Französische Zeitungen

17. Juni 2002, 11:00
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Paris - Der Machtwechsel in Frankreich wird am Freitag von der gesamten Presse des Landes kommentiert.

Die konservative Tageszeitung "Le Figaro":

"Innerhalb weniger Wochen hat der Mann aller Überraschungen, Jean-Pierre Raffarin, einen besonderen Stil eingeführt. Um nun in den Kreis der tugendhaften Reformer Eingang zu finden, muss er mit Entschlossenheit den Dialog und die Konzertierung praktizieren. Der Mann des 'Frankreichs von unten' hat eine weitere Aufgabe vor sich, den europäischen Fahrplan. Die kürzlichen populistischen Höhenflüge sind auch das Ergebnis der Mängel der Politik der Europäischen Union. Bei der Einwanderung, der Sicherheit und der Wirtschaft ist Europa heutzutage zu mächtig und gleichzeitig nicht mächtig genug. Europa hat den Staaten einige ihrer Vorrechte genommen, ohne die Innenpolitik zu koordinieren und sich auf internationaler Ebene durchzusetzen."

Die linksunabhängige "Liberation":

"Das Lager Chiracs ist wirklich nicht als Favorit in diesen Kampf eingezogen. Alles stand gegen die Rechten, aber eines hatten sie nicht bedacht: die Klarheit der Ablehnung der Linken - diese Ablehnung hat alle Berechnungen über den Haufen geworfen und hat dem Reserve-Team des bürgerlichen Lagers den Weg zum Sieg geöffnet. Diese Ablehnung des Linksbündnisses ist umso erstaunlicher, als die Linke Lionel Jospins sich ihrer Bilanz, ihrer Bündnisstrategie und ihrer Methoden ganz sicher war. Aber in nur zwei Monaten ist sie enthauptet und von dem Gipfel ihrer Gewissheiten in den Abgrund der Niederlage, der Verlassenheit und des Unverständnisses gestürzt worden."

Die Wirtschaftszeitung "Les Echos":

"Welche Wendung der Ereignisse... Der Präsident der Republik hat eine Mehrheit, von der Staatschefs vor ihm nicht zu träumen gewagt hätten. Man hatte uns gesagt, dass Jacques Chirac der am schlechtesten wiedergewählte Präsident der Republik sein sollte - er wurde mit größter Mehrheit wieder gewählt. Chirac, so versicherte man uns nach der Präsidentenwahl, habe seinen Sieg der Linken zu verdanken. Nun hat er die größte vorstellbare Mehrheit bei den Parlamentswahlen erreicht, fast 400 Abgeordnete, und 95 Prozent davon gehören seiner neuen Partei UMP an."

"Le Berry Republicain" (Bourges):

"Der Schlusspunkt ist erreicht. Von nun an verfügt der Präsident unter Besinnung auf die Wurzeln der Fünften Republik über alle Vollmachten. Frankreich beendet das lange Wahl-Frühjahr, indem es der Rechten eine sehr große Mehrheit verschafft. Die Wahlen beschleunigen zudem den Prozess der Ausprägung der künftigen politischen Landschaft Frankreichs - nämlich die Bildung von zwei großen politischen Kräften nach angelsächsischem Muster: eine neo-liberale Mitte-Rechts-Partei und eine sozialistische Partei." (APA)

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