EGMR gibt Italien im "Kruzifix-Streit" Recht

  • Ein langjähriger Rechtsstreit geht zu Ende, das Kruzifix darf in Italiens Klassenzimmern hängen bleiben.
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    Ein langjähriger Rechtsstreit geht zu Ende, das Kruzifix darf in Italiens Klassenzimmern hängen bleiben.

  • Das Urteil im englische Volltext.

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Menschenrechtsgerichtshof: Kreuze bleiben in Klassenzimmern erlaubt

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) kam am Freitag zu dem mit Spannung erwarteten Urteil im Fall Lautsi gegen den Staat Italien. In dem Rechtsstreit um die Rechtsmäßigkeit von Kruzifixen in Klassenzimmern gab die Große Kammer des Gerichtshofs Italien Recht und sprach den Staat von einer Menschenrechtsverletzung nach Artikel 2 Protokoll 1 sowie. Artikel 9 der Europäischen Menschenrechtskonvention frei. 15 Richter unterstützten das Urteil, zwei stimmten dagegen. Weder das Recht auf Bildung noch auf Religionsfreiheit sahen die 17 Richter verletzt.

 Anbringung liegt im "Beurteilungsspielraum" Italiens

Das Gericht kam zu der Auffassung, dass das Recht auf Bildung nach der Menschenrechtskonvention nicht verletzt wurde. Das Gericht begründete sein Urteil damit, dass es keinen Beweis dafür gebe, dass ein Anbringen des Kruzifixes im Klassenzimmer einen Einfluss auf die SchülerInnen hat, "auch wenn es in erster Linie als religiöses Symbol zu betrachten ist". Das Gericht versteht, dass sich die Mutter von dem Symbol gestört fühle, ihre subjektive Wahrnehmung "reichte aber nicht aus" um einen Bruch des entsprechenden Artikels der Menschenrechtskonvention nachzuweisen.

Die Italienische Regierung hat in dem Verfahren argumentiert, dass es sich zum einen um eine Tradition handelt und zum anderen das Kruzifix über seine religiöse Bedeutung hinaus ein Symbol für jene "Werte und Prinzipien, die die westliche Demokratie und Zivilisation begründeten" sei, heißt es in der Pressemitteilung des Gerichts nach der Urteilsveröffentlichung. Das Gericht ist der Meinung, eine Tradition könne sich zwar nicht über die Menschenrechtskonvention hinwegsetzen, dem Staat Italien wurde jedoch einen "Beurteilungsspielraum" bei der Anbringung von Kruzifixen gestattet.

Die Achtung des Rechts der Eltern auf einen Unterricht, der ihren religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen entspricht, sei auch mit religiösen Symbolen möglich, "sofern diese Entscheidung zu keiner Form der Indoktrinierung führe". Dieser Spielraum untersteht jedoch der Kontrolle des Gerichtshof, damit es zu keiner Indoktrinierung kommen kann. Der Staat Italien gebe dem Christentum zwar eine "dominante Sichtbarkeit in der schulischen Umgebung", einen Indoktrinierungsprozess wollte das Gericht jedoch nicht erkennen. Auch die Tatsache, dass der katholischen Kirche mehr Raum im Lehrplan gegeben wird, sieht das Gericht durch die "dominante Bedeutung" des Katholizismus in Italien gerechtfertigt.

Langjähriger Rechtsstreit geht zu Ende

Die gebürtige Finnin Soile Lautsi klagte den italienischen Staat, weil sie nicht akzeptieren wollte, dass ihre beiden Söhne unter einem Kreuz in der Klasse unterrichtet werden. In Italien zog Lautsi durch alle Instanzen. Erstmals zog Lautsi 2002 in Italien vor Gericht, mittlerweile sind ihre Söhne 21 und 23 Jahre alt. In einem ersten Urteil gab der EGMR 2009 Lautsi Recht.

