Václav Klaus akzeptiert Lissabon-Vertrag

30. Oktober 2009, 18:35

Aufregung um die Ausnahmeregelung für Prag – Reinfeldt: "Klaus wird bald unterzeichnen"

Prag/Brüssel - Der tschechische Staatspräsident Václav Klaus blockiert nicht länger den EU-Reformvertrag von Lissabon. Er stelle keine weiteren Bedingungen mehr für die Ratifizierung des Vertrags, hieß es in einer Erklärung des Präsidenten in Prag am Freitag: "Mit Zufriedenheit nehme ich die Entscheidung des Rats der Europäischen Union in Brüssel an, dass die Tschechische Republik eine bedeutende Ausnahme vom Vertrag von Lissabon erhält."

Die Grundrechtecharta wird demnach nicht für Tschechien gelten. Damit soll verhindert werden, dass Prag Entschädigungen an Sudetendeutsche zahlen müsste. Klaus hatte sich als letzter Staatschef in der EU geweigert, den Vertrag zu unterschreiben.

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"Tag der Schande", "Skandal", "Widerlich", "EU-Kniefall" - in Wien überschlugen sich Vertreter von ÖVP, FPÖ und BZÖ am Freitag mit negativen Kommentaren über den Kompromiss zum Lissabon-Vertrag mit Tschechiens Staatspräsident Václav Klaus. Auch der deutsche Vertriebenenbund kritisierte die Einigung, und die europäischen Grünen sprachen ihrerseits von einem "Verkauf der Grundrechte".

In den Fluren des Brüsseler Ratsgebäudes stellte sich indes die Frage, ob die am Vorabend erzielte politische Einigung über eine Ausnahme für Tschechien bei der EU-Grundrechtecharta auch halten wird. Der schwedische Ratspräsident Fredrik Reinfeldt betonte am Freitag noch einmal, dass der "Weg zum Reformvertrag weit offen" stehe: "Präsident Klaus wird bald unterzeichnen. Die letzte Hürde vor der endgültigen Ratifizierung ist das Verfahren beim tschechischen Verfassungsgerichtshof."

Entsprechende Signale gab es auch von der tschechischen Seite in Brüssel: Der Chef der Prager Präsidentschaftskanzlei, Jiøí Weigl, der am EU-Gipfel Donnerstagabend präsent und ständig mit Klaus telefonisch im Kontakt war, erklärte, der Präsident habe für die Ratifizierung des Lissabon-Vertrages eine Bedingung gehabt, "die jetzt meiner Meinung nach erfüllt wurde ... Er wird keine Bedingungen mehr stellen" , so Weigl.

Auch der tschechische Ministerpräsident Jan Fischer zeigte sich optimistisch, dass der Pakt halten werde. Er erklärte, seine Delegation sei imstande gewesen, die Verpflichtung Tschechiens zu bestätigen, dass Prag den EU-Reformvertrag ratifizieren werde und dieser bis Ende dieses Jahres in Kraft treten könne.

Das "opt out" von der mit dem Lissabon-Vertrag verknüpften EU-Grundrechtecharta ist in einem Protokoll fixiert, das beim nächsten EU-Beitrittsvertrag von den EU-Staaten ratifiziert und damit rechtsverbindlich werden soll.

Beneš-Dekrete nicht erwähnt

Die für Österreich wichtigen Punkte sind mit dem Kompromiss gewahrt geblieben: Es ist damit keine neue Ratifizierung des gesamten Lissabon-Vertrages erforderlich, die Entschädigungsrechte Vertriebener in den Nachbarstaaten Tschechiens werden dadurch nicht geschmälert und die umstrittenen Beneš-Dekrete im Text des Kompromisses mit keinem Wort erwähnt. Das betonten sowohl Bundeskanzler Werner Faymann als auch Außenminister Michael Spindelegger nach der Einigung noch einmal explizit.

