Davos - Im Zauber des Berges

13. Mai 2005, 12:29
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Einst Europas mondäne Lungenheilanstalt, ist Davos heute Reiseziel für betuchte Skifahrer und Kongresstouristen aus aller Welt - Eine Suche nach Spuren der schwindsüchtigen Künstler auf Thomas Manns Zauberberg

Beim Bürki an der oberen Promenade findet sich ein ganzes Regal mit Thomas-Mann-Devotionalien und Zauberbergen - ein Roman als kulturelle Geschäftsgrundlage einer Buchhandlung wie einer ganzen Stadt.

In allen Davoser Chroniken nimmt "Der Zauberberg" einen Ehrenplatz ein, der Aufenthalt des Zauberers selbst währte in Davos nur kurz. Zwar entdeckte, als Mann seine Frau Katja im Juni 1912 im Waldsanatorium besuchte, der Kurarzt eine "kleine feuchte Stelle" in des Schriftstellers Lunge, doch Manns Hausarzt empfahl die unbesorgte Rückkehr: Davoser Ärzte fänden fast immer eine "kleine feuchte Stelle".

Anders als Hans Castorp, der von seinem Autor gleich sieben Jahre - in meiner Stockholmer Ausgabe: 1008 Seiten lang - auf den Zauberberg versetzt wurde, kehrte Mann schon nach drei Wochen an seinen Münchener Schreibtisch zurück.

Anders auch als der Maler Ernst Ludwig Kirchner oder der Dichter Alfred Henschke, genannt Klabund. Beide verbrachten ihr halbes Leben in Davos. Christian Jost erinnert sich noch an die Begegnungen mit Kirchner, dem Expressionisten vom Wildboden. "Für die Davoser Bauern ist der Kirchner wie viele der Künstler ein Sonderling geblieben", erzählt der 77-jährige Altbürgermeister heute, "aber wir Kinder haben sie gerne getroffen."

Klabund und Kirchner hatten Tuberkulose, zu Beginn des Jahrhunderts eine Krankheit, die zum Tode führte. Irgendwann waren die "Käferchen", noch heute die Davoser Umschreibung für die Tuberkelbakterien, in ihre Brust gekrochen und hatten es sich dort gemütlich gemacht.

"Ich habe wieder einen Anfall und Husten und spucke den lieben langen Tag", schreibt Klabund 1913 an einen Freund, "ich möchte wieder auf ein paar Wochen weg . . . Ich möchte doch noch leben, eine Weile wenigstens noch." Ab 1916 besuchte Klabund Davos regelmäßig und wohnte bis zu seinem Tod im August 1928 in der Pension Stolzenfels. Die Erzählung "Die Krankheit" hat er hier verfasst, "Die kleinen Verse für Irene" und ganz nebenbei ein wunderbares Gedicht auf eine tote Katze.

Davos versprach zwar nicht unbedingt Heilung, aber doch Linderung durch das außergewöhnlich trockene und sonnige Klima und die medizinische Behandlung auf höchstem Niveau. Auf höchstem Niveau hieß strenges Regime, und das strengste des Ortes, wenn nicht das strengste der Welt, führte Dr. Karl Turban. Die Patienten seines 1889 eröffneten Sanatoriums - im Gästebuch des Winters 1900 findet sich der Eintrag Christian Morgenstern - waren zu "äußerster Disziplin" verpflichtet. Bis zu zehn Stunden am Tag sollte man liegen, die Behandlung begann um sieben Uhr morgens mit einer kalten Packung und anschließender Abreibung durch den Bademeister. Über Mittag verordnete Turban den Patienten die so genannte "stille Liegekur". Über Stunden herrschte absolutes Sprech-, aber auch Leseverbot, was einem wie Klabund natürlich nicht leicht fiel.

Zum Ausgleich entwickelte sich in der Stadt der Lungenkranken ein karnevaleskes Unterhaltungsprogramm. In den alten Jahrgängen der Davoser Revue kann man Ankündigungen von Gesellschafts- und Bewegungsspielen aller Art lesen, in den Sanatorien wurden Feste, Tanzabende und Maskenbälle veranstaltet, um die Langeweile des Liegens und wohl auch die Todesangst zu vertreiben.

Die Kranken, hieß es, hatten in der abgeschiedenen Bergwelt nur zwei Interessen: ihre Temperatur und den Flirt. Der Ton dieser moribunden Boh`eme war zugleich locker wie makaber. In der Einladung zum Faschingsfest im Haus Stolzenfels schreibt Klabund 1916: "Nur Damen und Herren, bei denen Tuberkeln nachgewiesen sind, haben Zutritt. Der Infektion sind keine Schranken gesetzt." Angekündigt werden zum Eintritt von fünf Bazillen unter anderem ein "Bazillenwalzer und Allgemeiner Rippensekretionsgesang (Chor)" sowie zum Abschluss die "Temperaturenpolka". Der erste Preis beim Sackhüpfen: ein Thermometer.

