Wikipedia: Die Revolution frisst ihre Autoren

23. November 2009, 10:39

Die Online-Enzyklopädie leidet an Autoren-Schwund - schärfere Regeln regen immer weniger User an, mitzumachen

Die 2001 von Jimmy Wales gegründete Online-Enzyklopädie Wikipedia zählt mit rund 325 Millionen Besuchern im Monat zwar zu den populärsten Seiten des Webs, doch Beobachter sorgen sich um den Fortbestand eines der ehrgeizigsten Projekte des WWW. Immer weniger Freiwillige wollen oder können beim Anlegen und Editieren von Artikel mitmachen.

Feindliche Umgebung

Im ersten Quartal 2009 hätten rund 49.000 Autoren und Autorinnen weniger an der englischsprachiger Wikipedia mitgearbeitet, berichtet das Wall Street Journal. Im Vergleichszeitraum 2008 habe das Portal nur 4.900 Autoren verloren. Wikipedia sei eine feindliche Umgebung geworden, meint der spanische Wissenschaftler Felipe Ortega, der diese Zahlen erhoben hat.

Schärfere Regeln

Als Gründe für den Autorenschwund werden verschiedene Entwicklungen vermutet. Einerseits gebe es immer weniger Themen, über die noch nichts geschrieben worden sei. Andererseits hätten sich die Bedingungen zum Mitmachen in den letzten Jahren verschärft. Spammer, Scherzbolde und politische Untergriffe hätten dafür gesorgt, dass es für neue Wikipedia-Autoren schwerer geworden sei, einen Artikel anzulegen. Gewisse Themen dürfen nur noch von langjährigen Mitarbeitern editiert werden.

Einer von vier Artikeln wird gelöscht

Bei kontroversen Artikeln komme es zu wahren Editier-Kämpfen unter den Autoren. Es gebe aber auch einige Stammautoren, die verdächtige Artikel löschen, bevor sie noch überprüft werden konnten. Und Wales überlegt, dass Artikel in Zukunft von einem ausgewählten Team erst abgesegnet werden müssen, bevor sie online gestellt werden. 2008 sei einer von vier Artikeln von Gelegenheitsautoren gelöscht worden. 2005 sei es noch einer von zehn gewesen. Gleichzeitig wachsen jedoch die Zugriffe weiter stark an.

Qualität nicht Quantität

Für die Wikimedia Foundation und Wales gehe es nicht darum, dass möglichst viele Nutzer an der Wikipedia mitschreiben, sondern, dass die Qualität der Artikel hochgehalten werden müsse. Verschiedene Programme sollen nun dafür sorgen, dass sich mehr hochqualifizierte Autoren beteiligen. Mit der Wikipedia Academy beispielsweise sollen Wissenschaftler dazu gebracht werden, selbst Artikel zu schreiben. Außerdem will man mehr Freiwillige in Märkten wie Indien gewinnen.

Straffere Organisation

Fraglich ist, ob bei strafferen Regeln und autorisierten Autoren-Teams der Gedanke des Crowdsourcings überhaupt noch greift. Denn damit war Wikipedia ursprünglich gestartet, das Wissen vieler User zu nutzen ohne sich dabei an elitäre und hierarchische Strukturen zu halten. Es scheint nun, dass sich die freie Online-Enzyklopädie nun langsam doch wieder auf eben diese Strukturen hinbewegt, gegen die sie ursprünglich angetreten war. (red)

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 208
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Randalf X.
00
27.11.2009, 05:08
WP ist im Internet angekommen

Es geht dort genauso zu wie in allen anderen Internetportalen, -foren, -communities auch. Aufgrund der Anonymität trauen sich hier alle alles zu sagen und tun dies auch. Wikipedia ist der 100%ige Spiegel des Internets.

Dankwart Morgenstern
00
25.11.2009, 18:37
Qualität kann nicht das einzige Kriterium sein.

