Musiker sind auch nur Touristen

27. Juni 2002, 20:05
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Hubert von Goisern eröffnete das Wiener Jazzfest mit einer ambivalenten Vorstellung

Wien - Als Hubert von Goisern am Montag beim Eröffnungskonzert des Wiener Jazzfestivals im Konzerthaus bereits in der ersten Nummer dem Saal "Es kann nur besser wern" versprach, sollte er nicht ganz Recht behalten. Leider. Denn zumindest die erste halbe Stunde des Konzerts war geprägt von - sagen wir es höflich - akustischen Indifferenzen zwischen dem, was der Saal leisten konnte, und dem, was er leisten sollte.

Das Schlagzeug klang wie eine billige New-Wave-Produktion aus den frühen 80ern, das Keyboard (gedrückt von Burkhard Frauenlob) schien aus dem Hause Kolonovits geborgt, zog entsprechend dünne Schleimspuren, und Hubert von Goiserns Mundharmonika quietschte aufgrund diverser Rückkoppelungen ferkelgleich.

So war es kein Wunder, dass sich der Unmut des Publikums darüber in ein paar konstruktiv kritischen Zwischenrufen Luft machte: "Leisa! Aunders spüln! Ma vasteht koan Text."

Goisern manövrierte sich geschickt aus dieser berechtigten Kritik, die jedoch hauptsächlich dem Saal angelastet werden muss, warf den Charmebolzen an und erklärte dem Publikum, dass es in der Oper ja auch nicht viel anders sei. Dort verstehe man auch kein Wort - "Ans, zwa, drei", und zog unter reichlich Applaus die Quetsche lang.

Weltmusik

Irgendwann wurde der breiige Sound entweder besser, oder man fand sich einfach damit ab. Der 50-jährige, als Hubert Achleitner geborene Bad Goiserer bemühte sich um ein als Weltmusik angekündigtes Programm.

Weltmusik neigt zum Umarmen von anderen Musiken, bei dem die identitätsspendenden Ecken und Kanten auf Kosten der "Eingängigkeit" oft verloren gehen. Bei Goisern und seiner sechsköpfigen Band war das nicht viel anders: Seine Weltmusik jodelte, fidelte (Marlene Schuen), pfiff, flötete, blies Trompete und strapazierte die Percussions-Abteilung (Bernd Bechtloff) über die Maßen. Inhaltlich ging meistens irgendwo gerade die Sonne auf oder unter - auf jeden Fall ein Anlass, um den Gitarristen (Gerhard Überbacher) ordentlich solieren zu lassen.

In Ansätzen ließen sich zarte Reggae-Partikel ausmachen, weitgehend setzte man auf einen druckvollen Funk-Rock, dessen "Botschaft" sich dann im Konzertverlauf auch besser auf das Publikum übertrug - soweit das in einem bestuhlten Saal möglich war.

Ein weitgehend akustisch gehaltenes Zwischenspiel in der Mitte der Show bewies dann kurz und durchaus eindrucksvoll, welche Qualitäten in dem Oberösterreicher stecken. In diesem Teil gelang es dem schweißnassen Goisern, eine Intimität zu erzeugen, die das Auditorium erstmals an diesem Abend zur Gänze miteinschloss, während die Saalakustik sonst eher an eine Konfliktsituation Band gegen Publikum erinnerte.

Was allerdings schon erstaunte, war, dass jemand wie Goisern, der sich ja einer gewissen Authentizität der von ihm gespielten Musik verpflichtet fühlt, über weite Strecken einfach Popmusik mit ein paar "exotischen" Versatzstücken geboten hat. Das aufgeführte Ergebnis klang dann bestenfalls touristisch. Und dafür konnte selbst der Saal nichts. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.6.2002)

Von Karl Fluch

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viennajazz.org
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