Nach Davos gelangt man seit mehr als hundert Jahren mit der Räthischen Bahn. Von Landquart fährt man eine gute Stunde hinauf, bis man die Stadt im Hochtal auf fast

1600 Metern Höhe erreicht, eine Alternative zur Un(v)erträglichkeit der modernen Welt, klimatisch wie politisch. Ganz ist diese Lostrennung den Davosern nie gelungen. Schon der Begründer des Kurortes, der deutsche Arzt Alexander Spengler, war ein 1848 zum Tode verurteilter Flüchtling. Seit er hier strandete und mit dem Holländer Jan Holsboer 1868 das erste Kurhaus eröffnete, strömten die unterschiedlichsten Gäste in das einstmals bettelarme Bergbauerndorf. Die Einwohnerzahl verzehnfachte sich, um die Jahrhundertwende registrierte Davos 700.000 Nächtigungen, 1911 waren es eine Million.

Nach dem Ersten Weltkrieg trafen viele emigrierte Adelige ein, die, wie die Pianistin Klara Zappler in einer Erinnerung schreibt, "den großen Umwälzungen der Revolution und der Inflation nicht gewachsen waren". Einer von ihnen, ein Adjutant des österreichischen Kaiserhofes, ließ trotzig auf seine Visitkarte drucken: "Im 12. Jahrhundert von Karl dem Großen in den Adelsstand erhoben und im 20. Jahrhundert von Karl Renner des Adels für verlustig erklärt." Zur selben Zeit entwickelte sich Klabund unter dem Einfluss der Schweizer Dadaisten zum überzeugten Kriegsgegner.

Den enormen Aufschwung des Ortes brachte aber nicht die kleine Zahl der reichen Privatpatienten, sondern die moderne Sozialgesetzgebung: Die überall in Europa neu gegründeten Krankenkassen bauten eifrig eigene Sanatorien und beglichen die Aufenthalte ihrer Versicherten in Davos. Einer von ihnen, über den man hier bis heute nicht gerne spricht, war der Schweriner Angestellte Wilhelm Gustloff. Er war 1917, im selben Jahr wie Ernst Ludwig Kirchner, nach Davos gezogen. Als Nazi der ersten Stunde hatte er jahrelang unter den in der Schweiz ansässigen Deutschen und Österreichern Mitglieder für die NSDAP rekrutiert und Waffenübungen durchgeführt. Im Februar 1936 erschoss der jüdische Medizinstudent David Frankfurter an einem verschneiten Winterabend den zum Landesgruppenleiter aufgestiegenen Gustloff, es war eines der ersten Attentate auf einen prominenten Nazi in Europa. Zwei Jahre danach, im August 1938, nahm sich Kirchner aus Verzweiflung über die Diffamierung und teilweise Zerstörung seines Werkes im nationalsozialistischen Deutschland das Leben.

In den 40er-Jahren wurden neue Medikamente wie Streptomycin gegen die Tuberkulose entwickelt und erzielten bei der Behandlung gute Ergebnisse. Was ein Segen für die Menschheit war, war ein herber Rückschlag für Davos. Die Einnahmen durch die Sanatorien gingen drastisch zurück, mit erstaunlicher Leichtigkeit jedoch verwandelten sich Heilstätten in Sporthotels, schossen überall Apartmenthäuser aus dem Boden. Zwischen 1965 und 1985 wurden täglich rund 100 m Boden verbaut, aus dem Mekka der Schwindsüchtigen wurde eines für Immobilienbesitzer und -spekulanten.

So sind die Erinnerungsspuren an die Zeit Klabunds, den Zauberberg oder - für manche bedeutender - daran, als Robert Louis Stevenson hier im Winter 1881/82 den ersten Entwurf zur "Schatzinsel" zu Papier brachte, fast vollständig verwischt. Davos präsentiert sich heute als Sport- und Tagungsort, mit Kongressen vom World Economic Forum bis zum Fortbildungskurs für Osteosynthese. Zu den Fremden haben die Davoser ein entspanntes Verhältnis. Auch wenn sie lästig sind, so sind sie zumindest nicht mehr ansteckend. Behandelt werden heute vor allem Asthmatiker und Allergiker, und oben auf der Parsenn und am Jakobshorn wird die Natur als fröhliches Teletubbie-Land inszeniert mit Bergbahnen, extrabreiten Pisten und unzähligen sanften Hügeln. Als das riskanteste Unterfangen erscheint es hier, seine Kreditkarte im Hotel zu vergessen.

Im Übrigen: Der brave Buchhändler Bürki hat auch eine Kurzfassung des Zauberbergs von Dirk Heißerer in seinem Sortiment. Für Eilige, auf kaum 100 Seiten, Castorp kompakt.

Zum Nach- und Weiterlesen:
Paul Raabe: Klabund in Davos. Texte, Bilder, Dokumente. Arche Verlag AG, Zürich 1990

Ken Lindenberg: Thomas Mann - Davos - Der Zauberberg. Calander Verlag, Chur 1989/2000

Anton Henze: Ernst Ludwig Kirchner. Leben und Werk. Belser Verlag, Stuttgart, Zürich 1980

Dirk Heißerer: Meisterwerke kurz und bündig. Thomas Manns Zauberberg. Piper, München 2000

Infos:
Schweiz Tourismus
Tel.: 01 / 513 26 40
www.MySwitzer
land.com
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