"Teile der Politik der Spähsucht verfallen" - Keynote von Sascha Lobo

Liveticker

Netzdenker Lobo skizzierte bei den Medientagen, warum das Internet "kaputt " sei, im TV-Gipfel ging es um die "Netflixisierung" und Eliten diskutierten über Parallelwelten - derStandard.at berichtete live


Wien - "Werbung hat sich in eine Überwachungsdisziplin verwandelt", bedauert Sascha Lobo, Exwerber und jetzt Netzaktivist. Eine Entwicklung, die bereits so pervertiert sei , dass Unternehmen herausfinden möchten, wann sich Frauen beim Surfen gerade hässlich fühlen: "Um ihnen Werbung für Kosmetikartikeln servieren zu können." Lobo zeichnet ein apokalyptisches Bild der Online-Gesellschaft. Seine These: "Das Internet ist kaputt." Konsumdaten würden mit Sozialdaten verknüpft. Die Software von Produkten bestimme das Kaufverhalten und nicht mehr die Hardware.

Ein Art "Plattformkapitalismus" mache sich breit. Ein Eckpfeiler sei das "Teilen" von Diensten, wie sie etwa AirBnB für Unterkünfte oder Uber für Taxidienste bieten. Nebeneffekt seien Unmengen an Kundendaten, die anfallen und monetarisiert werden können.

Das führe dazu, dass Anbieter nicht die Besten am Markt sein möchten, sondern die Einzigen, um die Regeln zu diktieren. Lobo ortet eine Gefahr, die von immer mehr Monopolen ausgehe; Google nennt er nur als ein Beispiel dafür. "Überwachung" sei im Internet allgegenwärtig. Klick für Klick. Die Enthüllungen Edward Snowdens hätten das Ausmaß des Missbrauchs personenbezogener Daten aufs Tapet gebracht. Ein Ende sei nicht in Sicht.

Versagen der Politik

Auf die Politik als Regulativ setzt Lobo nicht mehr, der Zug sei abgefahren: "Teile der Politik sind der Spähsucht verfallen." Gefordert sieht er die Zivilgesellschaft. Von ihr müsse die Initiative ausgehen. Dass Nutzer bereits sensibilisiert sind, glaubt er nicht. Daten werden über diverse Plattformen bereitwillig geteilt. Etwa, wenn die Zahnbürste via App mit dem Smartphone verknüpft wird. "Wie oft putze ich meine Zähne?" sei zwar für den Einzelnen eine relevante Frage, nicht jedoch für Zahnversicherungen. Gelangen solche Daten in die falschen Hände, könnten Leistungen verweigert werden.

Weiteres Beispiel seien Smartwatches wie die Apple Watch. Über Sensoren würden gesundheitsbezogene Daten aufgezeichnet - ein Fressen für Krankenkassen, warnt Lobo. Die Sammelwut gehe so weit, dass Technologien antizipieren, welche Stadtviertel für potenzielle Einbrecher interessant seien. Registriert würden etwa Autos oder Handys von Bewohner nach Kriterien, ob sie als Beute beliebt sind oder nicht. In Teilen Amsterdams gebe es schon so ein Programm, in München werde es gerade getestet. (omark, DER STANDARD, 18.9.2014)

Alle Artikel zu den Medientagen:

Medientage 2014

Link:

medientage.at