Geschlecht und Gestalt

3. Juni 2002, 22:46
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Bewusst oder unbewusst - Alltagsobjekte nehmen Maß am menschlichen Körper. Eine Studie über die Formgebung ging der Frage nach dem Geschlecht der Dinge nach

Inzwischen teilt Sandra Buchmüller die Welt in zwei Hemisphären: in eine männlich und in eine weiblich gestaltete. Die Kölner Designerin entdeckt bei Handys, Taschen, Möbeln und anderen Gegenständen weibliche Taillierungen, Brüste oder Eierstöcke, sieht männlich protzende Technik oder erkennt phallisch geformte Mobiltelefone.

Qualitative Designforschung und Genderaspekte

Ein halbes Jahr lang hat sie geforscht. Gemeinsam mit Uta Brandes, die als Professorin für qualitative Designforschung und Genderaspekte - das sind Geschlechterverhältnisse im Design - an der Kölner Fachhochschule lehrt, hat sie im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen die Vielfalt und Häufung der Vergeschlechtlichung von Produkten untersucht. Bei Handys konnten die Designtheoretikerinnen eine Tendenz zum dekorativen Accessoire ermitteln. Anhand jüngerer Designstudien zeigt sich, dass die hochkomplexen Geräte der Zukunft keinerlei Assoziation mehr mit der befremdlichen technischen Welt wachrufen. Die Plaudergeräte, bislang meist als männlich verstanden, verschwinden beispielsweise hinter weiblichen Formen oder zitieren weibliche Gebrauchsgegenstände. So erinnert das kreisrunde UMTS Handy SX45 von Siemens an einen Taschenspiegel oder an eine Verpackung für Antibabypillen.

Die Gleichung - männlich=eckig und weiblich=rund - ist oft zu vereinfachend.

Keineswegs eckig sind etwa phallische Formen, die im Sortiment von Ericsson ausgemacht werden könnten - allerdings in irritierender Kombination mit infantiler Farbgebung. Einerseits ist der Telefonphallus organisch geformt und beidseitig mit Anschwellungen versehen, andererseits mit Pastellfarben dekoriert: Männliche und kindliche Gestaltung verschmelzen miteinander. "Kritisch betrachtet", so die Designtheoretikerinnen, würden damit "päderastische Fantasien provoziert." Die Handys sind jedoch noch recht zahm, vergleicht man sie mit den ebenfalls betrachteten Sitzmöbeln - hier kommt es schon mal zum Geschlechtsakt. Als "Macho unter den Sesseln" konnte ein Entwurf des Designers Marc Sadler aus dem Jahre 1997 enttarnt werden: der Sessel "Hal". Trotz rundlicher und offener Wölbungen sei das Möbel nicht etwa weiblich, sondern "sexuell entblößend". Die offene Dreiecksform der Rückenlehne zitiert die Form einer Vagina. Gewalttätig durchdrungen wird diese von einem rückseitigen Standbein. Kurz: Das Möbel dokumentiert den Akt der Penetration.

Brutale und volumig weiche Sessel

Dem brutalen Machosessel wurde ein italienisches Sitzmöbel diametral gegenübergestellt: der volumig-weiche und mit offener Geste geformte Sessel "Up 5 Donna" von Gaetano Pesce. Seit 1969 ist er in Produktion. In ihm erkennen die Fahnderinnen unbewusster Formgebung nicht etwa "wollüstig hingebungsvolle Weiblichkeit", vielmehr sei der "Torso einer italienischen Mamma" vom Designer entworfen worden. Ein "liebevoll ironisches Denkmal" habe Pesce gestaltet, "die unbestrittene Machtposition der Mamma im italienischen Familiengefüge" werde symbolisiert. Ob in den weiblichen Rundungen nun die italienische Mamma oder vielleicht doch die - bisweilen beängstigende - Kraft weiblicher Verführungskunst gesehen werden kann, sei einmal dahingestellt, sicher ist: Dieses Möbel ist weiblich - selbst wenn das Assoziationsspektrum sehr breit ist und objektive Feststellungen kaum möglich scheinen.

Die Form der Tasche als Reisewerkzeug

Um die geht es auch gar nicht so sehr, meint Brandes. "Vielmehr", so sagt sie, "möchten wir aufzeigen, dass viele Sex- und Geschlechterkategorien in völlig normalen, alltäglichen Objekten stecken und dass dies bisher nicht beachtet wurde." Bei dem Taschenhersteller Bree hatte man den weiblichen Formen jedoch schon vor Jahren besondere Beachtung geschenkt. Frauen wollte man mit Frauenformen verführen. Gezielt hatte man eine Serie von Reisegepäckstücken entworfen, die mit großzügigen Rundungen, ovalen Formen und dezenten Farben keinen Zweifel aufkommen ließen, dass es sich um weibliche Produkte handelte, entworfen für weibliche Kundschaft. Die Reaktionen der Kundinnen waren einhellig, meint Philipp Bree: "Sie berichteten, dass sie auf Reisen nicht als feminin herausgestellt werden wollten, denn die Reisetätigkeit verstanden sie als männlichen Vorgang. Zudem konnten sie den offensichtlich weiblichen Taschen als Reisewerkzeug nicht das nötige Qualitätsvertrauen entgegenbringen."

Nach kurzer Zeit wurde das Projekt eingestellt. Deutlich besser verkaufen sich die Modelle mit weniger offensiv zur Schau gestellter Weiblichkeit. Das Frappierende an diesen Behältnissen: Sie wirken formal streng, sehr klar und sachlich und dennoch weiblich. Erreicht wird der scheinbare Widerspruch mit Feinheiten. So bilden die Taschen gleich einem Trapez, mit schmalen Schultern und etwas breiterem Becken, die weibliche Anatomie nach. Funktionselemente wie Reißverschlüsse und Schnallen werden bei Modellen für Frauen versteckt angebracht, Trageriemen und Griffe schmal ausgeführt. Wie bei den Handys wird auch hier die als männlich verstandene Technik kaschiert. Eines jedoch unterscheidet die Taschen deutlich von Telefonen und noch klarer von Stühlen: Bei ihnen wird die Ausrichtung auf eine weibliche oder männliche Käuferschicht deutlich erkennbar. Bleibt also nur abzuwarten, bis sich die ersten Produzenten auch Möbel vornehmen, um sie speziell Frauen oder Männern anzubieten.

derStandard/rondo/31/5/02

von Knuth Hornbogen
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