Widerwillig willenlos

8. Juni 2002, 14:46
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Russell Artus dringt in die Wahnwelt von Teenagern vor

Mit der Ermordung des schillernden Rechtspopulisten Pim Fortyn durchlebten die Niederlande vor kurzem ein kollektives Trauma. Der Schock, den dieser Gewaltakt auslöste, war groß, rasch war vom "Ende der Unschuld der Demokratie" die Rede. Unperson, der dritte Roman des 1969 geborenen Niederländers Russell Artus, in seiner Heimat bereits 1999 erschienen, offenbart vor diesem Hintergrund, dass das Land zumindest in der Literatur schon länger Anschluss an gesamteuropäische Phänomene gefunden hat.

Es geht darin um die Selbstmorde zweier jugendlicher Mädchen und die Auswirkungen, die diese Taten auf die Hinterbliebenen haben, auf jeweils eine Person, die den Toten besonders nahe stand. Das Buch beginnt mit einem Prolog, der wie ein übler Vorgeschmack auf den Irrsinn funktioniert, den Artus hinter den Fassaden der Normalität aufspürt:

Er liefert Eindrücke aus einer sektenähnlichen Therapiegruppe, angeführt von einem Guru namens Gerard. Dieser verfolgt das Ziel, seine Schützlinge - ein Haufen vom Leben enttäuschter Teenager, die sich nach dem Tod sehnen, aber denen der Mut zu sterben fehlt - auf den Selbstmord vorzubereiten. Das wiederum soll mit einer Lehre gehen, die den Weg zur Unpersönlichkeit ebnet, und durch die Unterdrückung und schließlich völlige Auslöschung des Willens zum erstrebten Ziel führt.

Die Figur, die den Roman bestimmt, heißt Joris Roozen. Er ist der Ich-Erzähler des Prologs sowie des zweiten Teils des Buches und die Verbindung zwischen den beiden Toten. Die erste, Maud, war seine Schwester, mit der ihn eine obsessive Beziehung verband, die er nach seinen triebhaften Wünschen manipulierte, bis sie sich ihm durch den Selbstmord entzog. Die zweite, Liedewij, ist das Mädchen, auf das ihn Gerard ansetzt, um ihn einer vertrackten Logik folgend ("Was du nicht tun willst, tust du, was du tun willst, lässt du sein.") Maud wieder nahe zu bringen.

Artus nähert sich der Geschichte, die das Potenzial zu einem Psychothriller hätte, keineswegs reißerisch. Er interessiert sich nicht für einen ausgeklügelten dramaturgischen Plan, sondern für das Innenleben seiner Figuren, weniger für Motive als für die Irrungen des Bewusstseins, dessen Strom er in der Form eines fließend rhythmisierten inneren Monologs folgt. So ist der erste Teil von Unperson aus der Perspektive von Evelyn, der Schwester von Liedewij, geschildert und gestaltet sich eher als feinfühliges Porträt einer Heranwachsenden und ihrer Unsicherheiten.

Der Tod ihrer Schwester ist ihr unbegreiflich, war diese doch die weitaus engagiertere, dem Leben zugewandtere der beiden. Ihr rätselhafter Abschiedssatz ("Weil du es nicht getan hast, tue ich es.") ist es auch, der Evelyn, die immer dachte, die einzige Vertrauensperson ihrer Schwester zu sein, motiviert, eine detektivische Motivsuche zu starten - die Artus dazu nutzt, das soziokulturelle Umfeld zu erforschen.

So wie sich in der Phase der Pubertät völlig neue Perspektiven auf das Dasein ergeben, so wandelt sich auch die "Aussicht" der Jugendlichen - unmittelbar vor ihrer Siedlung soll ein Teich einem Krematorium Platz machen. Ein symbolisches Bild, das Joris' Bericht seiner Verführung Liedewijs einleitet: Die vermeintliche Authentizität der Gefühle stellt sich als abgekartetes Spiel eines schwer neurotischen Burschen heraus, der sein Opfer sukzessive in eine psychische Zwangslage treibt. Die Motive von Joris bleiben allerdings dunkel, sie lassen sich kaum psychologisch erklären, vielmehr waltet hier ein Subjekt ohne Tiefe - das Artus mit einigem Sarkasmus ausstattet, einem Helden von Bret Easton Ellis nicht ganz unähnlich.

Mit Ellis verbindet den Autor auch die amoralische Sicht aufs Geschehen, er nimmt keine höhere Position zu seinen Figuren ein, verwandelt sich vielmehr ganz ihrer hermetischen Welt an. Mitunter übertreibt er es zwar mit der ein oder anderen Marotte oder verharrt zu sehr in Posen, aber sein Trip durch jugendlichen Wahn überzeugt als kühle Diagnose des Versagens institutioneller Halterungen wie auch der prekären Verlockungen neuer Sinnangebote.

(Von Dominik Kamalzadeh/ DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2002)

Russell Artus, Unperson. Aus dem Niederländischen von Sylke Hachmeister und Thomas Hauth. EURO 25/604 Seiten. Luchterhand, München, 2002.

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