492 Punkte: Niederlande gewinnen den Song Contest 2019

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Passiert ist nichts, Großbritannien wurde auf den letzten Platz verwiesen, der Brexit ließ hier deutlich grüßen


Da saß er also am Klavier, drückte Moll aus den Tasten und schaute ergriffen drein. Arcade heißt das Lied und trifft sich in der Schnittmenge von Chris Martin (Coldplay), Richard Clayderman und Merci, Chérie mit angezogener Handbremse. Duncan Laurence litt dazu drehbuchkonform, sang davon, dass es ein "Losing Game" sei, sie zu lieben. Oder ihn. Was weiß man?

Doch das "Losing Game" erwies sich als Gewinn. 492 Punkte kassierte Duncan Laurence für diese Schablonenballade und gewann damit in Tel Aviv am Samstagabend den 64. Eurovision Song Contest. Der für die Niederlande angetreten Sänger ist jetzt verantwortlich dafür, dass wohl Amsterdam den Song Contest im nächsten Jahr ausrichten wird.

Regionalliga im großen Stadion

Song Contest – das ist, wenn einmal im Jahr die Regionalliga im großen Stadion auftritt. Am Ende wird das beste von 26 schlechten Liedern zum Sieger gekürt. 26 Bewerber hüpften heuer wieder um den Sieg, taten ergriffen, bemühten sich um Ausdrucksstärke, gaben alles, um ihre ausschließlich von der Stange eines Diskonters kommende Musikalienware in drei Minuten über die Bühne zu stemmen. 200 Millionen Zuseher generiert das im Schnitt jedes Jahr. Der Song Contest ist damit traditionell das meistgesehene Singsangspektakel des Planeten, Amen.

Österreich war dieses Jahr nicht im Finale dabei. Der heimische Beitrag von Pænda, der Song Limits, zeigte seiner Interpretin bereits im Halbfinale ihre Grenzen auf. Insgesamt wurde sie Vorletzte von allen, die es heuer wissen wollten.

Italien auf Platz 2

Den zweiten Platz erreichte der Rapper-Darsteller Mahmood aus Italien mit 462 Punkten. Das war mindestens eine Genugtuung, schließlich hinterfragten italienische Nazis, ob es überhaupt rechtens sei, dass der Mailänder mit einem ägyptischen Vater (den er gar nicht kennt) für Italien antreten dürfe. So weit sind wir schon wieder. Russlands Sergej Lasarew schaffte es mit der Nummer Scream auf Platz drei.

Erster von hinten wurde der für Großbritannien antretende Michael Rice mit Bigger Than Us, der dafür lediglich 16 Punkte erhielt. Der Brexit lässt grüßen! Vor ihm kamen Weißrussland mit 31 Punkten und Deutschland mit 32 Punkten zum Erliegen. Das deutsche Frauenduo S!sters belegte beim reinen Publikumsvoting mit null Punkten den letzten Platz. Zum Trost für die deutschen Freunde: Die nächste Fußballgroßveranstaltung kommt bestimmt.

Insgesamt war der 64. Eurovison Song Contest wie der 63. oder der 62. Am Ende musste man viele Namen schnell wieder vergessen, was keine große Arbeit war. Wenig verfing, zu unterdurchschnittlich war das Gros der Beiträge. Dem Kult um die Veranstaltung tut das ebenso traditionell keinen Abbruch. Der Song Contest gilt als großes Fest der Vielfalt, das ist bei der weltweit epidemisch sich ausbreitenden Kleingeistigkeit ein Gewicht auf der anderen Seite der Waage. Dort, wo steht, Leben und leben lassen. So gesehen ist der Song Contest fast schon wieder wichtig.

Madonna und die Zukunft

Er ist die größte Bühne für um Aufmerksamkeit ringende Wannabe-Popstars. Ein echter machte sich diese Bühne heuer zunutze. Madonna trat auf und spielte einen Song aus ihrem kommenden Album. Future heißt der und zeigte, dass sie ihre Zukunft künstlerisch betrachtet wohl schon hinter sich hat. Da war der auf meterhohen Stelzen dargebotene Beitrag der Südeuropäer aus Australien origineller.

Die wirklich gute Nachricht: Passiert ist nichts. Nachdem militante Palästinenser vor der Großveranstaltung hunderte Raketen auf Israel abgefeuert und vier Menschen getötet hatten, kamen trotz einer vereinbarten Waffenruhe deutlich weniger ESC-Fans angereist als erwartet. 20.000 Polizisten sorgten für Sicherheit, der wiedergewählte Premier Benjamin Netanjahu wollte sichergehen, dass der ESC aus Israel eine Veranstaltung von positiver Signalwirkung sein würde. (Karl Fluch, 19.5.2019)

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