Ich wollte letzens eine mir verständliche Erklärung
was denn unter einer komplexen Zahl zu verstehen sein. Vielleicht ist Wikipedia hier korrekt aber eben nur für Experten auf dem Gebiete der Mathematik mehr verständlich. Ein Lexikon sollte aber für einen durchschnittlich gebildeten (Matura?) verständliche Einstiege bieten. Zudem wurde ich mal ein Artikel unter den lächerlichsten Gründen (nicht relevant) gelöscht. In der anschließenden Diskussion hatte ich es mit unwissenden Wichtigmachern zu tun. Leider steht auch immer wieder falsches in Wikipedia. Mein Fazit:Manchmal gut für den Einstieg in ein Thema zu verwenden, aber nur mit Vorsicht zu genießen. Die Mühe selber etwas zu schreiben mache ich mir nicht mehr.

Monopoly mit Hut
00
26.11.2009, 08:49

Das soll jetzt bitte keine persönliche Beleidigung sein aber Du selbst sprichst davon, das "ein Lexikon ... für einen durchschnittlich gebildeten (Matura?) verständliche Einstiege bieten [soll]".

Meines Wissens sind komplexe Zahlen Bestandteil des Stoffs der Oberstufe, die mit der Matura abschließt. Ein Großteil der Definitionen und Rechenregeln sollte daher schon bekannt sein.

Kris99
00
27.11.2009, 10:37
Meines Wissens nach konnte ich auch irgendwann mal

berechnen wo sich ein Fläche und eine Gerade im dreidimensionalen Raum schneiden, wie groß die Fläche unter einer Sinuskurve ist, genau erklären, wie die Vererbungslehre funktioniert, etc., etc....

Du wirst es kaum glauben, aber heute müsste ich erst irgendwo nachschauen, um das wieder hinzukriegen.

Monopoly mit Hut
00
27.11.2009, 11:36

Das Nachschauen müssen macht ja nichts. :-)

Genau das wird ja über die Wikipedia und Wikibooks drastisch erleichtert. Auch wenn die eigenen Kenntnisse darüber schon längst eingerostet sind wird man in den Artikeln dort sicher genügend Informationen bekommen.

Pullover aus Lurch
00
26.11.2009, 18:41

Und Du hast die Matura vorgestern gemacht?
Ach nein, wahrscheinlich bist Du nur eines von diesen Gedächtniswundern, die den Rest ihres Lebens den Stoff abrufbereit haben und mit Wikipedia-Admin-Zertifizierung geboren wurden.

Kris99
00
27.11.2009, 10:41
Nachtrag zum Post oben

ok, ich habe mir jetzt den konkreten Artikel angesehen und viel einfacher wird die Erklärung der komplexen Zahlen tatsächlich nicht mehr.
Dass es dir so schwer vorkommt könnte an (schlechten) Mathematik-Lehrern gelegen sein, die Mathematik mit "ausrechnen" verwechselt haben, statt die Definitionen zu lehren, die genau jetzt nötig sind, um den Artikel zu verstehen...

Monopoly mit Hut
00
27.11.2009, 08:48

Meine Matura liegt schon mehr als 20 Jahre zurück. Da mich dieses Thema schon damals interessiert hat habe ich mir vielleicht viele Dinge davon noch besser gemerkt als andere.

Irgendein Vorwissen braucht man aber immer, um solche Themen verstehen zu können. Für komplexe Zahlen muss man z.B. schon vorher quadrieren und die Wurzel ziehen können. Ein bissel Trigonometrie wär auch nicht schlecht.

Der Wikipedia-Artikel liefert meiner Ansicht nach einen guten Einstieg und verweist sogar auf ein Wikibook mit einer Einführung vielen Beispielen und sogar Übungen zur Selbstkontrolle.

Was soll es denn noch alles sein? Bei jedem Einzelthema den kompletten Maturastoff inkludieren?

Some_Guy
00
24.11.2009, 18:49

Ich denk was auch viele abschreckt is die Diskussionskultur in der Wikipedia. Wenn ich mir die Diskussionsseiten anschau ... also wo da noch der Unterschied zu Youtube sein soll mag mir mal einer erklären. Was da an Untergriffigkeiten passiert is wirklich traurig.

Ich weiß nicht was mit der Community passiert is, waren früher womöglich weniger Trolle unterwegs, ich weiß es nicht. Aber jetzt ist sie voll davon. Das war für mich ein Grund aufzuhören.