Weist das tschechische Verfassungsgericht in Brünn am kommenden Dienstag die Beschwerde einiger EU-kritischer Senatoren gegen den Lissabon-Vertrag ab und unterschreibt Klaus, dann ginge ein jahrelanges Gefeilsche um einen neuen Grundlagenvertrag für die Europäische Union zu Ende, der der Union die Handlungsfähigkeit nach neuen Erweiterungen erhalten soll. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.10.2009)

Kommentar

Einfache Wahrheiten in Europa - von Thomas Mayer

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Posting 1 bis 25 von 299
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ether
00
3.11.2009, 14:57
"Klaus wird bald unterzeichnen"

Vorher müssen aber noch die wichtigsten EU Politiker bei ihm feierlich antanzen, denn ansonsten ist sein Ego nicht befridigt.

BuddhaBarParis
00
3.11.2009, 13:24
Freiheit fuer die Republik Maehren! Los von Boehmen!

Neue Haupstadt der Republik Maehren: Bruenn

135
 
01
31.10.2009, 20:55
Es ging doch nicht um die Benesdekrete,

es ging Klaus als Neoliberalen darum, die Geltendmachung sozialer Rechte zu hintertreiben.

Nicht die Stabilität oder Rechtssicherheit in Tschechien waren das Motiv-das dachte ich zunächst - sondern die Durchsetzung kapitalistischer Ansprüche
So läßt sich den EU Bürgen eben um den Preis von Emotionen etwas vormachen, was wieder einmal den Lobbys in der EU dient.

Thomas Wetschnig
25
31.10.2009, 18:26
Es ist bestürzend .................

.............. dass es gerade die Grundrechte des Menschen sind, die immer noch nicht überall in Europa vorbehaltlos ausser Streit stehen und es drei Staaten sind, die opt-out Regelungen für sich durchsetzen konnten.
Aber was wäre denn die Alternative gewesen? Vielleicht die diktatorische Durchsetzung der Charta im gesamten Unionsgebiet? Oder vielleicht sogar die gewaltsame Entmachtung aller Regierungen, die sich der Grundrechtscharta entgegenstellen?
Konstruktive Ideen, wie man es hätte besser machen können, mögen bitte hier gepostet werden!

Michael von Porcia
02
3.11.2009, 13:14
Man arbeitet als Mitglied ja an der Verfassung mit ...

Man arbeitet als Mitglied an der Verfassung mit und dann unterschreibt man sie vorbehaltlos. Wenn jemand die Unterschrift der Verfassung verweigert und fundamentale Grundrechte des Menschen in Frage stellt, ist das ein klarer Affront!

Warum Herr Klaus keine Volksabstimmung wollte, ist uebrigens auch klar. Er war sich gar nicht sicher, ob er eine Mehrheit zusammenbringt. Es gibt in Tschechien ja gottlob fortschrittlichere Menschen als den Herrn Klaus. Und zwar zahlreich.

st.laurent
11
31.10.2009, 23:05
besser machen?

warum schliesst man nicht einfach die cz aus der eu wieder aus. entweder machen alle mit oder....
gilt im übrigen auch für die anderen sonderregelungen.
als österreich eine sonderregelung für den transitvertrag wollte, hat niemand versucht irgendwen zu erpressen, der wurde einfach abgesetzt und schluss der debatte.
anscheinend sind unsere politiker einfach nur weicheier und lassen sich alles aufs auge drücken....

Waldemar Reich
00
2.11.2009, 10:32
EU-Parodiedemokratie

Ist das die Demokratie auf österreichisch? Entweder kleingeben oder raus? Dann doch lieber draussen bleiben. Vielen Dank! Vivat Klaus! (Österreich hat nur wenig zu sagen, ist schon mehrmals untergegangen, der Staat musste wieder überhaupt erlaubt werden (glaube ich erst 1956), ist immer kleiner und kleiner. Leider habe es die Ö-Bürger anscheinend noch nicht bemerkt?)