Der EGMR kam dabei zu dem Schluss, dass Kruzifixe im Klassenzimmer in staatlichen Schulen nicht mit der Europäischen Menschrechtskonvention vereinbar seien. Das Kruzifix im Klassenzimmer verletze das Recht der Eltern, ihre Kinder gemäß ihrer eigenen Weltanschauung zu erziehen. Italien zeigte sich entrüstet und ging in Revision, sprich vor die Große Kammer des EGMR, die nun eine Entscheidung traf. Aufgrund der Brisanz des Urteils haben sich mehrere Länder hinter Italien gestellt.

Spindelegger begrüßt Urteil

Außenminister Michael Spindelegger (ÖVP) begrüßte in einer Aussendung das Urteil. EGMR habe mit seinem Urteil ein "deutliches Zeichen im Sinne der Aufrechterhaltung der europäischen Werteordnung" gesetzt. "Es ist damit nachhaltig klargestellt, dass das Vorhandensein von Kreuzen in den Klassenzimmern keine Verletzung des Rechts auf Bildung und Religionsfreiheit darstellt", so Spindelegger weiter

Vatikan begrüßt Urteil

Der Vatikan begrüßt das Urteil. "Das Kreuz ist ein Symbol unserer Zivilisation, eines der größten des Westens, abgesehen davon, ob man es vom religiösen Standpunkt anerkennt oder nicht", kommentierte Kardinal Gianfranco Ravasi, "Kulturminister" des Vatikans.

Die italienische Regierung von Silvio Berlusconi begrüßte erfreut das "Kruzifix-Urteil" des Europäischen Gerichtshofs. "Heute hat das volkstümliche Gefühl Europas gesiegt. Dieser Beschluss respektiert die Stimme der Bürger, die sich zum Schutz der eigenen Werte und der eigenen Identität erhoben hat. Ich hoffe, dass Europa nach diesem Urteil mit demselben Mut auch das Thema der Toleranz und der Religionsfreiheit in Angriff nehmen wird", kommentierte der italienische Außenminister Franco Frattini das Urteil. (seb, derStandard.at, 18.3.2011)

WISSEN

Der Artikel 2 des Protokoll 1 der Menschenrechtskonvention:

"Niemandem darf das Recht auf Bildung verwehrt werden. Der Staat hat bei Ausübung der von ihm auf dem Gebiet der Erziehung und des Unterrichts übernommenen Aufgaben das Recht der Eltern zu achten, die Erziehung und den Unterricht entsprechend ihren eigenen religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen sicherzustellen."

Der Artikel 9 der Menschenrechtskonvention:

"1. Jede Person hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religi­onsfreiheit; dieses Recht umfaßt die Freiheit, seine Re­ligion oder Weltanschauung zu wechseln, und die Freiheit, seine Reli­gion oder Weltanschauung einzeln oder gemeinsam mit ande­ren öf­fentlich oder privat durch Gottesdienst, Unterricht oder Praktizieren von Bräuchen und Riten zu bekennen.
2. Die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung zu beken­nen, darf nur Einschrän­kungen unterwor­fen werden, die gesetzlich vorgesehen und in einer demokratischen Gesellschaft notwendig sind für die öffentliche Sicherheit, zum Schutz der öffentlichen Ordnung, Gesundheit oder Moral oder zum Schutz der Rech­te und Freiheiten anderer."


Link: Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte

Im Wortlaut: Menschenrechtskonvention

Nachlese: Kruzifixe in Italiens Schulen widersprechen Religionsfreiheit

Pro und Kontra Kruzifixe im Klassenzimmer: Schulpflicht für Jesus und Zeit für die Aufklärung

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Falscher Fufziger!

Kreuz durch Bauordnung entfernt

In Leonding bei Linz hatte einst ein Bewohner ein mehrere Meter hohes Kreuz im eigenen Garten aufgestellt. Die Stadt hat erwirkt, dass dieser es flachlegen musste, da es nicht der Bauordnung entsprach. In Wirklichkeit haben die sich daran gestoßen, dass das Kreuz weder katholisch noch evangelisch war. Ganz normale Optik aber von der falschen Sekte.