Monopoly mit Hut
00
26.11.2009, 08:54

Diese Art der Diskussionskultur gab es schon immer im Internet. Das wird sich auch nie ändern, egal ob das im Usenet passiert, in Foren, auf YouTube, in Facebook, auf Kommentarseiten zu Blogs oder eben in der Wikipedia.

Überall dort, wo Menschen zu Themen Stellung nehmen können, werden sie das tun. Und je nach Thema wird die Diskussion mehr oder weniger hitzig werden.

Nikon:Canon, Apple:Windows:Linux, Israel:Palästina, Scientology:Anonymous werden sicher hitziger sein als die Diskussionsseiten zu den Paarungsgewohnheiten der quergestreiften Beutelmäuse.

Und dann sind da auch noch die Trolle...

(ich hoffe, die quergestreiften Beutelmäuse verzeihen mir, wenn ich jetzt einen Flamewar angezettelt habe)

Ben Griffith
00
26.11.2009, 07:15
Wenn ich so einige Kommentare im Standard lese

zum Beispiel aus Politik, dann hat die Qualitaet der Kommentare hier auch erheblich nachgelassen. Was frueher witzig war und Anregung zum Lachen und Nachdenken gab, ist heute oftmals dumme Wichtigtuerei und wenn es um bestimmte Themen geht, von einem Niveau bestimmt, dass man denken koennte, in Oesterreich leben nur noch Nazigartenzwerge.
Nicht dass die Leute von damals ausgestorben sind, sondern die weniger intelligenten, witzigen Leser haben sich auch einen Computer gekauft und beteiligen sich, was zu einer Verschiebung der Proportionen fuehrt.
Es ist wie mit der Suche nach einem guten Mitarbeiter/Doktor/Handwerker/Politiker: 20% arbeiten gut, 80% arbeiten schlecht.

The ShadowZone
00
24.11.2009, 23:55

geht mir genauso... vielleicht werden wir auch älter?
es ist auf jeden fall ein krampf mit der wikipedia derzeit

BumbleBee
00
24.11.2009, 12:33
Rückblick

Vergleichen wir mal Wikipedia im Jahr 2004 mit Wikipedia heute. In nur 5 Jahren hat sich die Anzahl der Artikel in der englischsprachigen Wikipedia von ca. 200.000 auf 3 Millionen gesteigert. Die deutsche Wikipedia ist in diesem Zeitraum von unter 100.000 auf fast 1 Million angewachsen. Auch die inhaltliche Qualitätssteigerung ist unübersehbar.

Das ursprüngliche Ziel eine frei zugängliche Online-Enzyklopädie aufzubauen ist für die großen Sprachen im wesentlichen erreicht. Daher wird es speziell für neue Autoren immer schwieriger neue Artikel zu schreiben oder sich wo einzuarbeiten, weil oft Spezialwissen erforderlich ist.

Ein Haus aufzubauen ist etwas anderes als es zu erhalten und an Innendetails zu arbeiten. So gehts WP grad.

Helmut Schiestl
00
25.11.2009, 16:02
Es ist schwierig, neue Artiekl zu schreiben, weil Spezialwissen erfolderlich ist

Das bringt mich zu der Frage, wie weit man dieser Enzyklopädie auch wirklich trauen kann. Ich lese in diversen Artikeln über Wikipeida immer, dass sie von sog. Laien verfasst wird. Die Frage daher, wie stichhaltig sind die Artikel darin. Wenn ich daran denke, dass ja jedes Lexikon von in den jeweiligen Spezialdisziplinen ausgebildeteten Menschen verfasst wird. Wie weit kann da so ein Projekt, so gut und interessant es auf dem ersten Blick auch erscheinen mag, wirklich sein?

