Eine Führung durchs Museum

16. Juni 2002, 20:24
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Der frühere Pink-Floyd-Bassist Roger Waters gastierte in Wiesen

Wiesen - Eines muss man Roger Waters zugute halten: Er bietet seinem Publikum etwas fürs Geld. Drei Stunden Musik brachte Waters am Freitag an die Frau und an den Mann. Bedenkt man, dass heutzutage ein DJ wie Jeff Mills für zwei Stunden Plattenverlegen dem Publikum locker 25 Euro kostet, sind 40 Euro für eine zehnköpfige Band, eine aufwändige Video-Show sowie eine Dolby-Surround-Anlage ein menschlicher Betrag.

Außerdem sieht man, wer einem da gerade was aufführt, während ein DJ eben diese Silhouette hinter den Plattentellern ist. Andererseits: Hat Waters aus der Geschichte nichts gelernt? Zumal der 56-jährige Brite mit Pink Floyd in den 70er-Jahren einer der Hauptgründe für das Auftauchen von Punk war, der diesen immer behäbigeren Stadion-Bands mittels dreiminütigen Gegengifts eine Lektion in Katharsis erteilte.

Pop-Fossil

Um so mehr erstaunte es, dass alle musikalischen Entwicklungen der letzten 20 Jahre an Waters ohne nennenswerte Auswirkung auf das eigene Werk vorbeigegangen sind. Für jemanden, dessen musikalische Prägung nach 1977 stattgefunden hat, musste sein Auftritt vergangenen Freitag wie eine Führung durch die Fossilienabteilung eines Popmuseums vorgekommen sein. Zwar kam man dabei an allerhand historisch bedeutsamen Stationen vorbei. Von Another Brick In The Wall (1979) über Wish You Where Here (1975) bis zu den weitgehend originalgetreu nachgestellten Songs Breathe, Time und Money von The Dark Side Of The Moon (1973) ging die Führung.

Diese ohnehin schon dauernden Exkursionen führte Waters schließlich selbst noch an die Grenzen des Rocktheaters, in dem der Ergraute sich während eines zähen Keyboard-Ausflugs an einen grün bespannten Kartentisch setzte, um dort ziemlich theatralisch mit seinen Jungs zu tippeln.

Andererseits gönnte er - während sich ziehender Gitarrenkunstdarstellungen - auch seinen drei Background-Elfen die eine oder andere Pause, in denen es sich diese mit dem Inhalt einer mitgebrachten Thermosflasche flauschig einrichteten. Im Sitzen, versteht sich, denn, man kennt schließlich seinen Arbeitgeber und weiß deshalb: Das dauert jetzt.

Früher einmal galten diese sich über ganze Albenseiten ausdehnenden Stücke als innovativ und "progressiv", weil sie den Songrahmen sprengten und sie stattdessen mit inhaltsschweren Konzepten füllten. Doch die am Stand tretende und auch sonst schwerfällig und statisch anmutende Show von Waters lag bloß wie ein Schatten aus einer anderen Zeit über dem lauen Festivalgelände.

Einer Zeit, eingedenk derer die meisten angereist waren und auch einen viel bejubelten Abend mit einem "Helden von früher" verbrachten. Unter anderen Vorzeichen ließen sich die esoterisch angehauchten Videos samt "bedrohlichen" Versatzstücken aus dem ohnehin überbewerteten Film The Wall und die mäßig originellen Soundeffekte wie das Hundegebell in Dogs vom Album Animals, das aus den Surroundboxen kläffte, auch nur schwer ertragen. Wahrlich. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2002)

Von Karl Fluch
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