"85 Prozent entscheiden sich gegen ein iPhone"

12. Oktober 2009, 17:15
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"3"-Chef Berthold Thoma über mobiles Internet für die Massen und die Versprechen der Mobilfunker

Österreichs Mobilfunkbetreiber "3" stellte vergangene Woche sein erstes "Social Media"-Handy vor. Wie die großen Smartphones soll es das Internet für die Hosentasche ermöglichen - nur zu einem weitaus kleineren Preis. Der WebStandard sprach mit Geschäftsführer Berthold Thoma über das "iPhone für die Masse", weshalb es für das Unternehmen so wichtig ist und in welche Richtung der Mobilfunk steuert. In einem Jahr will man bis zu 28 Mbit/s für mobiles Breitband bieten und streitet nebenbei mit der Politik um ungenutzte TV-Frequenzen. "Wir reden hier von einer halben Million Österreicher, die kein Breitband-Internet haben", sagt Thoma im Interview mit Zsolt Wilhelm.

derStandard.at: Weshalb bringen Sie INQ gerade jetzt auf den Markt?

Thoma: Weil es nicht früher fertig wurde. Wir hatten immer das Problem, dass es für unsere Dienste nicht die geeigneten Endgeräte gab. Bislang waren diese Dienste immer nur als zusätzliche Anwendungen für Standard-Smartphones verfügbar und haben dementsprechend auch stets recht viel Strom verbrauchen. Da haben wir uns gesagt, es braucht einen grundsätzlich anderen Ansatz.

derStandard.at: Wie kam es zur Entscheidung, selbst Endgeräte zu fertigen?

Thoma: Die Programme müssen tiefer in die Endgeräte integriert werden, um den Anforderungen gerecht zu werden. Dahingehend gab es natürlich Gespräche mit Lieferanten, die aber nicht so verlaufen sind, wie wir uns das erwünscht haben. Viele glauben noch Rücksicht auf den 2G-Markt nehmen zu müssen. In dem Fall haben wir uns gedacht, "if you can't buy them, do it yourself".

derStandard.at: Ich erinnere mich noch an die Vorstellung der X-Series vor drei Jahren in London. Für damals standen da ziemlich revolutionäre Angebote, wie Skype am Hand, dahinter. Für manche großen Mobilfunkbetreiber ist das heute noch undenkbar. Warum ist das Projekt so untergegangen?

Thoma: Es benutzen immer noch einige die Applikationen. Aber das Feedback, dass wir bekommen haben war, dass wenn man all diese Anwendungen als Applikationen nutzt, ist die Batterie schnell leer.

derStandard.at: Ist die X-Series nur an den Endgeräten gescheitert oder war es noch zu früh dafür?

Thoma: Im Bezug auf das Thema Skype war es bestimmt nicht zu früh. Da gab es bereits eine große Kundengruppe, die Skype mobil nutzen wollte.

derStandard.at: Während der Präsentation von INQ ist der Begriff iPhone etwa 20 Mal gefallen. Sie und ihre Kollegen scheinen sehr davon angetan zu sein. Soll INQ nun das iPhone für die Masse sein?

Thoma: Das ist der Ansatz. Wir haben in Österreich das iPhone leider nicht bekommen (Anm.: Im Ausland bietet "3" das iPhone an). Wir haben immer noch ein Problem mit Apples Geschäftsmodell.

derStandard.at: Wurde das mittlerweile nicht geändert?

Thoma: Sie haben es entschärft. Nichtsdestotrotz ist es nicht so, wie man sich das als Netzbetreiber erwünschen würde.

derStandard.at: If you can't buy them...

Thoma: INQ soll aber nicht in Konkurrenz zu Apple stehen, sondern ist ein Produkt für die Masse. Wir haben gemerkt, dass ein iPhone in etwa einen Marktanteil von 15 Prozent erreichen kann. Danach flacht die Nachfrage ab. Damit ist die Zielgruppe, die so viel Geld ausgeben möchte bedient. Die restlichen 85 Prozent entscheiden sich gegen ein iPhone - sei es der Preis, die Größe, aus welchen Gründen auch immer. Und wollen dennoch Teil dieser Informationsgesellschaft sein. Für dieses Segment ist das INQ Mini 3G gedacht.

derStandard.at: Das Design und das Logo von INQ erinnert mich etwas an eine Kindersendung im Fernsehen. Ist das gewollt, dass es so jugendlich wirkt?

Thoma: Es soll jung wirken, aber es stehen schon gestandene Künstler dahinter...

derStandard.at: Ich wollte die Arbeit keinesfalls abwerten. Ich wollte nur auf das farbenfrohe Design anspielen.

Thoma: Es soll farbenfroh und bewegt rüberkommen, weil es für die Informationsgesellschaft steht. Das ist aber keine Frage des Alters.

derStandard.at: Sie haben im August bekannt gegeben, dass "3" nun bei 700.000 Kunden hält. Wo besteht Ihrer Meinung nach am meisten Wachstumspotenzial?

Thoma: Wir sehen großes Potenzial in der Mobilisierung des Internets in Form von Geräten wie INQ. Parallel wird aber auch der Bedarf bleiben mit Notebooks mobil online gehen zu können, um zu arbeiten, etc.

derStandard.at: Der Durchbruch des mobilen Internets wird aber wohl von der Erhöhung der Bandbreite abhängen.