Thomas Wetschnig
12
1.11.2009, 16:59
Sie haben sicher nicht bedacht ..............

........... dass der Vertrag bereits von beiden tschechischen Parlamentskammern abgesegnet ist und es nur noch eine Einzelperson ist, die nicht nur 10 Millionen Tschechen, sondern 490 Millionen Europäer in Geiselhaft hält. Inwieweit dies Anlass für ein Amtsenthebungsverfahren sein könnte, will ich nicht beurteilen, weil ich die tschechische Rechtlage nicht kenne. Sicher wäre es vernünftiger gewesen, hätte man schon vor der Aufnahme von 10 neuen Staaten eine Verfassung ausgearbeitet - die wäre dann nur von 15 Staaten zu ratifizieren gewesen, aber im Nachhinein ist es immer leicht, klug zu sein.

Waldemar Reich
20
2.11.2009, 10:14

1) Nicht eine Einzelperson, sonder eine präsidiale Persönlichkeit.
2) Keine Amtserhebung - das haben die Oesterreicher mit ihrem letzten Kaiser gemacht (und sie hätten es auch mit Hitler machen müssen, wenn er sich das Leben nicht genommen hätte).
3) Ich finde Klaus sehr gut, weil er die ausufernde Bevormundung der EU (z.B. die Rechte der Lesben und Homosexuellen) etwas einschränken will und
sich für die traditionellen freisinnigen Bürgerrechte einsetzt. Oesterreicher haben trotz grösster geschichtlicher Hoffnungen durch Fehlertritte fast alles verloren und fast alles falsch gemacht und sollten sich lieber in Reue üben, insb. wenn es um Tschechien geht. Grossmauliges Politisieren auf Koste wird nichts positives bringen.
Grüsse,Chváta

American
00
3.11.2009, 16:59
Sie sind eine Schande für Österreich!!!

Was haben ihnen die Lesben und Schwulen getan? Homosexuelle werden in Österreich noch immer stark benachteiligt und dagegen sollte es langsam Sanktionen geben.
Auch für Aussagen wie sie es machen, sollte man in Zukunft nicht ungestraft davonkommen!

net-diver
 
00
3.11.2009, 16:15
Sehen...

... Sie, das nennt man dann nationalistisches Denken.
Hoffentlich hat das bald ein Ende. Sie glauben gar nicht wie vollkommen egal mir Tschechien oder Österreich ist. Solange so seltsame Typen ihren Ego laufend an Geschehnissen aufgeilen die schon 50 Jahre oder länger her sind. Böse Österreicher, arme Tschechen - wen interessiert das? Das ist doch grober Schwachsinn.

sestrelevante
88
31.10.2009, 17:58
Ich freu mich schom auf das ende der EU ,es wird bald sein..

American
00
3.11.2009, 17:02
bis dahin bin ich hoffentlich aus dem klitzekleinen, rückständigen österreich ausgewandert

tante koal huaba
12
31.10.2009, 19:08
ja, man

kann scheisse auch herbeireden....

Tschuri Cazzino
 
46
31.10.2009, 16:31
Der Quatsch von der Wertegemeinschaft EU

ist mit der Entscheidung, dass Grundrechte in jedem Land anders interpretiert werden dürfen oder gar nicht gelten, endgültig widerlegt. Die EU ist eben doch nur eine Wirtschaftsgemeinschaft zum Vorteil einiger. Danke für die Entlarvung Herr Klaus, auch wenn Sie sonst kein Segen für die EU oder Ihr Land sind.

net-diver
 
00
2.11.2009, 14:02
Warum...

... ist hier die Wertegemeinschaft widerlegt?

