Mehr als 120 Tote bei Attentaten in Paris – Hollande verhängt Ausnahmezustand

Livebericht

Attacken an sieben Tatorten – Selbstmordanschläge beim Stade de France – Rund hundert Tote bei Geiselnahme in Konzerthalle

Zehn Monate nach dem Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" ist Paris von einer beispiellosen Terrorserie erschüttert worden. Bei Anschlägen an verschiedenen Orten wurden am Freitagabend nach Medienberichten rund 120 Menschen getötet. Präsident Francois Hollande gab in einer TV-Ansprache aus dem Elysee-Palast bekannt, dass mit sofortiger Wirkung der Ausnahmezustand gilt. Die Grenzkontrollen sollen wieder eingeführt werden.

Hollande sprach von "bisher nie da gewesenen Terrorangriffen" und von "mehreren Dutzend Toten". Nach Polizeiangaben gab es Angriffe an mindestens sieben verschiedenen Orten. Dazu gehörte auch die Umgebung des Stade de France, wo ein Fußball-Länderspiel zwischen Deutschland und Frankreich stattfand. Im Stadion waren während der ersten Halbzeit zwei schwere Explosionen zu hören.

Eine Stunde lang Geiselnahme

In einer der bekanntesten Konzerthallen der französischen Hauptstadt, dem "Bataclan" war Stunden lang eine Geiselnahme in Gang. Dort war am Freitagabend die amerikanische Rockband Eagles of Death Metal vor ausverkauftem Saal aufgetreten.

Als Vorgruppe trat das österreichische Rock-Duo White Miles auf, die den Anschlag offenbar unverletzt überstanden. "Medina und ich sind ok, über die anderen wissen wir nichts", schrieb Lofi Lodir alias Hansjörg Loferer auf Facebook. Die Halle fasst 1.500 Zuschauer. Die Angreifer schossen nach Zeugenberichten um sich und riefen "Allah ist groß". Dabei soll es laut Ermittlerkreisen rund 100 Tote gegeben haben. Das österreichische Außenministerium hatte keine Informationen über mögliche österreichische Opfer.

Fünf mutmaßliche Attentäter seien getötet worden, teilt die Staatsanwaltschaft nach den Anschlägen in Paris mit. Die Gegend rund um das "Bataclan" war weiträumig abgeriegelt. Sie gehört zu den beliebtesten Ausgehvierteln der französischen Hauptstadt. Die Redaktion des Satireblatts "Charlie Hebdo", die im Jänner von Terroristen überfallen worden war, ist nur wenige Straßenzüge entfernt.

Schüsse in Einkaufszentrum

Im Einkaufszentrum von Les Halles in der Innenstadt kam es zu einer weiteren Schießerei, wie der Hörfunksender Europe 1 berichtete. Bei Schüssen auf ein kambodschanisches Restaurant soll es demnach mehrere Opfer gegeben haben. Unter den Passanten brach Panik aus. Elite-Einheiten der Polizei versuchten, die Lage unter Kontrolle zu bekommen. Auch im Fußball-Stadion brach noch während des Spiels Panik unter den Zuschauern aus, als die Nachricht von den Anschlägen die Runde machte.

Hollande appellierte an seine Landsleute, angesichts der neuen Anschläge zusammenzuhalten. "Die Terroristen wollen uns in Angst und Schrecken versetzen. Man kann Angst haben, man kann Schrecken verspüren", sagte der Präsident. "Aber dem Entsetzen steht eine Nation gegenüber, die weiß, wie sie sich verteidigt. Die weiß, wie sie ihre Kräfte sammelt. Und die einmal mehr wissen wird, wie sie die Terroristen besiegen wird."

Das Militär wurde verstärkt, um weitere Anschläge zu verhindern. Alle Krankenhäuser der französischen Hauptstadt wurden in den Ausnahmezustand versetzt. Die Bevölkerung von Paris wurde aufgefordert, zu Hause zu bleiben. "Wir bitten Sie, die eigenen vier Wände nicht zu verlassen und auf Anweisungen der Polizei zu warten", hieß es einer Mitteilung der Polizei. Aus Sorge vor weiteren Anschlägen wurden mehrere Linien der Metro geschlossen.

"Stehen an der Seite Frankreichs"

Das Länderspiel wurde trotz der Anschlagsserie nicht abgebrochen. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der die erste Halbzeit an der Seite Hollandes im Stadion verfolgt hatte, zeigte sich entsetzt. "Wir stehen an der Seite Frankreichs", sagte Steinmeier, der sich danach auf den Weg nach Wien zur Syrien-Konferenz machte.

Der deutsche Bundestrainer Joachim Löw reagierte mit großer Bestürzung und Betroffenheit auf die Ereignisse. "Wir sind alle erschüttert und schockiert", sagte Löw in der ARD. "Für mich tritt der Sport oder die Gegentore in den Hintergrund." Teammanager Oliver Bierhoff sprach von "großer Unsicherheit, großer Angst und großer Betroffenheit" auch in der deutschen Kabine.

In Frankreich galten bereits vor den Anschlägen seit diesem Freitag wieder verschärfte Sicherheitsmaßnahmen. Wegen "terroristischer Gefahr" und "Risiken für die öffentliche Ordnung" hatte die Regierung auch beschlossen, vor der Weltklimakonferenz die Grenzkontrollen wieder aufzunehmen. Die Klimakonferenz, zu der zahlreiche Spitzenpolitiker aus aller Welt erwartet werden, beginnt am 30. November.

Das Land gehört zu der von den USA geführten Koalition, die den Kampf gegen die Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien und im Irak mit Luftangriffen unterstützt.

derStandard.at hält sie im Livebericht am Laufenden. (red, 13.11.2015)