Wahlforscher zu Wien-Umfrage: "Es hat uns aufgestellt"

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Christoph Hofinger beantwortete im STANDARD-Chat Ihre Fragen zur Wien-Wahl


Wien – Bevor der ORF am Sonntag um 18 Uhr zur ersten Hochrechnung schaltete, stand im Insert noch "34,5–37,5" auf rotem, darunter "33–36" auf blauem Hintergrund. Es waren die prozentualen Anteile von SPÖ und FPÖ am Wahlkuchen, die das Sozialforschungsinstitut Sora für seine Trendanalyse errechnet hatte. Aktuelle Umfragen zur Wiener Gemeinderatswahl und eine eigene Wahltagsbefragung mit 2.000 repräsentativ ausgewählten Teilnehmern lagen der Analyse zugrunde; Stimmzettel waren in der um 17 Uhr veröffentlichten Erhebung noch nicht berücksichtigt. Ausgehend von den Mittelwerten sollten also nur 1,5 Prozentpunkte die stimmenstärksten Parteien SPÖ und FPÖ trennen.

Sekunden später staunten die Journalisten im Medienzentrum des Wiener Rathauses nicht schlecht, und unter den sozialdemokratischen Parteifunktionären im Festsaal brandete überraschender Jubel auf – 39,5 Prozent stand da unter dem roten Balken, nur 30,9 Prozent unter dem blauen. Diese Differenz von fast neun Prozentpunkten sollte bis zum vorläufigen Ergebnis inklusive Wahlkartenhochrechnung zwar noch leicht schrumpfen. Doch das Kopf-an-Kopf-Rennen war von einem Augenblick auf den anderen keines mehr.

Super unterwegs bis Mausefalle

Sora-Mitbegründer Christoph Hofinger war schon darauf eingestellt, diese "unausweichliche und schmerzliche" Frage im STANDARD-Chat beantworten zu müssen. "Uns geht es ein bisschen wie Abfahrern, die es in der Mausefalle aufgestellt hat. Ich weiß, wer in der Mausefalle rausfliegt, hat nicht so viel davon, dass er bis dorthin super unterwegs war", schrieb Hofinger. Er begründete die Diskrepanz damit, dass die Gewichtung der sogenannten Rückerinnerungsfrage zu einem unpräzisen Abbild geführt habe: "Einige Befragte, die schon früher zur FPÖ gewechselt sind, haben in der Erinnerung 2010 noch SPÖ gewählt – obwohl sie da schon gewechselt hatten." Das habe zu einer Unterschätzung der FPÖ im "Recall" geführt, erklärte Hofinger den zentralen Befund der internen Analyse. "Wenn dann das Sample danach ausgerichtet wird, wird Blau über- und Rot unterschätzt."

Durchwegs vom Wahlergebnis abweichende Schätzungen verbuchten auch jene Institute, an denen sich Sora für die Trendanalyse orientiert hatte. Denn auch Market (für den STANDARD) und Gallup (für "Österreich") sahen SPÖ und FPÖ acht Tage vor der Wahl noch fast gleichauf und befeuerten das Narrativ des "Duells um Wien": 36 Prozent prophezeiten beide Institute der Partei Bürgermeister Häupls, 35 Prozent jener seines Herausforderers Strache. Kaum näher am Wahlergebnis lag eine am selben Tag veröffentlichte Umfrage von Unique Research (für "Heute"), die die SPÖ bei 37 Prozent und die FPÖ bei 35 Prozent sah.

Nur die von OGM einen Tag später (für den "Kurier") präsentierte Befragung kam dem Wählerwillen näher: 37,5 Prozent wurden der SPÖ eingeräumt, 33,5 Prozent der FPÖ. Alle vier Umfragen gelten jedenfalls technisch als Treffer, denn bei Samples zwischen 400 und 800 Befragten müssen Schwankungsbreiten von 3,4 bis 4,8 Prozentpunkten einkalkuliert werden. Darauf will sich David Pfarrhofer vom Market-Institut aber nicht ausreden. Er gehe davon aus, dass seine Umfrage das Wählerverhalten zum Zeitpunkt der Erhebung realistisch abgebildet hat: "Erst danach hat die SPÖ ihre Wähler mobilisiert."

Die Wählerstromanalyse, die Verschiebungen zwischen den Parteien projiziert, beruht laut Hofinger übrigens nicht auf Umfragen, sondern auf einer Regressionsanalyse der 1.499 Sprengel. (Michael Matzenberger, 12.10.2015)