Hier hat sich einzig und alleine ein einzelner Staatschef selbst diskreditiert und sonst nichts. Wenn Sie ihm dafür auch noch dankbar sind ist das Ihre Sache.

lysin
00
31.10.2009, 18:26

die grundrechte werden in jedem mitgliedsstaat anders interpretiert.
für rein nationale, nicht grenzüberschreiternde sachverhalte gemäß dem jeweiligen nationalen grundrechtekatalog vom nationalen verfassungsgericht.
eine gewisse vereinheitlichung besteht durch die europäische menschenrechtskonvention, die quasi einen europäischen vom egmr interpretierten völkerrechtlichen mindeststandard setzt.

lysin
00
31.10.2009, 18:37

im anwendungsbereuch des gemeinschaftsrecht leitete der eugh bisher aus den gemeinsamen verfassungstraditionen der mitgliedsstaaten die grundrechte als allgemeine rechtsgrundsätze ab.

nunmehr besteht im anwendungsbereich des unionsrecht ein dreifacher grundrechtsschutz:
- die eu tritt der ekmr bei
- durch die grundrechtscharta
- durch die oben angeführten allgemeinen
rechtsgrundsätze

damit besteht ein gemeinsamer grundrechtsstandard in der europäischen union.

lysin
02
31.10.2009, 18:49

was die ausnahme für gb/polen im protokoll nr 30 betrifft stellt sich die rechtslage mA so dar:
dort steht eigentlich nur, dass der eugh nicht feststellen darf, dass eine nationale regelung von gb/polen mit einer regelung der grundrechtscharta im widerspruch steht.
für die auslegung von primären unionsrecht/verordnungen/richtlinien zB im rahmen eines vorabentscheidungsverfahren ist die grundrechtscharta sehr wohl auch gegenüber polen/gb heranzuziehen. denn nur der eugh ist dazu berufen gemeinschaftsrecht zu interpretieren und selbst an die charta gebunden.

der eugh kann daher feststellen, dass eine grundrechtschartakonforminterpretierte gemeinschaftsrechtliche regelung einer nationalen regelung mit bestimmten inhalt entgegensteht.

gadoladolällar
310
31.10.2009, 16:24

Allen anti EU Postern fehlt die langfristige Sicht und Vision der Dinge, die EU wird Generationen dauern bis sie funktioniert. Die USA sind auch nicht in 30 Jahren zu dem geworden was sie heute sind, mit allen Vor - und Nachteilen!!!

Walter Bimini
10
31.10.2009, 22:55
nur der eudsr bleiben nicht mehr so viele jahre.

das ende der usa ist schon sehr nahe und die usa wird die vasallenstaaten der eudsr mit nach unten ziehen.

Kontrahent1
00
31.10.2009, 18:24
Aber die USA haben damit begonnen,

als noch eine andere Mentalität, Bildung und Sicht der Dinge herrschten. Menschenrechte sollten eigentlch heute kein Stolperstein mehr sein. Und wer sich mit den Benesdekreten befasst hat wird nicht abstreiten, daß diese ein gravirender Verstoß gegen die Menschenrechte waren und sind. Von Hass und Rache diktiert (seinerzeit vielleicht noch menschlich nachvollziehbar, aber heute ???)

zweyenstein
 
43
31.10.2009, 15:45
widerlichst,

mir kommt das speiben.

juristisch hätte es dieser ausnahmeregelung gar nicht bedurft...

...und politisch ist es ein fürchterliches signal.

shame on you, eu!

juergen schmid
19
31.10.2009, 16:20
warum shame on eu?

wohl doch eher shame on klaus!

Tschuri Cazzino
 
52
31.10.2009, 16:34
Dank an Klaus!

Genialer Schachzug. Ich denke nicht, dass Klaus gegenüber Grundrechten negativer eingestellt ist, als andere EU-Staatsoberhäupter. Es ist ihm aber damit gelungen, die EU zu diskreditieren, indem er den Beweis erbrachte, das die EU den wirtschaftlichen Interessen einiger selbst die Grundrechte opfert.

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