Pleitegeier jagen hinter den Telekoms her

9. Juni 2002, 21:49
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Nach gewaltigen Investitionen und massiven Kurseinbrüchen versucht die Branche, ihre Bilanzen in Ordnung zu bringen

Die Pleite des Breitband-Netzbetreibers KPNQwest, der vor drei Monaten noch jede Liquiditätskrise in Abrede stellte, hat die Aufmerksamkeit neuerlich auf die triste Situation der diversen Telekomunternehmen und ihrer Ausrüstungslieferanten gelenkt.

Dass die Kurse seit dem Höhepunkt im März 2000 abgestürzt sind, daran hat man sich mittlerweile schon gewöhnt. Die 20 führenden Telekomunternehmen Europas haben innerhalb eines Jahres 200 Milliarden Euro Börsenwert verloren. Nun kämpfen etliche ehemals prominente Namen, um nicht von ihrer gigantischen Schuldenlast erdrückt zu werden. Die Ursachen: Die Erwartungen nicht nur der Aktionäre in die neuen Technologien und die damit erhofften Erträge waren damals viel zu hoch geschraubt.

Schlimmer Cocktail

Bei der Übernahme von Unternehmen wurden weit überhöhte Preise gezahlt, UMTS-Lizenzen sündteuer eingekauft. Breitbandnetze mit ungeheueren Kapazitäten auf-gebaut und für all das gewaltige Schuldenberge aufgetürmt. Der Katzenjammer nach dem Rausch war programmiert. Jetzt heißt das Ziel: Bilanzen wieder halbwegs in Ordnung bringen. Wege dazu: Neues Kapital auftreiben (fast unmöglich beim derzeitigen Image der Branche), Beteiligungen aufgeben (nur ist dafür längst nicht so viel zu bekommen, wie beim Erwerb bezahlt wurde), Investitionsprogramme radikal zurückfahren (was Zulieferer wie Nortel, Ericsson oder Alcatel noch mehr in Schwierigkeiten bringt).

Wer das nicht schafft, ist Pleite-Kandidat. Zur Illustration: KPNQwest hätte ursprünglich durch den Verkauf von Anlagen an die beiden Mutterfirmen finanziellen Spielraum erhalten sollen. Aber KPN wollte dafür wesentlich weniger zahlen, als die Gläubigerbanken forderten. Was diese weiter verunsicherte und den Konkurs auslöste. Verständlich, dass die Ratingagenturen - nach diversen Debakeln ohnedies gebrannt - jetzt noch genauer schauen und rascher herunterstufen. Selbst über ehemals als unsinkbar geltende Schiffe wie Deutsche Telekom wird inzwischen an der Börse gemunkelt - und ohne die noch immer starke Beteiligung des Staates sähe die Aktie, die nur mehr bei knapp einem Zehntel ihres Höchstkurses anno 2000 notiert, vermutlich noch schlechter aus.

Kandidaten

Ähnliches gilt für British Telecom und KPN. Aber auch positive Meinungen sind zu hören. So hatten kürzlich in einer Umfrage des US-Magazins Barron's zwei Fondsmanager die vom Markt arg geprügelten Firmen Vodafone, Telefónica, Telecom Italia und Verizon auf ihrer Kaufliste. Ein Tipp fehlte: Österreichs Telekom, vor einem Jahr noch Börsen-Underdog, behauptet sich ausgezeichnet. "Die Verschuldung ist bei TA kein großes Thema", sagt BA/CA-Research-Chef Alfred Reisenberger.

"Fundamental gut"

"Der Verschuldungsgrad (Net Debt zu Equity) beträgt derzeit 100 Prozent und wird sich durch den Aufkauf der Mobilkom nicht wesentlich verschlechtern." Das Verhältnis Nettoverschuldung zu Ebitda liegt mit 2,0 wesentlich besser als bei vergleichbaren europäischen Unternehmen. "TA entwickelt sich fundamental sehr gut. Ein Fragezeichen ist eventuell das Festnetz. Da machen sie aber ihre Hausaufgaben, sprich Personalabbau und Rückgewinnung von Marktanteilen." Ähnlich positioniert sieht Reisenberger den Durchschnitt der osteuropäischen Telekomwerte. (Nikolaus Dolenz / DER STANDARD Printausgabe, 10. Juni 2002)

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