... Interpretation Menschenrecht ...

Menschenrecht sollte eigentlich das Recxht jeden
Individuums schützen, egal ob Demokratie,Dikt.....,

ABER
wie hier wieder bewiesen
wird wieder durch die Hintertür, siehe Argument:

Art.9,Pass2
die Freiheit darf nur eingeschränkt werden, wenn es
gesetzlich vorgesehen ist, zum Schutz der öffentlichen Ordnund, etc.etc.!!!!!!!!!!!

Und mit diesem Passus an Interpretation
kann wiederum alles, weitab, vom Sinn der Menschenrechte ad absurdum geführt werden!

Der Pointismus des Lebens und der Volksverblödung
lässt grüssen......

esW
...


Das ist es ja an der Demokratie, Mehrheit siegt,
egal welche.......... .

Interessant,
wo hier dann die christliche Nächstenliebe bleibt........
behandle den Anderen so wie Dich selbst....., aha

welches Testament hat den n

Seit wann ist der EMGR an christliche Nächstenliebe gebunden?

Ich dachte, der sollte nur Recht sprechen, was er getan hat -- zum Leidwesen derer, die nur anerkennen wollen, was ihnen passt.

Sind Atheisten so schlechte Verlierer?

Wir Atheisten sind Laizisten und der Ansicht, dass Staat und Kirche(n) strikt zu trennen sind. Und das sollte sich in der Symoblik widerspiegeln. Daher halten wir dieses Gerichtsurteil für falsch: man soll staatliche Gebäude (Schulen, Gerichte, Parlamente etc.) nicht mit religiösen Symbolen drapieren. Wir führen für unsere Meinung aber keine Kreuzzüge wie die Kirche.

Dass das Kreuz auch ein kulturelles Symbol ist, ändert daran nichts. Auch unter dem Deckmantel Kultursymbol sollte der Staat nicht zum Träger dieser Symbolik herangezogen werden. Das Christentum hat seine Spuren hinterlassen, das ist in der Geschichtsschreibung sowieso nachlesbar. Dazu braucht es keine symbolische Geschichtsschreibung auf und in öffentlichen Gebäuden!

Wenn sie eh keine Kreuzzüge führen, ist ja alles in Ordnung. Außer Euch hat sich ja niemand aufgeregt.

Wartens ein bisserl, das kommt noch.

Wozu möchten Sie ein Kreuz in einem Klassenzimmer?

Foren-Schizophrenie

Es ist schon erstaunlich: Ständig wird den Gerichten und Höchstgerichten Korruption und politisch motivierte Entscheidungsfindung nachgesagt.

Wehe aber, ein Gericht sollte es wagen, auf Grundlage des geltenden Rechts eine Entscheidung zu fällen, die nicht den politischen Vorstellungen einiger Kollegen hier entspricht.

Da wird wieder munter Skandal! geschrien, kritisiert und der Inhalt des Gesetzes (grundrechtlicher Verbürgungen) flugs mit der eigenen Weltanschauung gleichgeschaltet.

"Grundlage des geltenden Rechts"

ist ein kühne Behauptung, wenn es um Gefühle geht ...

Konkordat

Das sollte man sich mal genauer anschauen und dann schleunigst aufheben.
http://www.verfassungen.de/at/konkordat33.htm
Das riecht nach einer Kirche als Staat im Staat.

Die Trennung von Kirche und Staat

sollte endlich einmal vollzogen werden und dazu gehört einmal, dass Kreuze nicht in Schulklassen hängen, auch wenn sie dort niemanden stören.

In Schulklassen hängt ja auch kein Wimpel von SK-Rapid oder der Wiener Austria. Würde objektiv auch niemanden stören, nur ist das eben unpassend, genauso wie ein Kreuz.

