Die neue E-Klasse

27. Juni 2002, 11:28
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Kleine Turniere sind für viele Freizeitreiter ein großes Ziel. Seit heuer gibt es die Klasse E, die es Turniereinsteigern erleichtern soll, das Wagnis Wettkampf in Angriff zu nehmen. Wir haben uns angesehen, welche Anforderungen dabei zu bewältigen sind. Erschienen in Pferderevue 6/2002, S. 7–9

Heimlich, still und leise haben mit Erscheinen der neuen Österreichischen Turnierordnung (ÖTO) zu Jahresbeginn auch Bewerbe der Klasse E offiziell ihre Austragungsberechtigung bekommen. Erste Umfragen zeigen jedoch, daß noch nicht einmal alle Trainer von der Existenz dieser Klasse, der sogenannten Einsteigerklasse, wissen. Selbst Oberst Friedrich Schuster, bis vor kurzem BFV-Vizepräsident und einer der Väter dieser Idee, gibt zu, daß die neuen Bewerbe „zu überfallsartig unter das Volk geschmissen“ und „weder Veranstalter noch Trainer genügend darauf vorbereitet“ wurden. Damit diesen Bewerben ein österreichisches Schicksal erspart bleibt, wollen wir im folgenden der Klasse E ein wenig unter die Arme greifen. Nicht zuletzt, weil wir die Idee recht gut finden.
Wozu eine neue Klasse?
Der Grundgedanke, der hinter der E-Klasse steht, ist laut Obst. Schuster folgender: In der Klasse E sind nur jene Reiterinnen und Reiter startberechtigt, die entweder keine oder die R1-Lizenz haben. Damit will man vermeiden, daß R1-Reiter in A0-Bewerben „einsteigen“ müssen, wo sie in der Regel gegen weitaus erfahrenere Reiter antreten (in der Kl. A0 dürfen auch R2- & R3-Reiter, Trainer und Kaderreiter starten). Beurteilt werden die Lizenzinhaber und Nicht-Lizenzinhaber in zwei Abteilungen. Das heißt, daß aus jedem Bewerb der Klasse E (bei genügend Startern) zwei erste, zwei zweite, zwei dritte Plätze usw. hervorgehen. Die Plazierten werden auch mit den entsprechend farbigen Schleifen und Pokalen belohnt, was manche sicher ganz besonders freuen wird. Im Gegensatz dazu gibt es in der Klasse A0 nur braune Schleifen und keine Pokale.
Die Anforderungen
Der Buchstabe „E“ steht also für Einsteiger. Diese Einsteigerbewerbe werden in den Sparten Vielseitigkeit, Dressur und Springen (nur Standard- und Stilspringprüfungen) angeboten. Die Anforderungen sind in allen Disziplinen recht freundlich: Es werden einfache Dressuraufgaben (Klasse A laut Aufgabenheft) verlangt, bei Spring- und Vielseitigkeitsbewerben sind Hindernishöhe und Streckenlänge, manchmal auch das Tempo, im Vergleich zu den Klassen A0 und A leicht herabgesetzt.Bewerbe der Klasse E dürfen nur bei Turnieren der Kategorien C und B ausgeschrieben werden (Vielseitigkeit Kat. A).Für Starter der Klasse E gelten die üblichen Turnierbestimmungen. Reiterinnen und Reiter müssen in korrekter Turnieradjustierung einreiten, und auch die Ausrüstung der Pferde unterliegt dem Reglement. Ein Turnierstart ist nur möglich, wenn der Reiter eine gültige Mitgliedschaft und das Pferd eine Turnierpferderegistrierung sowie Impf- und Equidenpaß besitzt.
Warum Turnierreiten?
Turniere sind Wettkämpfe, bei denen der Ausbildungsstand von Reiter und Pferd von erfahrenen Richtern überprüft und beurteilt wird. Den Start bei einem Turnier soll man allerdings erst ins Auge fassen, wenn man die im Bewerb verlangten Aufgaben zu Hause locker bewältigen kann. Die Ausführung verschiedener Lektionen gelingt unter Turnierstreß meist weniger gut als auf dem vertrauten Platz. Beim Springen müssen Reiter und Pferd einen Trainingsparcours auf dem heimatlichen Platz bewältigen können, bevor sie an einer Prüfung teilnehmen.
