Interview: "Hör nie auf einen Musiker!" (Nachlese 2002)

7. August 2007, 10:04
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Lee Hazlewood, Produzenten-Legende und exzentrischer Underdog der Country-Music, gewährte eine Audienz

Foto: Virgin
"For Every Solution There Is A Problem" und "Total Lee" erscheinen am 3. 6. bei City Slang/Virgin
Hazlewood im O-Ton: 2.6. FM4, Im Sumpf. 21.00
Er ist eine Produzenten-Legende und gilt als exzentrischer Underdog der Country-Music: Lee Hazlewood. Langzeit-Fan Karl Fluch wurde in Berlin eine rare Audienz gewährt.


Begonnen hat Lee Hazlewood als Radio-DJ in Phoenix, Arizona. Mitte der 50er-Jahre traf er Duane Eddy, schrieb und produzierte ihm Songs wie Rebel Rouser und machte ihn damit zu einem der ersten Rock-'n'-Roll-Stars. In den Sixties gründete er das LHI-Label, auf dem Gram Parsons' International Submarine Band Country-Rock erfand. Das Genre Todes-Country hat er mit Songs wie The Girl On Death Row und Pour Man maßgeblich geprägt. Er arbeitete mit Dean Martin und Frank Sinatra und verkaufte als Produzent Platten in Beatles-Dimensionen. Für Sinatras Tochter Nancy schrieb er ein paar Welthits, die Duette mit ihr (Summer Wine, Sand, Some Velvet Morning . . .) machten auch ihn weltberühmt. Sein Solowerk - über 20 Alben - veröffentlichte er im Gegensatz dazu beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Nach Jahren im schwedischen Exil und in freiwilliger Zurückgezogenheit entdeckte ihn in den 80ern eine neue Generation von Musikern. Künstler wie Nick Cave, Jarvis Cocker von Pulp oder die Tindersticks verehren den Exzentriker. Am 9. Juli wird er 73 Jahre alt. Kommenden Montag erscheint die Hazlewood-Raritäten-Sammlung For Every Solution There Is A Problem sowie die Tribute-CD Total Lee. Er raucht rote Marlboros und trinkt Coke on the Rocks. Er ist der Mann, der These Boots Are Made For Walking geschrieben hat.


STANDARD: Mr. Hazlewood, seit 1999 wiederveröffentlichen Sie Ihre alten Solo-Alben auf CD. Warum?

Hazlewood: Es gab lediglich Bootleg-CDs davon, und Sammler zahlten für die Original-LPs obszöne Preise. Bis zu 100 britische Pfund für meine alten Platten! Ich dachte, das darf doch nicht wahr sein. Also habe ich sie remastered und neu aufgelegt.

STANDARD: Überrascht Sie diese Langzeitwirkung?

Hazlewood: Absolut, denn, seien wir ehrlich, das sind keine kommerziellen Songs. Ich habe sie für mich geschrieben und dachte, das würde so bleiben. Hin und wieder hat ein alter Radio-DJ einen dieser Songs gespielt. Aber dass Leute unter 30 sich dafür interessieren - wer hätte das gedacht?

STANDARD: Nick Cave hat Sie 1999 zum Meltdown-Festival eingeladen.

Hazlewood: Ja, aber ich wäre beinahe nicht hingefahren. Außerdem habe ich dort alles falsch gemacht. Ich hätte nur meine obskuren Songs spielen sollen, nicht das bekannte Zeug. Ich hatte es damals einfach noch nicht kapiert, dass das Publikum deswegen gekommen war.

STANDARD: Aber es hat Ihnen sichtbar Spaß gemacht?

Hazlewood: Sehr! Als ich auf die Bühne ging, tobte das Publikum. Nachher fragte ich meinen Gitarristen Al Casey, warum er mich so komisch angeschaut hatte, als ich auf die Bühne kam? Er dachte, es käme hinter mir noch jemand, und sagte: "Du bekommst sonst nie so viel Applaus. Sag dem Publikum, es soll nicht so wild applaudieren. Das erschreckt die Band!"

STANDARD: Sie sind gut 50 Jahre im Business. Wie vermeidet man es, dabei zur peinlichen Figur zu werden?

Hazlewood: Mach Ferien.

STANDARD: Das ist alles?

Hazlewood: Ja, ich war nie ganz weg, aber ich habe mir lange Auszeiten gegönnt. Ich bin immer irgendwo gesessen und habe Songs geschrieben. Einer meiner Freunde sagt, meine besten Songs liegen in meinem Papierkübel. Aber der ist Musiker. Hör nie auf einen Musiker!

STANDARD: Wonach beurteilen Sie Ihre Songs?

Hazlewood: Ich habe eine Kategorisierung: Da gibt es die Lieder, die ich für mich geschrieben habe. Die haben ein paar Dollars gemacht, aber nicht genug, um die Kinder nach Harvard zu schicken. Dann gibt es Songs, die sich okay verkauft haben, und dann ist da These Boots Are Made For Walking. Von diesem Song lebe ich seit 1965. Der führt ein Eigenleben. Er taucht in etlichen Hollywoodfilmen und Werbungen auf. Manchmal werde ich als der Mann vorgestellt, der Boots geschrieben hat. Niemand fragt, ob ich noch einen zweiten Song geschrieben habe, aber Boots kennt jeder.

STANDARD: Wie entsteht ein Hazlewood-Song?