... und damit Ende der Diskussion. Er wagt es, gegen ein internationales, säkulares, höchtegrichtliches Menschnrechtsurteil aufzutreten?

Das grenzt an Blasphemie!

Wir sind und bleiben katholisch!

Brauchen Sie dazu ein Kreuz in der Schule?

Mir persönlich ist es ziemlich wurscht. Niemand kommt durch das Kreuz im Klassenzimmer zum Glauben. Ich finde es eigentlich eine Verhöhnung des Kreuzes, wenn man es zu einem ethischen oder kulturellen Symbol degardiert.

Grundsätzlich meine ich: Jeglicher Zwang ist für die Glaubensverkündigung kontraproduktiv. Der Hass auf die Kirche gründet ja teilweise darin, dass sie mit Machtmitteln ihre Position unter die Leute bringen wollte.

Andererseits gehen mir all die intoleranten, heuchlerischen Atheisten so auf die Nerven, dass ich es gut finde, Kreuze in den Klassenzimmern zu haben.

relatio!

Zitat"Jeglicher Zwang ist für die Glaubensverkündigung kontraproduktiv.Der Hass auf die Kirche gründet ja teilweise darin,dass sie mit Machtmitteln ihre Position unter die Leute bringen wollte."
Außer dass ich das"wollte"durch ein"immer noch will" ersetzen würde,ist das der erste Ihrer Sätze in unserer schon längeren Diskussion,den ich unterschreibe.
Ein wenig relativieren Sie das wieder durch Ihre Äußerung unten:Zitat:"Mit´wir´meinte ich uns alle,also auch die Atheisten."
Warum in aller Welt vereinnahmen Sie Menschen mit anderer Einstellung derartig selbstverständlich?
Ich zB lebe anders,meine Einstellung hat mit"katholisch" nix zu tun,einem der behauptet Jesus sei für mich gestorben,würd ich entgegnen:Mein Lehrer ist ein anderer.

Das unten (und auch oben: Wir sind und bleiben katholisch) ist natürlich ersichtliche Polemik.

Ich bin ja der Meinung, dass mehr als 90% der Christen von ihrem eigenen Glauben eigentlich keine Ahnung haben.

"...90% ... von ihrem eigenen Glauben keine Ahnung haben." Ja, sehr wahrscheinlich stimmt das, wobei daran allerdings zB der Religionsunterricht nicht unschuldig ist.

Die wesentliche Kritik, die ich -wie Sie ja schon bemerkt haben- immer wieder anbringe ist das institutionelle Verhalten der Kirche, das ich mit deren Grundsätzen nicht für vereinbar halte. Dass Sie auch wohl einem "Normalbürger"/"Alltagsgläubigen" etc nicht vorwerfen werden, dass er in erster Linie einfachere Antworten sucht und bei ausgefeilten-um nicht zu sagen "zerfeilten" philosophischen/metaphysischen Frage/Antwort Spielen aussteigt das postuliere ich jetzt mal ganz freundlich Ihnen gegenüber
MfG

Ja. Das Problem ist ja, dass selbst bei vielen Amtsträgern der Glaube nicht wirksam, also befreiend ist. Und die durchschnittliche Glaubensverkündigung ist schlichtweg katastrophal.

Ich bin der Auffassung, Glaube grundeinfach ist. Es geht um nichts anderes, als um ein letztgültiges Geborgensein im Leben und im Sterben. Das "Schwierige" am Glauben scheint mir eher daran zu liegen, dass er eine radikale Änderung des mitgebrachten Vorverständnisses (so wie man sich von sich aus versteht) erfordert.

Sehr brav!

Im Himmel kriegen solche Weißwollschäfchen immer die besten Lammsteaks zu Mittag.

Das ist aber schön für euch!

Mit "wir" meinte ich uns alle, also auch die Atheisten.