Thoma: Wir bauen zurzeit aus. Unser Ziel ist es, dass wir in einem Jahr das gesamte Netz auf HSDPA+ umgestellt haben. Das erlaubt eine Datenübertragung von bis zu 28 Mbit pro Sekunde.

derStandard.at: HSDPA+ basiert schon auf der Hardware für den kommenden LTE-Standard, wie ich das verstanden habe. Dass heißt, der übernächste Sprung könnte dann mit weniger Aufwand erfolgen.

Thoma: Das stimmt. Wir setzen "Software Defined Radios" ein, dass heißt wir können per Software die Signale skalieren. Das funktioniert auch nach unten hin, etwa für GSM.

derStandard.at: Es ist immer die Rede davon, dass das Festnetz ausstirbt, aber...

Thoma: ...nein, es stirbt nicht aus. Es wird nur einen Wandel geben. Der Massenmarkt geht ganz klar zum mobilen Endgerät. Dennoch brauche ich Festnetz für die Sendestationen. Auch Firmen werden auf Glasfaser-Festnetz setzen, um ihre hundert Mitarbeiter versorgen zu können.

derStandard.at: Beim mobilen Internet für Privatkunden ist es zurzeit so, dass es zum Web-Surfen und Email-Checken reicht. Will ich Videos herunterladen, brauche ich das Festnetz.

Thoma: Was sie sagen, gilt für Wien und andere Ballungszentren. Es gibt aber mehr Fläche in Österreich, wo es genau umgekehrt ist. Im ländlichen Bereich bekommt man mit ADSL in einigen Fällen nicht einmal 300 kb/s aufgrund der Leitungslänge. Da gibt es echtes Breitband nur über mobile Datendienste.

derStandard.at: In Ballungszentren erhalte ich aber nie, was die Mobilfunker versprechen.

Thoma: Da haben Sie recht. Das wird dazu führen, dass sich die Mobilnetze noch verdichten werden. Anstatt der heute in Wien existierenden 2.000 Mobilfunkender, wird es dann eben 4.000, 6.000 oder 10.000 geben. Das ist aber kein so großes Problem mehr. Während die UMTS-Stationen vor 6 Jahren noch Zweimeterschränke waren, sind sie heute gerade einmal so groß wie zwei Pizza-Boxen übereinander. Da ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht worden.

derStandard.at: Was sehen Sie denn als größten Hinderungsgrund für den Ausbau von Mobilfunknetzen?

Thoma: Einerseits gibt es regulatorische Hinderungsgründe, vor allem auch im EU-Raum. Ein zweiter Grund ist, dass wir die Möglichkeiten, die wir in Österreich hätten, nicht nutzen können.

derStandard.at: Sie sprechen die ungenutzten TV-Frequenzen an.

Thoma: Wir haben in Österreich eine einzigartige Situation, die wir nutzen sollten, um in Europa führend beim mobilen Breitband im ländlichen Raum zu sein. Es gibt hier im Vergleich zu Deutschland und Großbritannien extrem wenige Fernsehsender, wobei wir gleich viele Frequenzen haben. Nur ein Drittel unserer TV-Frequenzen werden tatsächlich genutzt. Und dennoch müssen wir uns um 20 Prozent - nicht die Hälfte oder zwei Drittel - 20 Prozent der Frequenzen streiten, die wir zur Nutzung für Mobilfunknetze umwidmen wollen.

derStandard.at: Sind diese Frequenzen genauso gut geeignet, wie jetzige UMTS-Frequenzen?

Thoma: Sie sind besser geeignet, da sie weiter gehen. Im ländlichen Raum bräuchte man mit den TV-Frequenzen nur ein Zehntel der jetzigen Sender, um die Fläche abzudecken. Das heißt, man könnte den ländlichen Raum wirtschaftlich versorgen. Zurzeit macht die Versorgung der abgelegenen Gebiete aus wirtschaftlicher Sicht keinen Sinn. Wir reden hier aber immer noch von einer halben Million Österreicher, die kein Breitband-Internet haben.

derStandard.at: Warum werden die Frequenzen nicht freigegeben?

Thoma: Fragen Sie das die Politiker. Da kommen Ausreden, wie, man brauche die Frequenzen für einen möglichen ORF 3, 4 und 5.

derStandard.at: Ich fürchte, die wird es wohl nie geben.

Thoma: Ganz offen: Da sind Parallelmächte im Spiel. Die Frequenzen unterstehen der ORS (einer Tochter des ORF) und der Raiffeisen Bank. Da müssten sich die Politiker eben zusammenreißen und sagen, wir machen das jetzt für unser Volk.

Diese halbe Million Österreicher könnte man durch einen ganz einfachen Gesetzesstrich versorgen und könnte als Staat, durch die Versteigerung der Frequenzen, sogar noch Geld verdienen.

(Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 9.10.2009)

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    "Im ländlichen Raum bräuchte man mit den TV-Frequenzen nur ein Zehntel der jetzigen Sender. Das heißt, man könnte den ländlichen Raum wirtschaftlich versorgen. Wir reden hier aber immer noch von einer halben Million Österreicher, die kein Breitband-Internet haben."

     

    "Diese halbe Million Österreicher könnte man durch einen ganz einfachen Gesetzesstrich versorgen und könnte als Staat sogar noch Geld verdienen."

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