"Es ist, als würde ein Fluch auf uns lasten"

17. Juni 2002, 20:47
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Viel Geld wurde in Tokio versprochen, kaum etwas ist eingetroffen - das Hilfswerk Austria versucht die Notin Afghanistan zu lindern.

Die Erdstraße nach Imam Saheb erinnert an eine Hochschaubahn. Gerne weicht man auf die flache Ebene aus, die sie durchpflügt. Man muss sich allerdings strikt an die Fahrspuren der Vorgänger halten. Die Zone ist vermint.

"Überleben sichern, Flüchtlinge ansiedeln, Wiederaufbau": So lässt sich die Strategie der internationalen Afghanistanhilfe umreißen. Unter den kleinen Organisationen der ersten Stunde war auch das Hilfswerk Austria. Seit Oktober 2001 gingen zehn Konvois mit Hilfsgütern von Tadschikistan aus über die Nordgrenze. "Unsere Zone war damals praktisch menschenleer", erzählt Faruk Said, der für Imam Saheb zuständige "Landesschulrat". 110.000 Menschen hatten sich ins Niemandsland auf die Inseln des Grenzflusses Panj geflüchtet. Bis auf etwa 1000 sind heute alle in ihre Dörfer zurückgekehrt.

"Natürlich gehe ich gerne zur Schule! Was glaubt ihr denn?", antwortet die Erstklässlerin Fausia (10) und scheint sich über die dumme Frage zu wundern. Das Hilfswerk hat in Imam Saheb eine Mädchenschule renoviert, die heute von 1200 Kindern besucht wird. Die Schuldirektorin ist gerade in Kabul. Sie ist eine der wenigen Frauen, die als Delegierte für die Ratsversammlung Loya Jirga gewählt wurden.

Es herrscht Aufbruchsstimmung in Imam Saheb. Doch nach 23 Jahren Krieg und drei Jahren Dürre sind die Herausforderungen enorm. "Die starken Regenfälle vom Frühjahr waren ein gutes Omen für den Wiederaufbau. Doch es ist, als würde ein Fluch auf uns lasten: Jetzt haben wir eine Heuschreckenplage", sagt Bauer Faruk Shah.

"Die internationale Hilfe beschäftigt sich mehr mit statistischen Erhebungen", klagt der Vertreter des Außenministeriums, in dessen Büro in Kunduz sich alle Hilfsorganisationen anmelden müssen. Es herrsche Not. Viele Familien haben nur eine Mahlzeit am Tag, und es kommt kaum noch Nahrungsmittelhilfe.

"Es tröpfelt langsam"

In der Tat: Die UNO beklagt, dass von den Hilfszusagen an die Übergangsregierung mehrere Hundert Millionen Dollar überfällig sind. Die auf der Geberkonferenz im Januar zugesagten Mittel (1,8 Milliarden Dollar für das laufende Jahr) "tröpfeln extrem langsam herein, klagt ein UNO-Mitarbeiter.

Erschwerend kommt hinzu, dass die geschätzten 3,7 Millionen Flüchtlinge schneller nach Afghanistan zurückkehren als erwartet. Seit Anfang März sind mehr als 800.000 Menschen in ihre Heimat zurückgekommen. Daher ist der Bedarf sogar höher als ursprünglich berechnet. Die Nahrungsmittelvorräte sind nahezu aufgebraucht.

"Die Maxime ,survival first' muss weiterhin gelten", meint auch der Projektverantwortliche des Hilfswerks, Patrick Hartweg: "Die Lage bleibt prekär, und der nächste Winter kommt bestimmt." Ernährungs- und Einkommenssicherheit für die Menschen zu schaffen ist das Gebot der Stunde.

Nach den heftigen Niederschlägen vom Frühjahr drohte der Damm eines Bewässerungskanals auf einer Länge von 120 Metern zu brechen. "Wir haben kurzerhand auf dem Markt um 3100 US-Dollar Draht für Steinbefestigungen gekauft und konnten damit 120.000 Familien helfen", erzählt Hartweg.

Das Hilfswerk Austria hatte für das laufende Jahr in Afghanistan 580.000 Euro zur Verfügung, 60 bis 70 Prozent davon gingen in die humanitäre Soforthilfe. Man hofft, die Aktivitäten im nächsten Jahr ausweiten zu können.(Der STANDARD, Printausgabe, 18.6.2002)

Von Robert Lessmann aus Kunduz

Spendenkonto Hilfswerk Aus-
tria, PSK 90.001.002, Kennwort: Afghanistan

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