Und woran haben Sie sich den Kopf angehaut?an einem Kreuz?schon lang nicht mehr so einen mumpitz gelesen.

Für mich als argumentierenden, vitalen Atheisten

*
geht das Urteil OK.
Denn 1) bin ich nun mal an ein christlich geprägtes Umfeld per Geburt gewöhnt. Glockenklang und Kruzifixe zB. spielen deshalb in meinem emotionalen Haushalt überhaupt keine Rolle.
Dazu hat das Chr. einige positive Großtaten, zB. die Abschaffung des Horrors Sklaverei, zu verbuchen.

Und 2) sollte man immer bedenken, dass das Chr. die weltweit EINZIGE Religion ist, aus deren Mitte heraus –mit profunder (europäischer) Antik-Griechischer-Unterstützung– vor rund 300 Jahren die Aufklärung hervorgegangen ist.

Das Christentum ist daher die einzige Religion weltweit, die ihre Selbstabschaffung als Vollendung der Vernunft erleben wird.

Dies ist eine kulturelle und zivilisatorische Großtat auf die wir stolz sein sollten!

Was die Aufklärung postulierte war die vernunftbedingte Toleranz gegenüber anderen Religionen und den rationalen,kritischen Umgang mit Religion.Die röm.kath.Kirche war also von der Aufklärung nicht sonderlich angetan und hat sie schon gar nicht befördert,war und ist Kritik an ihr doch unerwünscht.

Was die Aufklärung postulierte war die vernunftbedingte Toleranz gegenüber anderen Religionen und den rationalen,kritischen Umgang mit Religion.Die röm.kath.Kirche war also von der Aufklärung nicht sonderlich angetan und hat sie schon gar nicht befördert,war und ist Kritik an ihr doch unerwünscht.

@ robionsons freitag

Zu 1) Gerade das Glockengebimmel ist ein Musterbeispiel für die Rücksichtslosigkeit, mit der sich die christliche Religion (in ihrer katholischen und evangelischen Ausforumung) in das Leben der Menschen hineindrängt.

Wenn Glockenklang in Ihrem emotionalen Haushalt überhaupt keine Rolle spielt, dann haben Sie wohl das Glück, nicht in der Nähe einer Kirche zu wohnen.

Den (angeblichen) Großtaten des Christentums stehen genügend Untaten gegenüber.

Zu 2) Wie schon Freigeist78 schreibt, ist die Aufklärung nicht aus dem Christentum hervorgegangen. Das Umfeld und die Zeit mag christlich gewesen sein - aber die Aufklärung stand in Opposition dazu.

Wie Sie das mit der Selbstabschaffung meinen, habe ich nicht verstanden.

Es ist einfach nicht wahr, dass sich die Aufklärung aus dem Christentum entwickelt hat. Wie soll Rationalität aus dem Glauben an etwas völlig Irrationales entstehen?

Ja es gab eine besondere Situation in Europa. Das begann damit, dass sich die politische Macht der Kaiser durchgesetzt hat gegen die Päpste und dadurch getrennt war von der Macht des Klerus. Ein Vorgang der in der islamischen Welt bis heute nicht stattgefunden hat.
Das war kein Verdienst des Christentums sondern wurde dagegen erkämpft. Dazu kam, dass man im 18. Jh. nach den Religionkriegen genug hatte von dem Irrsinn.

Pressefreiheit, Verfassung, Glaubensfreiheit, Bürgerliches Gesetzbuch, Gewaltenteilung - nichts davon erwächst aus dem Christentum.

Doch,

aber man kann noch 20 Mal das Gegenteil behaupten.

