+++PRO & CONTRA--- Klassentreffen

20. Juni 2002, 14:10
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Seit dem letzten Klassentreffen ist alles anders, wir haben erfahren, was wir eigentlich gar nicht erfahren wollten, wurden aber auch in eine Art Selbsthilfegruppe zur Bewältigung mancher Schulalpträume aufgenommen,...

+ + + PRO

Doris Priesching

Das Martyrium begann bereits kurz nach der Matura. Ich, erleichterte Inhaberin eines Reifeprüfungszeugnisses, wurde von bösen Alpträumen heimgesucht. Unregelmäßig waren die Abstände, doch es ging über viele Jahre.

Der Ablauf war stets derselbe: Mit der Matura in der Tasche entschloss ich mich freiwillig (!), das letzte Jahr noch einmal zu absolvieren. Damit einhergehend verlor das bereits erworbene Zertifikat seine Gültigkeit, und schließlich kam es, wie es in Träumen immer kommt: Die Umstände (besonders beliebt: starker Schneefall) verhinderten mein rechtzeitiges Eintreffen. Ich schaffte die entscheidende Schularbeit nicht, noch bevor es um die Abschlussprüfung ging. Alles weg, alles verloren, ohnmächtige Wut, ein Drama.

Seit dem letzten Klassentreffen aber ist alles anders. Als eine Art Vergangenheitsbewältigung statteten wir Schüler - und in dem Moment, als wir ins Innere traten, waren wir Schüler - nach langen Jahren dem alten Gebäude wieder einen Besuch ab. Wir sahen Klassenzimmer, Chemiesaal, Buffet, Raucherecke, Konferenzzimmer - all die traumatischen Orte. Im Austausch erfuhr ich, dass ich beileibe nicht einziges Maturaalptraumopfer war. Wir hatten Selbsthilfegruppencharakter.

Und siehe da: Seither hat sich das nächtliche Bangen merklich entspannt. Die Umstände sind zwar immer noch widrig, doch der entscheidende Unterschied: Die einmal bestandene Reifeprüfung behält ihre Gültigkeit. Insofern haben Klassentreffen eine heilsame Wirkung. Wir von der Selbsthilfegruppe wissen, wovon wir sprechen.

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- - - CONTRA

Markus Bernath

Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Wer zurückschaut, dem möge das Antlitz gefrieren, die Füße schwer im Zement wie ein unglücklicher Mafioso, und in drei Sekunden runter auf den Meeresgrund. Klassentreffen sind so voraussagbar wie schlechte Gangsterfilme. Die Spießgesellen von einst fahren vor mit abgedunkelten Scheinwerfern, nachts im Hafen, wo es kalt in den Kragen nieselt. Die ganze Gang mit den Hamsternamen ist versammelt und weiß nicht recht, warum - Joschi, Pezi, Dunzi, auch Toni, genannt "die Atombombe" aufgrund der Devastationen, die er anzurichten pflegte (wie unpassend in Zeiten der Kaschmirkrise) -, alle eingeladen von einem dunklen Paten. Man macht ein paar Witzchen zur Auflockerung, tritt von einem Fuß auf den anderen und wartet: So muss das sein. Ich war ja nie dabei.

Mitte der 90er-Jahre, zehn Jahre Abitur und so, erreichte mich einmal ein Vorstellungsbescheid. Irgendeiner hat gequatscht, und ein anderer meine Adresse notiert. Es soll eine völlige Pleite gewesen sein. Joschi auf 150 Kilo aufgeblasen, Dunzi schon zweimal verheiratet und dreimal geschwängert. Muss ich das wissen? Wollen Sie das sehen? Meine Klasse war einst mit sich im Reinen, menschlicher Reinzustand sozusagen. Vom Leben nicht besudelt, vom vielen Geld nicht zugedreckt wie eine Sitzbank im Stadtpark. Alles dahin. Wir werden ihnen ein ehrendes Andenken bewahren.
derStandard/rondo/7/6/02

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