F S 3
03
24.11.2009, 11:38
Wiki-Autoren waren z.Großteil immer schon GEGEN NEUE IDEEN und Denkansätze, wie diese Studie aus dem Jahr 2008 wunderschön dokumentiert,…

…die v.Yair Amichai-Hamburger (Sammy Ofer School of Communication/Herzliya,Israel) u.seinem Team getätigt wurde:

CyberPsychology & Behavior
Personality Characteristics of Wikipedia Members
(Dez.2008,doi:10.1089/cpb.2007.0225)

Auch im NewScientist,31.12.08

"…As he expected,the "Wikipedians" were more comfortable online than in the "real world".But he was surprised that contributors scored low for agreeableness and openness to new ideas,given that contributing to the website is based on sharing knowledge…"

Dieses "Teilen von Wissen" war ja die urprüngliche,ausgezeichnete Idee der Site,die jedoch mit ihrer wachsenden Bedeutung als schnelles Nachschlagwerk bei kontroversiellen Themen heute bereits jegliche Glaubwürdigkeit verloren hat.

sixela
03
24.11.2009, 09:41

Viel zu viel Aufregung darum. Die meisten Themen, die es gibt, sind ja schon abgehandelt. Und das Instandhalten bzw. Aktualisieren ist eben viel Autoren zu langweilig. Dafür reichen auch wenige (selbst wenn die Gefahr besteht, dass kluge Köpfe abhanden kommen).

E. Pagliacchi
00
24.11.2009, 09:40

Ich musste vor Kurzem nachschauen, was der Ablativ ist. Weder im Brockhaus, noch im Wikipedia, noch in der Kurzgrammatik von Langenscheidt war es so erklärt, dass ein durchschnittlich begabter Zeitgenosse etwas damit hätte anfangen können. Das waren durch die Bank Texte, für die, die es eh schon wissen. Also unbrauchbar. So wird Bildung vor seiner Verbreitung "geschützt".

Gute Autoren und gute Editoren (vormals Lektoren) braucht das Lexikon! Wikipedia und viele seiner Autoren stehen noch immer in der elitären Bildungstradition.

Martin Stettner
00

Ich finde die Wikipedia-Definition eigentlich in Ordnung, hatte aber zugegebenermaßen Latein und Altgriechisch in der Schule, ich kann mich noch in etwa erinnern, worum es da ging.
Wie würden Sie denn die Definition gerne sehen?

josselin l..
00
24.11.2009, 12:30
vielleicht

hätten Sie besser in einem lateinbuch nachgesehen...

E. Pagliacchi
00
25.11.2009, 06:04

Es geht hier um die Qualität von Lexika!

E. Pagliacchi
00
24.11.2009, 15:12

Erstens hab ich das gemacht, leider ohne Erfolg für mich. Aber welches können Sie empfehlen? Und würden Sie daraus zitieren?

Vielen Dank!

servierwagen
00
24.11.2009, 18:53

Medias in Res! - Latein für den Anfangsunterrricht S. 24

"Der 6. Fall (Ablativ) steht nach bestimmten Präpositionen und auf bestimmte Fragen"
Präpositionen:
a / ab = von
e / ex = aus, von
de = von, über
cum = mit
sine = ohne
pro = für
prae = vor

Der Ablativ steht im Lateinischen nicht nur nach bestimmten Präpositionen, sondern auch auf bestimmte Fragen. Die häufigste lautet: WOMIT? / WODURCH? Ein solcher Ablativ heißt Mittelsablativ.

E. Pagliacchi
00
25.11.2009, 06:04

Ja, vielen dank. Ich kenn das bereits. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte.

Mein Beispiel war in erster Linie dazu gedacht, zu zeigen, wie mies lexikalische Erklärungen sein können.

Thomas Zehetbauer
 
01
24.11.2009, 09:15
Kein Wunder

Jemand macht sich die Mühe, einen Artikel zu erstellen oder zu überarbeiten. Dann kommt ein Admin und löscht den Artikel oder macht die Änderungen rückgängig. Geschrieben werden darf nur noch, was bereits woanders steht. Abgeschrieben werden darf aber natürlich auch nicht. Wen wundert's also, dass die Wikipedia langsam stirbt?

her wig
05
24.11.2009, 08:13

Ist eine ganz natürliche Entwicklung. Mit der Macht kommen Verantwortung und Korrumpierbarkeit, und dann geht vieles nicht mehr so locker wie vorher. Man wird sich etwas neues einfallen lassen müssen, wie man Qualitätssicherung und Aktualisierung wieder zusammen bringt.

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