Politologe Brocza: "Austrittsverhandlungen innerhalb von zwei Jahren nicht zu schaffen"

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Stefan Brocza beantwortete die Fragen der STANDARD-User zum Brexit


Am Freitag war der Politologe und Europapolitik-Experte Stefan Brocza zu Gast im STANDARD-Chat und stellte sich den Fragen der User und Userinnen.

Die drehten sich naturgemäß vor allem um die wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen des Austritts. Die Position der EU und Londons in der Welt sei heute Nacht geschwächt worden, sagt Brocza. Eine Abwicklung der Austrittsverhandlungen innerhalb der geplanten zwei Jahre hält er für unrealistisch. Konkrete wirtschaftliche Konsequenzen könne mit dem heutigen Stand nicht abschätzen, die britische Notenbank könne sich aber darauf vorbereiten, viele Milliarden investieren zu müssen.

Was die Zahlungen Großbritanniens an die EU betrifft, weißt er darauf hin, dass ein mehrjährige EU-Finanzrahmen verbindlich bis 2020 ausverhandelt ist. Die Frage der Neuverteilung der Zahlungsverpflichtungen unter den Mitgliedsländern sollte daher frühestens im Jahr 2021 schlagend werden. Dennoch wird das künftige EU-Budget auf weniger Schultern verteilt werden müssen. Ohne England könnte es aber auch zu einer vollkommenen Neustrukturierung der EU-Budgetzahlungen kommen. Die EU verliere mit dem Nettozahler England aber auch ein UN-Sicherheitsratsmitglied.

Eine Dominoeffekt, also weitere Austrittsreferenden innerhalb der EU, hält Brocza für unwahrscheinlich.

Stefan Brocza ist Politologe und Experte für Europapolitik und internationale Beziehungen, er studierte in Wien, St. Gallen und Harvard. Er hat eine über 20-jährige Berufserfahrung in nationalen, internationalen und supranationalen Behörden und Organisationen. Aktuell unterrichtet er an den Universitäten Wien und Salzburg. (red, 24.6.2016)