In manchen Ställen finden sich auch mehrere Vereinsmitglieder, die gemeinsam auf ein kleines Turnier in der näheren Umgebung fahren. Das Wochenende wird dabei beinahe zu einem Familienausflug, bei dem man sich gegenseitig helfen, beistehen, gratulieren und einander trösten kann. Am schönsten ist es natürlich, wenn es Erfolge und Plazierungen zu feiern gibt. Dennoch: Auch Einsteiger-Turniere dienen nicht zu Übungszwecken. Man soll auf ihnen Erfahrungen sammeln und erste Erfolge erlangen. Wichtig ist, daß sich Reiter und Trainer immer ein erreichbares Ziel setzen, um Frustration und Mißerfolge nach Möglichkeit zu vermeiden.
Turniervorbereitung
Eine effektive Turniervorbereitung beginnt etwa zwei bis drei Monate vor dem Turniertermin. Reitstunden bei einem erfahrenen Trainer oder die Teilnahme an Kursen lohnen sich vor einem Turnierstart auf jeden Fall. Die meisten Ausbilder haben reichlich Turniererfahrung und bieten entsprechend gezielten Unterricht an. Tip: Es gibt gerade im Bereich des Freizeitreitens zahlreiche geförderte Kurse in den Bundesländern, die bei den LFV zu erfragen oder in der PR zu finden sind.
Hat der Reiter sich entschieden, welche Disziplin er bevorzugt, probiert er unter den kundigen Augen seines Trainers, ob er und sein Pferd den Anforderungen ihrer Klasse entsprechen. Tauchen in einzelnen Lektionen Probleme auf, wird an diesen immer wieder gearbeitet.
Egal, wie einfach eine Dressuraufgaben auch klingen mag, das Pferd muß in allen drei Grundgangarten gut an den Hilfen stehen. Es soll zumindest die ersten vier Punkte der Ausbildungsskala erfüllen: Takt, Losgelassenheit, Anlehnung und Schwung. Der nächste Punkt, das Geraderichten, ist wünschenswert, nur der letzte Punkt (Versammlung) wird erst ab der Klasse L verlangt. Ruhiges Stehen – wie es beim Gruß verlangt wird – muß ebenfalls ordentlich geübt werden. Immerhin sind das der erste und der letzte Eindruck bei den Richtern, ein herumzappelndes Pferd beeinflußt den Gesamteindruck erheblich. Tip: Der Gruß sollte korrekt geübt werden. Manche Pferde beginnen nämlich erst zu zappeln, wenn man die Zügel in eine Hand nimmt.
Plant man, an einer Springprüfung teilzunehmen, sollte man möglichst viele verschiedene Hindernisse trainieren. So ist die Gefahr geringer, daß das Pferd verweigert, weil es beispielsweise noch nie zuvor ein Gatter gesehen hat. Außerdem ist es ganz wichtig, daß man bereits mehrere Parcours geritten ist, da eine Abfolge von Sprüngen mit vorgegebener Linienführung nicht mit willkürlich angerittenen Einzelsprüngen vergleichbar ist.
Die Teilnahme an Vielseitigkeits- oder Stilgeländeprüfungen erfordert ein ganz besonderes Vertrauensverhältnis zwischen Reiter und Pferd.
Was niemals unterschätzt werden sollte, ist der äußere Gesamteindruck, den man bei den Richtern hinterläßt. Ein struppiges Fell, eine ungepflegte, ungeflochtene Mähne, Kletten im Schweif und kein Fleisch auf den Rippen – all diese Mängel findet man hierzulande bei (hoffentlich) keinem Turnierpferd. Wünschenswert ist jedoch, daß keiner dieser Punkte zutrifft. Auch der Reiter soll ordentlich frisiert (lange Haare im Haarnetz) und in korrekter und sauberer Kleidung seinen Auftritt absolvieren. Und selbstverständlich müssen Sattel und Zaumzeug ebenfalls glänzen. Übrigens: Ein schlampiges Auftreten und sichtlich unvorbereitete Teilnehmer sind dem Richterkollegium gegenüber eine grobe Beleidigung. Schließlich erwarten auch wir gut vorbereitete Richter, die einen Ritt fachkundig beurteilen.
