Prozess gegen Josef S.: Zeugen entlasteten Angeklagten

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Hauptbelastungszeuge blieb bei Aussage - Sachverständige fand Spuren auf Handschuhen von Josef S. - derStandard.at berichtete live


Am Montag stand Josef S., jener deutsche Demonstrant, der seit den Anti-Akademikerball-Protesten am 24. Jänner in Wien in Untersuchungshaft sitzt, erneut am Landesgericht Wien vor Gericht. Er muss sich wegen versuchter absichtlicher schwerer Körperverletzung, Landfriedensbruchs als Rädelsführer und schwerer Sachbeschädigung verantworten. Im Fall einer Verurteilung drohen ihm bis zu fünf Jahre Haft. Am Dienstag wird der Prozess fortgesetzt, derStandard.at wird wieder live aus dem Landesgericht in Wien berichten. 

Entlastung für Josef S.

Keine der drei befragten Zeugen am Vormittag - ein Kameramann und zwei Fotografen - konnten am Montagvormittag bestätigen, dass Josef S. Steine oder einen Mülleimer geworfen hat. Der Hauptbelastungszeuge, ein Polizist, der in der Demo-Nacht in zivil im Einsatz war, hat noch einmal ausgesagt und seine Aussagen vom ersten Prozesstag wiederholt. S. habe Steine geworfen und auch einen Mülleimer in Richtung der Polizisten geworfen. Nach ihm sagte ein Wega-Beamter aus, der an dem Abend teilweise mit dem Hauptbelastungszeugen gearbeitet hat. Der Beamte hat Josef S. ebenfalls nicht dabei beobachtet, wie er Steine oder Mülleimer geworfen hat.

Eine Sachverständige sagte zu Beginn des Prozesses vor Gericht aus, sie habe auf den Handschuhen des Angeklagten Rückstände von der Zündung eines pyrotechnischen Gegenstands gefunden. Ob es sich dabei um eine Rauchbombe oder einen Feuerwerkskörper handelt, könne nicht gesagt werden.

Keine Rückschlüsse auf Farbe der Rauchbombe

Auf dem schwarzen Kapuzensweater sowie dem linken Handschuh des jungen Mannes wurden keine Partikel gefunden. Rückschlüsse auf die Farbe der Rauchbombe, die der angeklagte 23-Jährige gezündet haben soll - auf einem Foto ist eine violette Rauchwolke zu sehen -, konnte die Gutachterin nicht geben. "Dazu war zu wenig Material da, sonst hätte man sogar Rückschlüsse auf das Fabrikat geben können."

Am Vormittag wurde das Filmmaterial des ORF-Kameramannes von der Demo-Nacht am Stephansplatz gezeigt, auch Josef S. war zu sehen. Der Kameramann konnte allerdings nicht sagen, ob S. - wie die Staatsanwaltschaft vermutet - einen Mistkübel in Richtung Polizei gerollt hat, auch auf dem Film war dies nicht zu sehen.

Josef S. "auf keinem meiner 700 Fotos"

Im Zeugenstand sagte auch ein STANDARD-Fotograf aus, der die Demo fotografiert hat. Der Fotograf, der sich am Stephansplatz ein paar Meter entfernt von dem Angeklagten aufgehalten habe und beim Beschädigen der Polizeistation dabei war, habe "auf keinen meiner 700 Fotos" jenen Pulli gesehen, den Josef S. trug. Die "Rauchbombe" im Auto sei seiner Erinnerung nach eine "Signalfackel" gewesen - diese habe schon gebrannt, als er zum Ort des Geschehens kam. Auf dem Stephansplatz seien ihm keine fliegenden Steine aufgefallen.

Der STANDARD-Fotograf zeigte anhand seiner Fotos, dass er zum Tatort Am Hof kam, als das Demolieren der Fenster schon im Gange war - laut Zeitstempel seiner Fotos war das kurz vor 19 Uhr. Laut Überwachungsvideo eines Juweliers Am Graben muss Josef S. aber erst später beim Geschehen angekommen sein.

Zeuge sah keinen geworfenen Mülleimer

Ein freier Fotograf, der ebenfalls in der Demo-Nacht fotografierte, sagte ebenfalls als Zeuge aus. Auf dem Filmmaterial ist er hinter Josef S. zu sehen, als dieser einen Mülleimer aufstellt. Was S. danach gemacht hat, und ob S. den Mülleimer geworfen hat, wusste der Zeuge nicht, aber: "Mir ist nicht aufgefallen, dass von dort etwas geworfen wurde."

Am Nachmittag sagten Mitarbeiter der MA48 aus, die am Demo-Abend Dienst hatten. Sie gaben an, keine besonderen Beobachtungen gemacht zu haben.

Dass ein Enthaftungsantrag der Verteidiger von Josef S. am ersten Verhandlungstag im Juni abgelehnt wurde, sorgte für Kritik (derStandard.at berichtete). Die Anklage sieht Josef S. als Verantwortlichen für eine Reihe von Sachbeschädigungen - unter anderem soll der 23-Jährige Fenster und Tür einer Polizeistation demoliert und einen Polizeiwagen schwer beschädigt haben. S. bestreitet alle Vorwürfe. Auch am zweiten Prozesstag will er sich vor Gericht aber nicht zu den Vorwürfen äußern. (red, derStandard.at/APA, 18.7.2014)