Ein jeder Held muss gnadenlos fallen

20. Mai 2011, 17:14
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    foto: festival du cannes

    US-Schauspieler Ryan Gosling, geschmeidig-charismatisch wie ein junger Steve McQueen: "Drive" heißt der stilsichere Wettbewerbsbeitrag des Dänen Nicolas Winding Refn.

Bis Sonntagabend können Aki Kaurismäki, die Brüder Dardenne oder Terrence Malick noch auf eine Goldene Palme spekulieren

 Trotz später Highlights wie "Drive" überschattet der Ausschluss Lars von Triers das Festival in Cannes.

Die Aufregung um das dänische Enfant terrible Lars von Trier überschattet das Ende des Festivals von Cannes. Einmalig in der Geschichte der Veranstaltung hat die Direktion einen Regisseur zur Persona non grata erklärt - von Trier darf nicht einmal mehr das Festivalpalais betreten. Mit dieser Entscheidung, die einen Tag nach einer Entschuldigung des Regisseurs kam, ist allerdings niemandem geholfen: So deplatziert die Äußerungen von Triers bei der Pressekonferenz auch waren, mit seiner Verbannung verleiht man seinen dummen Provokationen nur zusätzliches Gewicht.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Regisseur einen öffentlichen Auftritt als Performance nutzt und sich dabei den Mantel des politisch inkorrekten Lausbuben umhängt. Von Trier operiert mit einer Ironie, die nur auf ihn selbst gerichtet ist. Der moralische Rigorismus, mit dem man ihn nun dafür abstraft, wirkt überzogen.

Erfreulicheres gibt es über den Wettbewerb zu berichten, der in der zweiten Hälfte des Festivals weit weniger schwächelt. Geht man nach den Kritikercharts des Branchenblatts Screen, dürfen sich Terrence Malicks The Tree of Life, Aki Kaurismäkis Le Havre und Le gamin au vélo von den Brüdern Dardenne Hoffnungen auf die Goldene Palme machen. Nicolas Winding Refns Thriller Drive dürfte für einen Hauptpreis am Sonntagabend zwar zu eng am Genrekino orientiert bleiben, sorgte aber mit seiner extratrockenen Geschichte um einen Stuntfahrer, der sich nach einem missglückten Raubüberfall zum stoischen Rächer wandelt, noch für Begeisterung.

Ryan Gosling bewegt sich in dieser äußerst stilsicheren Adaption eines Neo-noir-Krimis von James Sallis geschmeidig-charismatisch wie ein junger Steve McQueen durchs Bild. Passagen von angespannter Ruhe wechseln unvermittelt mit Autoverfolgungsjagden und unvermittelten Gewaltausbrüchen ab, die dem Helden den Schweiß ins Gesicht treiben. Winding Refn, wie Lars von Trier übrigens dänischer Herkunft, filmt die Figuren oft in Untersicht, doch der Eindruck von Balance, Macht und Souveränität ist trügerisch: Es ist das Um und Auf dieser im Pastiche-Look der 1980er-Jahre gehaltenen existenzialistischen Parabel, dass jeder gnadenlos fallen muss.

Nach seinem Ausflug ins Wikingerfach, Valhalla Rising, durchdringt Winding Refn hier ein weiteres marodes Milieu, dessen halbseidene Figuren mit Schauspielern wie Albert Brooks, Ron Perlman oder Christina Hendricks durchgehend großartig besetzt sind.

In einer Nebensektion fand auch noch der zweite österreichische Film in Cannes, Karl Markovics' Atmen, eine umjubelte Premiere: Das Debüt des Schauspielers begleitet in ruhigen, meist statischen Einstellungen den 18-jährigen Kogler (Thomas Schubert), der in Gefängnisfreigängen erste Schritte in ein selbstbestimmtes Leben unternimmt. Die Arbeit in einem Bestattungsinstitut und die Suche nach seiner Mutter, die der Jugendliche nie kennengelernt hat, sind die beiden Erzählbahnen des Films, in denen der Held seine Tauglichkeit überprüft.