Das Pferd
Jedes Reitpferd – vom Araber bis zum Zirkuspony – sollte in der Lage sein, einen Bewerb der Klasse E zu absolvieren. Von seiner Eignung her muß es nämlich weder überragende Gang- noch Sprungqualitäten haben. Das bedeutendste Kriterium für den Turniereinsteiger ist ein zuverlässiges Pferd mit einem stabilen Nervenkostüm. Es soll dem Reiter Fehler verzeihen und sich von Außeneinflüssen nicht ablenken lassen. Wichtig sind zudem eine solide Grundausbildung und eine angenehme Rittigkeit. Kurz, das Pferd für den Reiter der Klasse E soll ein ehrlicher, bemühter und nervenstarker Kumpel sein. Überflieger und Dressurakrobaten sind erst viel später gefragt.
Hat man ein nervöses Pferd (oben genanntes Modell ist eben auch eine Rarität) oder eins, das zum Scheuen neigt, kann man daheim verschiedene Turniersituationen simulieren: Laute Musik, aufgespannte Regenschirme oder die Fahrt im Hänger sind nämlich oft schuld, daß die wochenlange Vorbereitung durch mangelnde Konzentration des Pferdes mit einem Schlag vernichtet ist.Nicht zu vergessen ist der Gesamteindruck eines Paares: Der Mensch und sein Tier sollen zusammenpassen, wollen sie ein harmonisches Bild abgeben. Eine zarte Zwölfjährige sieht auf einem schicken Reitpony sicher besser aus, als auf einem 600-Kilo-Riesen von 1,80 m Stockmaß. Umgekehrt braucht ein gewichtiger Hüne einen kräftigen Gewichtsträger.
Erste Erfahrungen
Seitens jener Trainer, die schon Erfahrungen in der Klasse E sammeln konnten, ist eine breite Zustimmung erkennbar: Springtrainer Michael Rösch sieht die Vorteile besonders darin, daß es nun auch Reitern der lizenzfreien Klasse möglich ist, auf einem Turnier mindestens zweimal zu starten: „Ein Transport aufs Turnier lohnt sich eben mehr, wenn man mehrmals eine Startmöglichkeit hat. Ich halte die Einführung der Klasse E besonders auf Turnieren der Kategorie C für eine sinnvolle Belebung der Veranstaltung.“ Seines Erachtens wertet es besonders kleine Turniere auf, die neben den Klassen A0, A und L nun auch die Klasse E anbieten können. Eine erste Bilanz zeigt, daß das Angebot weiterer Bewerbe auch von den Teilnehmern gerne angenommen wird.
Barbara Schiele, Dressurausbilderin, Kaderreiterin und Richterin, stolpert in ihrer Disziplin noch nicht so oft über Bewerbe der Klasse E, obwohl sie nahezu jedes Wochenende mit ihrer Schülerschar auf Turnieren zu finden ist. Schiele begrüßt derartige Startmöglichkeiten für ihre Schüler, weil „diese dann nicht mehr darauf angewiesen sind, bei Clubturnieren ,wild‘ drauflos zu reiten. So können sie im Rahmen einer ordentlich organisierten Veranstaltung zeigen, daß sie ehrlich mit ihren Pferden gearbeitet haben.“
Was die Vielseitigkeit anlangt, gibt es bisher kaum Erfahrungswerte. Der Vorteil mehrerer Startmöglichkeiten fällt weg, da ohnedies immer nur eine Prüfung mit einem Pferd geritten werden darf. Ansonsten erwartet Brigitta Keiblinger, Vielseitigkeitsreiterin, -richterin und -trainerin, eine recht positive Resonanz auf das neue Angebot.
Resümee
Die nach deutschem Vorbild übernommene Einsteigerklasse ist eine feine Sache für alle: Reiter werden sachte an höhere Aufgaben herangeführt. Pferde können Aufgaben bewältigen, die ihnen leicht fallen. Ausbilder können neue Anreize schaffen und auch unerfahrene Reiter oder Pferde mit aufs Turnier nehmen. Für die Veranstalter erhöht sich die Starterzahl bei minimalem Mehraufwand. Und die Richterschaft kann schon früh mit der „Erziehung“ junger Reiter beginnen, indem sie den Gesamteindruck eines Auftritts entsprechend mitbewertet.
Andrea Kerssenbrock/Pferderevue
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    Neue Turnierklasse für Einsteiger: Eine E-Dressur sollten auch Schul- und Freizeitreiter mit einem positiven Ergebnis absolvieren können.

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