Gefrierschock

4. Juni 2002, 19:50
posten

ein Kommentar zur Lage der SPÖ von Günter Traxler

Alfred Gusenbauer hat der österreichischen Politik etwas angetan. Er hat einen Maßstab gesetzt. Und er hat in einer üblicherweise Politikern vorbehaltenen Grauzone augenzwinkernder Toleranz für Klarheit gesorgt: Nicht nur einfache Staatsbürger sind berufen, sich an Gesetze zu halten, sondern auch und besonders diejenigen, die sie beschließen. Andernfalls sollten sie lieber keine Gesetze mehr beschließen. Der Schock, den das ausgelöst hat, zeigt, wie wenig selbstverständlich hierzulande etwas ist, was selbstverständlich klingt und was man zum moralischen Ansporn der Jugend in keiner Schule anders lehren würde.

Achtung hat sich Gusenbauer damit vielleicht erworben, die Zahl seiner Freunde dürfte er damit kaum vermehrt haben. Viele, so hat man den Eindruck, hätten ihm lieber Führungsschwäche vorgeworfen und den Alkosünder weiterhin auf der Abgeordnetenbank gesehen - politisches Business im gewohnten Trott. Und alle, die sonst nicht laut genug die Abkehr vom Gewohnten fordern können, wirken ob des Tabubruches nun ein wenig verdattert. Mit einem derartigen Strom von "Gefühlskälte" hat weder der Betroffene gerechnet, noch fühlen sich andere durch diesen Gefrierschock erquickt.

Wie auch? Hat doch Gusenbauer damit nicht nur seinen Genossen eine Messlatte korrekten Verhaltens aufgezwungen, sondern auch allen anderen. Eine Partei, die künftig achselzuckend darüber hinweggeht, wenn ihre Mandatare bei Spritzfahrten in angesäuseltem Zustand gestellt werden, wird in der Öffentlichkeit nicht mehr denselben Eindruck unverbrüchlicher Gemütlichkeit erwecken, der heute oft mit Menschlichkeit verwechselt wird. Sondern nur noch den einer Truppe, die Gesetzesverstöße bei sich verharmlost, aber die Splitter in den Augen politischer Mitbewerber zum Balken vergrößert.

Noch schlimmer. Gendarmen, die ländlich-politische Kontaktaufnahmen zwischen Wahlvolk und Politikern aus nächster Nähe beruflich verfolgen, könnten sich womöglich ermuntert fühlen, ihre Amtshandlungen von jenem für die Spitze der Bundes-SPÖ typischen Geist der Intoleranz durchdringen zu lassen und - gewissermaßen als "wandelnde Kühlschränke" - feurig wallendes Politikerblut öfter als derzeit einer Probe zu unterziehen, sobald der Volksfreund die Walstatt zu verlassen im Begriffe ist. Spricht sich das erst einmal herum, könnte es die politische Kultur in Österreich tiefer greifend verändern, als sämtliche diesbezüglichen Anstrengungen sämtlicher Politischen Akademien das bisher vermochten: so viel Nüchternheit.

Der Mandatar, so hat ein Verteidiger des unverstandenen Mandatars plädiert, dürfe nicht nur anhand des letzten negativen Ereignisses beurteilt werden, sondern nach seiner jahrzehntelangen erfolgreichen Arbeit. Für den Menschen mag dies gelten. Indes, schon gewöhnliche Sterbliche könnten sich mit diesem Argument nur schwer ihrer Verantwortung entziehen. Wie dann erst Politiker, die für das Tragen und nicht für das Abwimmeln von Verantwortung honoriert werden? Darüber dürften sie auch jene falsch verstandenen, weil eher an Komplizentum erinnernden Solidaritätsbekundungen nicht hinwegtäuschen, die man sich in der Stallwärme der vertrauten Bezirksorganisation holt, um Versuchen politischer Schadensbegrenzung von oben entgegenzuwirken, möglichst noch ehe sie einsetzen.

Aber Gusenbauer hat sich damit als Parteivorsitzender auch selber eine hohe ethische Latte gelegt. Wer bei einem relativ harmlosen Delikt so konsequent reagiert, darf es bei möglicherweise folgenden an Konsequenz nicht fehlen lassen. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 5.6.2002)

Share if you care.