Passage aus der Isolation

Markovics überstürzt Situationen nicht, sondern widmet sich den einzelnen Arbeitsabläufen des gut getroffenen, ein wenig mürrischen Trupps der Bestatter. Er zeigt die Routinen von Koglers Wegen und schöpft aus szenischen Wiederholungen das Bild eines Helden, der allmählich Boden unter den Füßen gewinnt. Es ist eine Passage heraus aus dem Eingeschlossensein, die Atmen mit großer Ernsthaftigkeit mitvollzieht - aus einer Isolation, die nicht vom Gefängnisdasein, sondern auch aus einer inneren Festung herrührt. Wie der Film dem Protagonisten allmählich möglichen Raum zum Leben verschafft, wird über weite Strecke behände erzählt, wenngleich er visuell eine Spur zu wenig riskiert, um nachhaltig zu beeindrucken.   (Dominik Kamalzadeh aus Cannes/ DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.5.2011)

Siehe auch:
"Hitler muss man kaputtreden"
Claus Philipp in einem 'Kommentar der anderen' zur Frage der Verhältnismäßigkeit der öffentlichen Empörung über den Nazi-Sager Lars von Triers beim Festival von Cannes

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14 Postings
Makro 24/7
00
21.5.2011, 17:29

Manfred Stohl Doppelgänger

Timagoras
 
00
20.5.2011, 22:51
übrigens:

http://www.tagesspiegel.de/kultur/ki... 02046.html

für den standard ist das aber wohl kein thema?

ebenso wie

http://www.zeitong.de/ng/da/201... es-kommen/

Timagoras
 
00
20.5.2011, 22:46
übrigens:

Lord Jim
00
20.5.2011, 18:18

und auf den film von lars von trier ( ja er ist mit einem film vertreten) wird im standard jetzt erst recht nicht mehr eingegangen, oder wie soll man die immer noch währende abwesenheit einer rezension verstehen?bin nur froh daß sich terrence malick nicht blicken hat lassen, den hätte man dann mit fragen nach seiner heideggerübersetzung provozieren können.

hc.leitich @derStandard.at
00
25.5.2011, 13:53

wurde hier je eh besprochen, bereits am 18./19.mai.
zweite artikelhälfte von http://derstandard.at/130455224... gutes-Herz

Mycroft Holmes
20
22.5.2011, 10:22

Der Malick soll sich nur verstecken mit dem peinlichen Schas, den er da vorgelegt hat. Bedeutungsvoll geraunte Bibelzitate zur "Moldau", mit Dinosauriern - auf das hat die Welt etwa gewartet?

Alter Störenfried
00
22.5.2011, 17:15
Oh wie fundiert.

Ich nehme an sie haben den Film bereits gesehen?

Wenn ja, dann würde ich gerne eine Kritik von ihnen dazu lesen.

Mycroft Holmes
00
23.5.2011, 15:19

Ja, hab ihn gesehen, war in Cannes. Kritik siehe oben, mehr will ich zu dem esoterischen Schas net sagen.

Alter Störenfried
00
25.5.2011, 10:02
Boah ey!

Also sie sind mal ein wirklich tiefgründer Rezensent. Das muss man ihnen lassen.

Mycroft Holmes
00
25.5.2011, 13:34

Wer hat behauptet, das ich Rezensentin sei? Ich habe lediglich gesagt, dass ich finde, dass der Film ein Schas ist.

Alter Störenfried
00
25.5.2011, 18:54
Ich revidiere.

Dann nehme ich mein "Rezensent" zurück.
Die Kritik wird dennoch nicht tiefgründiger. Selbst wenn es "nur" ein "gewöhnlicher" Kinogänger ist, der den Film kritisiert, wünsche ich mir dann doch ein wenig mehr als "so ein Schas" oder "woar eh super!".

Ich möchte nicht ihre Meinung zum Film kritisieren, einzig die für mich viel zu kurze Darlegung wie sie zu dieser Meinung gelangt sind.

Da gehts ums Prinzip. ;-)

Lord Jim
00
24.5.2011, 00:54

es ist mir unverständlich wie man bibelzitate , die moldau und dinosaurier nicht mögen kann.darauf und auf alles zu dem Sie nichts zu sagen haben, freu ich mich schon.

Ich Bins6
11
20.5.2011, 18:31

man muss ja nicht jeden Film rezenssieren....so wichtig ist der trier auch nicht.

und wenn es sie interessiert der film wird sehr oft verrissen in den diversen Kritiken...

Lord Jim
11
20.5.2011, 18:46

"Although Melancholia, by its very title, declares a mournful state of mind, the movie is, in fact, the work of a man whose slow emergence from personal crisis has resulted in a moving masterpiece, marked by an astonishing profundity of vision."
lisa schwarzbaum
entertainment weekly

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