"Entweder die Vernunft siegt - oder es ist aus"

31. Mai 2002, 17:39
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Wie Bauernbund-Präsident Grillitsch seiner Gefolgschaft die Koalition schmackhaft macht

St. Peter ob Judenburg - Verlässlichkeit. Das ist das Mantra, das das Fritz Grillitsch immer wieder wiederholt, wenn er dieser Tage mit Bauern zusammentrifft. Bei der Vroni, am Stammtisch des Gasthauses Stocker in seiner Heimatgemeinde, tut er sich vergleichsweise leicht: "Ich bin hier auch gesessen, als es 1993/94 um den EU-Beitritt gegangen ist. Und wir haben bekommen, was der Konsument will und was letztlich auch der Bauer will: Berechenbarkeit."

Man weiß, was man bekommt, wenn man österreichische Agrarprodukte kauft. Man weiß auch, was man (an Förderung) bekommt, wenn man in Österreich Agrarprodukte anbaut: Auf sechs bis zehn Jahre im Vorhinein ist das ÖPUL-Programm zur Ökologisierung der Landwirtschaft berechenbar.

Verlässlichkeit eben. Dann schlägt der Präsident des größten Bundes der ÖVP einen Bogen zur großen Politik, zur EU- Osterweiterung - wenn Österreich jetzt noch nicht drin wäre, dann würden die Bauern von einem sehr viel schlechteren Niveau aus verhandeln als jetzt. So viel ist jedem klar, der einen Hof bewirtschaftet.

Aber auch wenn Grillitsch dieser Tage besonders Kontakt zu jenen sucht, die er vertritt, sein Zielpublikum ist letztlich die Mehrheit jener, die mit der Landwirtschaft in keinen direkten Kontakt kommen. Bäuerliche Probleme sind nämlich nicht immer leicht zu transportieren. Wenn Grillitsch seinen Bauern sagt: "Zum 1. Jänner 2003 verlangen wir den Agrardiesel, da steigen wir nicht herunter", dann ist das für den Besucher aus der Stadt nicht sofort einsichtig.

Und wenn er nachsetzt: "Der Agrardiesel steht in der Koalitionsvereinbarung. Das muss auch der so smarte, nette, freundliche Herr Finanzminister verstehen", dann kann sich der Nichtagrarier vielleicht einen Koalitionsstreit vorstellen, allenfalls kommt einem auch eine der legendären Traktorendemos aus den Siebzigerjahren in den Sinn - aber worum es in der Sache geht, das bleibt schwer verständlich.

Tatsächlich geht es darum, dass Bauern für ihre (im Wesentlichen auf den Feldern eingesetzten) Landmaschinen die (zur Straßenerhaltung gedachte) Mineralölsteuer zahlen. So muss ein heimischer Bauer 119 Prozent mehr bezahlen als sein dänischer Kollege. Nun also verlangt Grillitsch von der FPÖ Verlässlichkeit - nicht nur bei der Senkung des Dieselpreises, sondern auch bei der Osterweiterung, "da verunsichern sie die Bauern".

Dabei ist Grillitsch - so wie die meisten seiner Zuhörer - durchaus zufrieden mit dem schwarz-blauen Regierungsangebot. Nur in der Praxis hapere es, sagt einer: "Ich bin schwer enttäuscht - all das Gute, das der blaue Partner angegangen hat, ist sofort eingestellt worden, als er Wahlniederlagen hatte." Grillitsch darauf: "Ich glaube, die Reformarbeit hat nur Sinn, wenn es eine zweite Periode für diese Regierung gibt, aber da muss der Partner verlässlicher werden: Entweder die Vernunft siegt - oder es ist aus." (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 1./2.6.2002)

Conrad Seidl
  • Artikelbild
    foto: standard/matthias cremer
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