So küsst man Heimkehrer wach!

11. Juni 2002, 21:46
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"Minna von Barnhelm" am Grazer Schauspielhaus

Hinter der Liebesgeschichte des Major Tellheim mit dem Fräulein von Barnelm steht die Kritik am preußischen König, am Krieg, am Militär. Erst vier Jahre ist der Siebenjährige Krieg her, als Lesing seinen Tellheim versehrt, mittellos und gekränkt heimkehren lässt.

Mit "Minna von Barnhelm", seiner ersten Arbeit auf der Hauptbühne, gibt der zukünftige Oberspielleiter Robert Schmidt den Bemühungen seines Intendanten Fontheims um Dramenklassiker Recht: Mit leichter Hand hält Schmidts frische Inszenierung die gebotene Schwebe zwischen Ernst und Heiterkeit und intensiviert Lessings noch zaghafte Demontage fixierter Geschlechterrollen.

Jens J. Fiedler hat ihm mit einem von Anna Viehbrock inspirierten Wirrwarr von Möbelstücken den Berliner Gasthof zu einem passenden Ambiente für das Vexierspiel zwischen Arm und Reich, Ruf und Ehre, Frau und Mann geschaffen. Zwischen zahllosen Kästen, Lampen und Matratzen finden das selbstbewusste Fräulein und der hypochondrische Major einander wieder.

Frauke Steiner ist eine wunderbar verhaltene Minna, mädchenhaft, ein wenig herb, zielstrebig. Umso femininer wirkt der Major - Daniel Doujenis als Haudegen glaubwürdig zu machen, bedurfte schon des Kunstgriffs einer Rauferei unter Kameraden. Sein Tellheim kämpft nach sieben Kriegsjahren um seine Identität als Mann, als Liebhaber, als Mitmensch. Für die emotionalen Momente gibt's Musik unserer Tage, und ganz selbstverständlich "lebt" Lessings Sprache.
(frak/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 4./ 1. 5. 2002)

"Minna von Barnhelm"
Schauspielhaus
8010 Graz

19:30 Uhr

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Bühnen Graz
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