"Eine Schande für Frankreich"

22. April 2002, 16:51
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Zehntausende bei spontanen Protesten gegen Le Pen - Chirac wird nach Jospins Ausscheiden haushohe Wiederwahl vorausgesagt

Paris - Der überraschenden Einzug des Rechtsradikalen Jean-Marie Le Pen in die zweite Runde der Präsidentenwahl hat in Frankreich Entsetzen und Proteste ausgelöst. In der Nacht zum Montag versammelten sich Zehntausende Franzosen in Paris und anderen Großstädten des Landes, um gegen Le Pen zu demonstrieren. In Sprechchören forderten sie "nieder mit dem Faschismus" und "stoppt Le Pen". Auf Transparenten hieß es "Schande für Frankreich".

Die Polizei setzte Tränengas ein, um einen Demonstrationszug von etwa 3.000 Menschen aufzulösen, die vom Osten der Hauptstadt zum Elysee-Palast gelangen wollten. Vom Pariser Platz der Republik zogen mehr als 10.000 Menschen zur Place de la Bastille, unter ihnen zahlreiche enttäuschte Anhänger der Sozialisten und Kommunisten. Zu Kundgebungen kam es auch in Lille, Marseille, Nantes, Toulouse, Montpellier, Grenoble, Straßburg und Clermont-Ferrand.

Der Chef der fremdenfeindlichen Partei der Nationalen Front (FN) hat im ersten Durchgang der Wahlen am Sonntagabend den favorisierten sozialistischen Premierminister Lionel Jospin aus dem Rennen geworfen, der daraufhin seinen Rückzug aus der Politik ankündigte. Le Pen tritt nun gegen Amtsinhaber Jacques Chirac an, der in der ersten Runde siegte. Umfragen sagen Chirac eine haushohe Mehrheit in der Stichwahl am 5. Mai voraus.

Unterdessen formiert sich eine breite politische Front gegen Le Pen in Frankreich. Mit dem 73-Jährigen steht erstmals in der Geschichte der fünften Republik (seit 1958) ein Rechtsradikaler im entscheidenden Kampf um das höchste Staatsamt. Die regierenden Sozialisten kündigten an, dass sie den Konservativen Chirac unterstützen werden. Die Sozialistische Partei werde wohl gezwungen sein, Chirac "gegen den Fremdenhass und den Rassismus" Le Pens zu helfen, sagte eine Parteisprecher. Alle gemäßigten Parteien zeigten sich entsetzt und forderten für die zweite Runde ein Bollwerk gegen Rechts. Diesmal wird der Präsident erstmals für fünf statt wie bisher für sieben Jahre gewählt. (APA)

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