Sagen wir zumindest nicht aus der offiziellen Lehre des institutionalisierten Christentums.

naja

"Wie soll Rationalität aus dem Glauben an etwas völlig Irrationales entstehen? "
Da streiten sich die Rationalisten bis heute noch. Popper selbst führte die Annahme eines kritischen Rationalismus auf einen irrationalen Akt zurück (wobei es auch eigene Gegenstimmen gibt, das will ich nicht verschweigen).
Und was die historischen Argumente angeht: Ohne Augustinus und Thomas von Aquin hätte es keinen Descartes, Pascal, Bacon, Leibnitz, Kant gegegeben und somit keine Aufklärung. Natürlich kann mich sich jetzt hinstellen und sagen, die Denker hätten *trotz* der Vormachtstellung des X-tums gewirkt und mit oder oder ohne X-tum das Gleiche getan (das ist Spekulation und eine "was wäre wenn"-Frage) oder sie hätten unter dem Mäntelchen des Glaubens

Also dass es ohne Augustinus und Thomas von Aquin keine späteren philosophischen Erkenntnisse in der Art von Descartes und Kant etc gegeben hätte ist schon sehr gewagte Spekulation.

vielleicht

aber sich weniger gewagt als das Gegenteil.

Warum, denkende Menschen hat es zu jeder Zeit gegeben. Möglicherweise wurden sie durch Augustinus und die Scholastiker sogar in ihrer Entfaltung gehindert. Außerdem gab es in Europa genügend Schriften div "alter Griechen", die ganz wunderbar zum Denken anregen.

Pressefreiheit, Verfassung, Glaubensfreiheit, Bürgerliches Gesetzbuch, Gewaltenteilung - nichts davon erwächst aus dem Christentum.

Aber auch nicht aus feudal kaiser- und königlichen Herrschaftsformen. Die waren in den meisten Fällen auch sehr stark damit beschäftigt diese Errungenschaften mit Zähnen und Klauen zu bekämpfen - bis zum eigenen Untergang.

"Wie soll Rationalität aus dem Glauben an etwas völlig Irrationales entstehen?"

Sie vergessen völlig die Scholastik, durch die modernes europäisches, also rationales Denken stark befördert wurde ...

Die Scholastik beruht darauf Beobachtungen so zu deuten, dass sie mit vorgegebenen Theorien übereinstimmen.
Sie steht damit in Widerspruch zur modernen wissenschaftlichen Methode. Das war ein Irrweg.

Wahrscheinlicher ist aber, dass die scholastische Methode

die Wissenschaft um Jahrhunderte zurückgeworfen hat.

Man findet eben keine Wahrheiten, wenn man Texte kommentiert und zur Klärung strittiger Fragen kirchliche Autoritäten oder alte Schriften heranzieht.

*gähn* das alte Märchen vom finstern Mittelalter...

Ganz finster sicher nicht, aber zumindest im christlichen Einflußbereich. aleph null hat schon recht, die weitaus meisten Fortschritte sind gegen den massiven Widerstand der Kirche geschehen...

Vergessen ist gut. Wenn ich das Büchel von Dawkins als meine Bibel betrachte und ansonsten ein Netzwerkadministrator bin, der sich gerne am Wochenende die Kantn gibt, dann kann ich das gar nicht vergessen, weil ich noch nie davon gehört habe.

Sie stellen sich gerade selbst durch das Argumentum ad hominem das Armustszeugnis aus.

Ich wollte nur das dominate sozial-kulturelle Milieu des "New-Atheism" ein wenig ausleuchten.

Sind wir wieder gut?

Glaube ist mitnichten irrational.

Wirklicher Glaube (im Gegensatz zu Aberglaube) ist allein auf die Selbstmitteilung Gottes gerichtet und kann mit der Vernunft weder widerlegt noch begründet werden. Die Vernunftgemäßheit des Glaubens zeigt sich daran und an der Tatsache, dass Unglaube, also das "Nein" oder "unentschieden Bleiben" gegenüber der authentischen christlichen Botschaft, willkürlich, also selbst unbegründet bleibt.

