Internet-Tauschbörse KaZaA im Visier der Justiz

11. Februar 2003, 12:44
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Weit verzweigtes Firmennetz erweist sich bislang rechtlich als sehr flexibel

Nikki Hemming wusste, worauf sie sich einließ, als sie im vergangenen Jahr ein australisches Risikokapitalunternehmen gründete, um KaZaA zu übernehmen, die führende Internet-Tauschbörse für Musik und Videos. Aber wie die US-Film- und Musikindustrie dann gegen sie vorging, damit hatte sie wohl doch nicht gerechnet. Die US-Unterhaltungsindustrie feuerte eine juristische Breitseite ab gegen das über die ganze Welt verteilte KaZaA-Netz ab. Hollywood scheint Erfolg zu haben. Vor einigen Wochen kam ein Gericht in Los Angeles zu dem Ergebnis, dass Hemmings Firma Sharman Networks, die ihren Sitz in Vanuatu und die Firmenzentrale in Sydney hat, nach dem US-Urheberrecht verklagt werden kann.

Gezählte Tage

Viele Juristen halten KaZaAs Tage schon für gezählt, glauben, dass es verschwinden wird wie die schon legendäre Tauschbörse Napster. Sie halten Hemming aber zugute, dass sie es mit geschickten Manövern bislang geschafft hat, der Versenkung zu entgehen. "Es ist schon schwierig zu arbeiten, wenn man ständig mit Klagen rechnen muss und die führende Software in ihrem Bereich weiter ausbauen will", sagt Hemming. Die 36-Jährige will sich der Herausforderung stellen: "Ich betrachte mich selbst als Visionärin. Das ist nur eine Phase auf meinem Weg."

Ein zentraler Verteilrechner wie bei Napster kommt aber nicht zum Einsatz

Millionen Menschen in aller Welt tauschen über KaZaA Dateien aus, bei denen es sich zumeist um Musik, immer mehr aber auch um Videos handelt. Wie es genau funktioniert, wollen die KaZaA-Eigner nicht sagen. Ein zentraler Verteilrechner wie bei Napster kommt aber nicht zum Einsatz, heißt es. Einer der Entwickler von KaZaA, der Schwede Niklas Zennstrom, nennt als Ziel der Technik, Internet-Providern die Verteilung von Multimediadaten zu erleichtern. Bei dem Peer-to-peer-Konzept (P2P – von Nutzer zu Nutzer) gehe es nicht um den Austausch von Pop-Platten. "Es ist eine revolutionäre Technik, die Dinge einfacher macht." Zennstrom gründete mit seinem dänischen Partner Janus Friis in den Niederlanden die Firma FastTrack, um die Technik zu entwickeln. Den Programmcode schrieben drei estnische Jugendliche.

Firmensitz von Sharman ist Vanuatu im Pazifik

2001 kam die Software über eine neue Firma auf den Markt, KaZaA. FastTrack vergab auch Lizenzen unter anderem an Firmen in den USA. Schnell gab es eine Klage gegen KaZaA in den Niederlanden, die ebenso schnell abgewehrt werden konnte. Nach Klagen in Los Angeles verkauften Zennstrom und Friis das Geschäft an Hemming. Die gründete Sharman und stellte alle bisherigen Angestellten als Subunternehmer für eine andere Firma an, LEF Interactive, die sie ebenfalls leitet. Eine dritte Firma, Joltid, die Zennstrom und Friis gehört, bekommt 20 Prozent der Einnahmen. Das geht zumindest aus Gerichtsunterlagen hervor. Offizieller Firmensitz von Sharman ist Vanuatu im Pazifik, aus Steuergründen, wie es heißt.

Die Klage in den USA, wo Sharman inzwischen auch Klage gegen die US-Unterhaltungsindustrie erhoben hat, wird wohl über das weitere Schicksal von KaZaA entscheiden. Im Fall von Napster kamen die Gerichte zu dem Schluss, dass Napster mit seinem zentralen Server, der den Tausch koordinierte, sich der Urheberrechtsverletzung schuldig machte. Sharman argumentiert, dass der Nutzer nach Erhalt der KaZaA-Software selbst dafür verantwortlich ist, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Der Web-Server in Dänemark diene lediglich zum Unterhalt der Homepage und zur Verteilung der Software. Hollywood glaubt das nicht.

Morpheus-Nutzer aus dem KaZaA-Netz herausgeworfen

So wurden im vergangen Jahr plötzlich Morpheus-Nutzer aus dem KaZaA-Netz herausgeworfen. Nach Industrieangaben deutet das auf einen zentralen Server hin. Und Mark Ishikawa, der sich schon mit KaZaA beschäftigte und im Prozess als Zeuge aussagen könnte, sagt, die Software scheine einen Zentralrechner zu suchen ("calling home"), wenn sie keinen Rechner in der Nähe finde. Einmal habe er das Signal bis zu einem Rechenzentrum auf der Karibikinsel Nevis verfolgen können, wo er aber wegen der Rechtslage nicht weiter habe ermitteln können.

Sharman bestreitet, in die Vermittlung verwickelt zu sein, will aber keine Systemdetails veröffentlichen. Die Anwälte, die gegen KaZaA klagen, räumen eine gewisse Verzweiflung ein, wollen aber weitermachen. "Das ist ein Versteckspiel", sagt David Kendall. "Aber am Ende gibt es nicht mehr viele Orte, wo man sich verstecken und trotzdem ein Geschäft betreiben kann." (Von Anick Jesdanun/AP)

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