle externen
Kräfte aus dem Konflikt heraushalten?
Höhne: Das treibt meine Aussage natürlich
auf die Spitze. Man hätte 2006 die Union islamischer Gerichte einfach machen
lassen sollen, die waren nämlich vor Ort bei den Leuten akzeptiert und noch nicht
so gewalttätig. Es hat damals geheißen, sie seien die somalischen Taliban, aber
das war vollkommen übertrieben. Die Äthiopier wurden dann von den Amerikanern dabei
unterstützt, sie wegzubomben. Jetzt haben wir al-Shabaab, die zehn Mal so
schlimm sind
Es ist allerhöchste Zeit einen neuen
Stil von Politik in Somalia zu favorisieren. Man kann nicht immer sagen, wir
richten Somalia militärisch zurecht. Man kann nicht sagen, wir etablieren
irgendwelche nicht-legitimen Führer, und wenn sie sich nicht durchsetzen
können, helfen wir ihnen eben militärisch. Es gibt kein Beispiel weltweit, wo
so etwas gut gegangen ist. Der erste Schritt kann jetzt aber nicht sein, die
Armeen abzuziehen und al-Shabaab an das Ruder zu lassen. Vielmehr müsste ein
ernsthafter Dialog mit allen Akteuren vor Ort gestartet werden.
derStandard.at: Ist es nicht naiv zu
glauben, dass der Dialog irgendetwas ändern wird? Etwa die islamistische
Ideologie von al-Shabaab?
Höhne: Al-Shabaab ist sehr
vielschichtig. Es gibt eine kleine Gruppe, die ideologisch sehr extrem
ausgerichtet ist und mit denen man nicht reden kann. Aber es gibt eine ganze
Menge Kämpfer und lokale Anführer, die keinen globalen Djihad wollen. Sie haben
nur eine somalische Agenda. Natürlich sagen sie, dass sie Mudschaheddin sind
und für den Islam kämpfen, aber viele machen das auch aus Verzweiflung. Die
al-Shabaab Kämpfer werden bezahlt; das hilft ihnen und ihren Familien in einem
zerfallenen Staat beim Überleben. Es ist für sie zudem allemal besser, für den
Islam zu kämpfen als für einen einen Warlord oder im Auftrag der Amerikaner.
Eine säkulare Regierung wird es
nicht geben, die will auch kaum ein Somali haben. Somalis sind Moslems und
relativ konservativ. Die externen Interventionen vor allem Äthiopiens haben das
noch verstärkt. Als Vertreter des Westens hinzugehen und zu sagen, dass man
eine säkulare Regierung braucht, die die Rechte der Frauen stärkt und so weiter,
ist zum Scheitern verurteilt. Man muss nach einem Minimalkonsens suchen. Etwa
einer Garantie, dass Somalia die Nachbarstaaten nicht angreift. Dass kein globaler islamischer Terrorismus unterstützt wird.
Dass die Regierung innerhalb Somalias auf islamischen Prinzipien beruht und
auch die Nachbarstaaten davon abgehalten werden, in Somalia einzumarschieren.
Die derzeitige Regierung ist ein
nichtsnutziger Verein. Sharif Sheikh Ahmed ist ein korrupter, gekaufter, vor
Ort überhaupt nicht legitimierter Präsident. Es steht auch im jüngsten Report
der UN-Monitoring Group, dass die derzeitige Führung in einem Maße korrupt ist,
das unerträglich ist. Fast 90 Prozent der Gelder, die an diese Regierung gehen,
werden missbraucht. Das ist also bekannt, und trotzdem versucht die
internationale Gemeinschaft, in diesem Stil weiterzumachen. Wenn man so
arbeitet, braucht man sich auch nicht wundern, dass Somalia nach wie vor im
Dreck steckt. (Teresa Eder/derStandard.at, 23.10.2011)