Hazlewood: Ich schreibe über Sachen, die ich beobachte. Dazu stelle ich mir vor, was andere sich gerade erzählen. Ich bin ziemlich gut darin. Denk an ein altes Paar an einem Tisch in einem Restaurant. Sie sagt: "Harold, wenn du mich noch einmal an dieser Stelle berührst . . ." Natürlich reden sie in Wirklichkeit über das Wetter oder das Fernsehprogramm. Aber nicht in meiner Fantasie. Viele Songs sind so entstanden.

STANDARD: Ist diese Arbeitsweise das, was Sie als "Hazlewoodism" bezeichnet haben?

Hazlewood: Ein Teil davon. In Amerika haben wir einen Haufen "Ismen": Nationalismus, Patriotismus und so weiter. Alles Schrott. Begonnen hat das in den 50ern mit Kommunismus. Ich dachte einfach, ich will auch einen Ismus. Die Leute fragen mich oft, was er bedeutet. Aber es ist nur ein Ismus. Möglicherweise sollte ich eine Doktrin verfassen, um ihn zu erklären. Aber es wäre eine sehr kurze Doktrin, denn ich möchte niemandem sagen, er soll so leben wie ich.

STANDARD: Sie haben mit Dean Martin gearbeitet. Sein Biograf Nick Tosches beschreibt dessen Leben als gewaltigen Kater. Ist ein Hangover eine Inspirationsquelle?

Hazlewood: Ich habe eine traurige Mitteilung für Ihre Leser: Ich trinke nicht so viel, wie ich schreibe, dass ich trinke. Ich hatte vielleicht ein oder zwei Hangovers. Martin hat ein paar von meinen Songs aufgenommen. Houston haben wir zusammen erarbeitet. Ich wusste, dass er Jim Beam trinkt. Ich brachte also zwei Flaschen mit ins Studio, und wir haben begonnen - zu trinken und zu spielen. Am Ende der Session hat der Drummer auf den leeren JB-Flaschen getrommelt. Diese Aufnahme haben wir verwendet: Empty-Whiskey-Bottle-Drums. Später habe ich mit seinen Kindern gearbeitet, Dino, Desy, Billy. Ein Albtraum! Sie haben alles zerstört, was sie in die Hände bekommen haben. Jahre später hat sich klein Dino dafür entschuldigt. Er sagte: "Wir waren kleine Arschlöcher." Ich sagte: "Oh ja, das wart ihr!"

STANDARD: Das Gefängnis ist ein zentrales Thema in der Country-Music. Waren Sie jemals eingesperrt?

Hazlewood: Nein.

STANDARD: Hätten Sie es verdient gehabt?

Hazlewood: Möglicherweise für meine Fantasie, nicht für mein Handeln. Wenn Gedanken - und da sind wir in Amerika schon nahe dran - wenn Gedanken strafbar wären, säße ich wahrscheinlich im Gefängnis.

STANDARD: Welche Gedanken wären das?

Hazlewood: Wir wollen hier nicht über unseren Präsidenten reden.

STANDARD: Teilen Sie Johnny Cashs Sympathie für Outlaws?

Hazlewood: Ich weiß nicht, was an seinen Knast-Geschichten dran ist. Darüber haben wir nie gesprochen. Noch bevor Johnny June Carter geheiratet hatte, spielte ich regelmäßig Poker mit Junes Mutter, Mayebelle! Sie sagte: "Erzähl das bloß niemandem." Ich antwortete: "Natürlich nicht!" Ich meine, sollte ich zugeben, dass mich eine alte Frau beim Pokern ausnimmt? Später schlug ich Johnny vor, dass ich ein Album mit June und er eines mit Nancy aufnehmen könnte. Partnertausch Nashville Style. Er war begeistert, doch June sagte: "Nein, Johnny-Boy, ich singe gerne mit Lee, aber du, du singst sicher nicht mit dieser schönen blonden Frau." Das Projekt kam nie wieder zur Sprache.

STANDARD: Sie sind bekannt für ihren Zynismus: Haben Sie Ihre Songs je ernst gemeint?

Hazlewood: Was? Sie glauben mir nicht?

STANDARD: Ich bin mir nicht sicher. Die Figuren in Ihren Songs sind meist sehr cool. Ist das autobiografisch?

Hazlewood: Ich glaube nicht, dass ich je cool war. Nicht einmal in einer Badewanne voller Eiswürfel wäre ich cool.

STANDARD: Sind Sie sentimental?

Hazlewood: Ich fürchte ja.

STANDARD: Wie äußert sich das?

Hazlewood: Ich weine dauernd. Zum Beispiel, wenn ein Vertrag besonders günstig für mich ausfällt. So sentimental bin ich.

STANDARD: Interessiert Sie zeitgenössische Musik?

Hazlewood: Ich finde es schön, dass es einen neuen Rhythm'n'Blues gibt. Rap verstehe ich nicht. Ich verstehe, was die Typen sagen, aber ich kapiere nicht, dass man gegen den Rhythmus spricht und das Musik nennt. Außerdem: HipHop kaufen zu 80 Prozent weiße Teenager. Ich mache mir Sorgen um die schwarzen Kids. Was kaufen die?

STANDARD: Sie haben in einigen Filmen mitgespielt.

Hazlewood: Ja, aber ich war nicht sehr gut,und es ist langweilig. Vor ein paar Jahren hat mich ein Regisseur gebeten, einen Song für ein Roadmovie zu schreiben. Er wollte, dass ich singe wie Johnny Cash aber mit Kris-Kristofferson-Attitüde im Text. Also sagte ich: "Frag Johnny oder Kris, ich bin überzeugt, sie liefern dir, was du willst, aber wenn du einen Lee-Hazlewood-Song willst, komm zu mir. Ich bin der beste Lee-Hazlewood-Songschreiber, den es gibt."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 5. 2002)

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