Richard Grasl: "Redakteure sollen echtes Vetorecht bekommen"

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Richard Grasl war zu Gast im STANDARD-Chat und beantwortete Ihre Fragen zur ORF-Wahl


"Great things never come from comfort zones", betitelt Richard Grasl sein Konzept, mit dem er am 9. August gegen den amtierenden ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz gewinnen will. Am Mittwoch war er zu Gast im STANDARD-Chat und beantwortete Ihre Fragen rund um den ORF und die Wahl. Hier finden Sie einen Auszug.

Wie er die Stiftungsräte überzeugen möchte:

"Ich werde gerne allfällige Unklarheiten zum Konzept noch persönlich erklären, und dazu gibt es ja auch die Hearings. Wichtig ist mir, dass klar wird, dass ich eine pluralistische Struktur in der Information anstrebe und keinen Super-Infodirektor, der noch dazu selbst Generaldirektor ist."

Wie steht der ORF im Vergleich mit öffentlich-rechtlichen Sendern in Deutschland da?

"Im Film- und Serienbereich sind wir viel kreativer, auch in der Information bringen wir mehr Spannung auf den Bildschirm. Was ich bei ARD und ZDF schätze, ist der hohe Anteil an hintergründiger Information. Das würde ich gerne auch im ORF verstärken. Aber worum ich die Deutschen wirklich beneide, sind die hohen Budgetmittel, die sie zur Verfügung haben."

Zu den Umbauplänen für FM4:

"Das soll sich jedenfalls ein neuer Radiodirektor oder -direktorin überlegen, denn im Gegensatz zum Wrabetz-Konzept gibt es den bei mir fünf Jahre lang. Was ich zum Ausdruck bringen wollte, ist, dass wir für junge Zuhörer ein attraktiveres Angebot brauchen, und nachdem wir nur drei nationale Senderketten haben, stellt sich die Frage, wie wir diese optimal positionieren. Das ist das Ergebnis einer umfassenden Marktforschung und kein Wunsch aus der Ö3-Führung."

Objektivität und ORF-Führung:

"Mein Konzept sieht eine strukturelle und nachhaltige Absicherung der Objektivität vor. Nicht einer entscheidet, sondern ein Board. Gewählte Direktoren verantworten die Programme und nicht der Generaldirektor alleine, so wie Alexander Wrabetz das vorsieht. Ich stelle die Programmmacher im Gegensatz zu ihm weisungsfrei. Die Redakteure sollen bei der Bestellung von Redaktionsleitern ein echtes Vetorecht bekommen, was sie derzeit nicht haben."

Armin Wolf auf Twitter:

"Armin Wolf ist unser absolutes Aushängeschild und verkörpert wohl wie kein anderer den objektiven Journalismus im ORF. Seine Social-Media-Aktivitäten bringen einen großen Marketingeffekt für die "ZiB"-Sendungen, und 99,9 Prozent seiner Postings sind auch einwandfrei objektiv. Bei seinen wohl zigtausend Tweets wird vielleicht einmal einer dabeigewesen sein, der nicht ganz objektiv war, aber darüber kann man, glaube ich, hinwegsehen."

ORF 1 neu programmieren:

"Ein großer Teil meiner Bewerbung beschäftigt sich mit der Frage, wie wir ORF eins qualitätsvoller machen können. Und das beinhaltet eine deutliche Reduktion der US-Serienflächen. Ich möchte stattdessen Talk- und Dokuformate etablieren, denn damit erreichen wir mindestens die gleiche Zuseheranzahl wie mit den US-Serien. Sie haben recht: wenn schon Serie, dann qualitätsvolle Serie."

Neues Talkformat:

"Im Ziel sind wir uns ja offenbar einig. Im Namen vielleicht noch nicht so, soll ja auch ein Arbeitstitel sein. Was ich möchte, ist ein junges Talkformat für ORF eins, das flexibel und schnell und auch provokant die wichtigsten Fragen diskutiert. Es soll jedenfalls schneller sein als das gute 'Im Zentrum'."

Änderungen beim ORF-Gesetz:

"Ich würde mir dringend wünschen, auf mobilen Plattformen moderner unterwegs sein zu dürfen. Denn man sollte den ORF daran messen, welche Inhalte er anbietet, aber nicht darin beschränken, moderne Verbreitungswege zu nutzen. Wir müssen doch als Öffentlich-Rechtlicher auch die Jungen erreichen können. Unterscheiden von Privatsendern sollte man uns durch die Inhalte, die wir darüber transportieren."

Gab es Druck der ÖVP?

"Gar nicht. Wer mich kennt, weiß, dass ich mich zu nichts zwingen lasse. Mir geht es einzig um die Zukunft des ORF, für den ich seit meinem 18. Lebensjahr arbeite."

Gibt es einen Plan B?

"Ich habe über einen Plan B definitiv nicht nachgedacht und gehe daher ja auch mit dieser Bewerbung ein volles persönliches Risiko ein. Aber zunächst werde ich bis zum 31.12.2016 meinen Vertrag im ORF mit vollem Engagement erfüllen." (red, 3.8.2016)