Bis Sonntagabend können Aki Kaurismäki, die Brüder Dardenne oder Terrence Malick noch auf eine Goldene Palme spekulieren
Trotz später Highlights wie
"Drive" überschattet der Ausschluss Lars von Triers das Festival in Cannes.
Die Aufregung um das dänische Enfant terrible Lars von Trier überschattet das
Ende des Festivals von Cannes. Einmalig in der Geschichte der Veranstaltung hat
die Direktion einen Regisseur zur Persona non grata erklärt - von Trier darf
nicht einmal mehr das Festivalpalais betreten. Mit dieser Entscheidung, die
einen Tag nach einer Entschuldigung des Regisseurs kam, ist allerdings niemandem
geholfen: So deplatziert die Äußerungen von Triers bei der Pressekonferenz auch
waren, mit seiner Verbannung verleiht man seinen dummen Provokationen nur
zusätzliches Gewicht.
Es ist nicht das erste Mal, dass der Regisseur einen öffentlichen Auftritt
als Performance nutzt und sich dabei den Mantel des politisch inkorrekten
Lausbuben umhängt. Von Trier operiert mit einer Ironie, die nur auf ihn selbst
gerichtet ist. Der moralische Rigorismus, mit dem man ihn nun dafür abstraft,
wirkt überzogen.
Erfreulicheres gibt es über den Wettbewerb zu berichten, der in der zweiten
Hälfte des Festivals weit weniger schwächelt. Geht man nach den Kritikercharts
des Branchenblatts Screen, dürfen sich Terrence Malicks The Tree of
Life, Aki Kaurismäkis Le Havre und Le gamin au vélo von den
Brüdern Dardenne Hoffnungen auf die Goldene Palme machen. Nicolas Winding Refns
Thriller Drive dürfte für einen Hauptpreis am Sonntagabend zwar zu eng am
Genrekino orientiert bleiben, sorgte aber mit seiner extratrockenen Geschichte
um einen Stuntfahrer, der sich nach einem missglückten Raubüberfall zum
stoischen Rächer wandelt, noch für Begeisterung.
Ryan Gosling bewegt sich in dieser äußerst stilsicheren Adaption eines
Neo-noir-Krimis von James Sallis geschmeidig-charismatisch wie ein junger Steve
McQueen durchs Bild. Passagen von angespannter Ruhe wechseln unvermittelt mit
Autoverfolgungsjagden und unvermittelten Gewaltausbrüchen ab, die dem Helden den
Schweiß ins Gesicht treiben. Winding Refn, wie Lars von Trier übrigens dänischer
Herkunft, filmt die Figuren oft in Untersicht, doch der Eindruck von Balance,
Macht und Souveränität ist trügerisch: Es ist das Um und Auf dieser im
Pastiche-Look der 1980er-Jahre gehaltenen existenzialistischen Parabel, dass
jeder gnadenlos fallen muss.
Nach seinem Ausflug ins Wikingerfach, Valhalla Rising, durchdringt
Winding Refn hier ein weiteres marodes Milieu, dessen halbseidene Figuren mit
Schauspielern wie Albert Brooks, Ron Perlman oder Christina Hendricks
durchgehend großartig besetzt sind.
In einer Nebensektion fand auch noch der zweite österreichische Film in
Cannes, Karl Markovics' Atmen, eine umjubelte Premiere: Das Debüt des
Schauspielers begleitet in ruhigen, meist statischen Einstellungen den
18-jährigen Kogler (Thomas Schubert), der in Gefängnisfreigängen erste Schritte
in ein selbstbestimmtes Leben unternimmt. Die Arbeit in einem
Bestattungsinstitut und die Suche nach seiner Mutter, die der Jugendliche nie
kennengelernt hat, sind die beiden Erzählbahnen des Films, in denen der Held
seine Tauglichkeit überprüft.
Passage aus der Isolation
Markovics überstürzt Situationen nicht, sondern widmet sich den einzelnen
Arbeitsabläufen des gut getroffenen, ein wenig mürrischen Trupps der Bestatter.
Er zeigt die Routinen von Koglers Wegen und schöpft aus szenischen
Wiederholungen das Bild eines Helden, der allmählich Boden unter den Füßen
gewinnt. Es ist eine Passage heraus aus dem Eingeschlossensein, die Atmen
mit großer Ernsthaftigkeit mitvollzieht - aus einer Isolation, die nicht vom
Gefängnisdasein, sondern auch aus einer inneren Festung herrührt. Wie der Film
dem Protagonisten allmählich möglichen Raum zum Leben verschafft, wird über
weite Strecke behände erzählt, wenngleich er visuell eine Spur zu wenig
riskiert, um nachhaltig zu beeindrucken. (Dominik Kamalzadeh aus Cannes/ DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.5.2011)
Siehe auch:
"Hitler
muss man kaputtreden"
Claus Philipp in einem 'Kommentar der anderen' zur Frage der Verhältnismäßigkeit der öffentlichen Empörung über den
Nazi-Sager Lars von Triers beim Festival von Cannes