Ifes-Chefin Zeglovits im Chat: "Müssen noch mehr auf die Grenzen unserer Arbeit hinweisen"

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Die Meinungsforscherin Eva Zeglovits stellte sich den Fragen der User und Userinnen


Sie lagen falsch, die Meinungsforscher: bei den Midterm-Elections 2014, den britischen Wahlen, dem Brexit-Votum und Österreichs Präsidentenwahlen – und nun auch bei der Präsidentschaftswahl in den USA. Die Institute hätten versagt, lautet der verbreitete Vorwurf. Doch ist das wirklich so, und wenn ja, warum? Und wie war das nochmals mit der Schwankungsbreite?

Eva Zeglovits, Geschäftsführerin des Meinungsforschungsinstituts Ifes, erklärte im STANDARD-Chat die Logik der Meinungsforschung und stellte sich den Fragen der Userinnen und User.

"Meinungsforschung kann definitiv besser erklären als prognostizieren", erklärt Zeglovits selbstkritisch zu den kritischen Fragen der User über ihre Branche. Die Fehleranfälligkeit steige mit "neuen Phänomenen" wie Donald Trump, aus denen man aber auch lernen könne. Ein großes Problem sei es die richtigen Interviewpartner zu finden: "Das größere Problem als die zufälligen Schwankungen sind aber die systematischen Verzerrungen, zum einen, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen wie zum Beispiel Junge oder politisch Desinteressierte nicht im gleichen Ausmaß an Politik-Umfragen mitmachen."

Zwei Seiten der Medaille

Die Meinungsforscherin übt aber auch Kritik an der medialen Berichterstattung über Umfragen: "Das Problem, dass ich sehe, ist, dass die Aufregung über schlechte Wahlprognosen mindestens zwei Elemente hat: Die Qualität der Meinungsumfrage und die Qualität der Berichterstattung über die Meinungsumfrage."

Es wäre aber auch falsch, die Meinungsforscher als Opfer darzustellen, denn: "Wir machen unsere Umfragen schon selbst und müssen selbst entscheiden, mit welchen Zahlen wir hinausgehen oder auch nicht." Eine sachlichere und beruhigtere Interpretation der Ergebnisse sei aber notwendig: "Wenn jemand zwei Prozentpunkte vor dem anderen liegt, dann wäre es halt fein, wenn nicht gleich eine Schlagzeile daraus gemacht wird." Wir müssen bestimmt auch noch mehr auf die Grenzen unserer Arbeit hinweisen. Eine Umfrage Wochen vor der Wahl kann schlicht keine Prognose sein, sondern maximal ein Stimmungsbild, eine Momentaufnahme."

Als Handlungsanleitung für Umfragen zum österreichischen Bundespräsidentschaftswahlkampf empfiehlt Zeglovits zu schauen, wieviele Befragte es gibt, welche Methode angewendet wurde (etwa: nur Online – Problem weil ältere schlecht abgebildet sind) und von welcher genauen Fragestellung die jeweilige Umfrage ausgeht. Wichtig sei aber auch die Frage nach der Beteiligung der Unentschlossenen zu stellen. "Wir sehen meistens nur Sonntagsfragen, die sich auf 100% ausgehen, normalerweise hat man aber zwischen 20 und 30 Prozent Unentschlossene oder Antwortverweigerer. Der Knackpunkt ist, wie mit diesem umgegangen wird, wem werden die zugerechnet?" (red, 11.11.2016)

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