Im Übrigen gilt: Jesus ist um seiner Botschaft willen und deshalb, weil er für sie Anhänger fand, von denen hingerichtet worden, die ihre Macht auf der Bedrohung anderer aufbauen. So ist das Kreuz Jesu das Martyrium (vgl. 1 Tim 6,13; Offb 1,5) für seine befreiende und den Menschen aus der Macht der Angst um sich selbst erlösende Botschaft.

Sie widersprechen sich gerade selbst.

"...und kann mit der Vernunft weder widerlegt noch begründet werden."

Es ist aber schon die Aufgabe derjenigen die eine Behauptung aufstellen, diese auch zu belegen. Siehe:

http://de.wikipedia.org/wiki/Russ... s_Teekanne

Was soll eine "Vernunftgemäßheit des Glaubens" sein, wenn Sie gerade gesagt haben dass er sich der Vernunft entzieht?

Das Nein zur "authentischen christlichen Botschaft" ist genauso begründet uder unbegründet wie das Nein zum Osterhasen, zum Weihnachtsmann, zum unsichtbaren rosa Einhorn oder zum fliegenden Spaghettimonster...

Ich sehe hier keinen Widerspruch.

Das "Nein" zum "fliegenden Spaghettimonster" ist etwa nicht willkürlich, sondern durchaus begründbar.

Zur Frage der Beweislast: Wer eine Behauptung aufstellt, sollte zeigen können, mit welchem Recht er sie aufstellt. Hier kann es allerdings auch genügen, dass man zeigen kann, dass
1) Glaube nachweislich mit der Vernunft weder begründet noch widerlegt werden kann
2) dass Unglaube nicht begründet werden kann.

Das müsste nun natürlich im Einzelnen geschehen. Aber im Rahmen dieses Forums ist dafür zu wenig Raum. Ein zentraler Punkt in diesem Zusammenhang ist das Gottesverständnis. Die meisten Atheisten lehnen immer nur Karikaturen ab (und dies dann natürlich zu Recht).

relatio!

zu 1) Fragen: Wieso hat sich dann Augustinus die -genau genommen erfolglose Arbeit mit den "Gottesbeweisen" angetan?
Wieso kann dann Kirchentradition eine weitere Glaubensquelle sein (hat mir mal ein katholischer Priester versucht zu erklären)
Zu 2) Natürlich kann Unglauben aus und mithilfe rationaler und logischer Argumente begründet werden.
Allerdings: Wozu?? Ich verlang ja auch keine rationale Begründung für Ihren Glauben. Es genügt mir, dass Sie ihn haben. Ich kann das respektieren, will aber feststellen: es muß Ihnen doch auch genügen, wenn einer sagt, er könne das nicht oder nicht so glauben. Warum muß denn das noch begründet werden? Dazu würd mich Ihre Meinung interessieren.

Glaube sollte - wie jede Überzeugung des Menschen - auf Anfrage vor der Vernunft verantwortet werden können, wenn er ein menschwürdiger Akt bleiben will.

Die Anerkennung Gottes ist noch kein Glaubensakt, sondern kann bereits mit der Vernunft erläutert werden ("natürliche" Gotteserkenntnis", Geschöpflichkeitsbeweis). Daraus ergibt sich jedoch noch keine Heilsgemeinschaft mit Gott. Erst hier beginnt der Glaube. Und gegen die Aussage, dass die ganze Welt in die Liebe des Vaters zum Sohn hineingeschaffen ist, gibt es, obwohl sie nicht mit der Vernunft begründet werden kann, sondern allein aus dem Hören der überlieferten ("Tradition") Botschaft kommt ("Wort Gottes"), keinen stichhaltigen Vernunfteinwand. Insofern bleibt Unglaube willkürlich.

Mir scheinen die Annahme einer "natürlichen Gotteserkenntnis" sowie ominöse Geschöpflichkeitsbeweise (wie werden die denn geführt und begründt?) weitaus willkürlicher zu sein.

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