Französische Linke entsetzt - Rechte Parteien erfreut

22. April 2002, 08:48
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"Erschütternde Botschaft"

Paris - Auf das Ausscheiden von Premierminister Lionel Jospin zugunsten des Rechtsextremen Jean-Marie Le Pen bei der französischen Präsidentschaftswahl haben die regierenden Sozialisten und Kommunisten mit Entsetzen reagiert. Jospins Kampagnensprecherin, Ex-Arbeitsministerin Martine Aubry, konnte vor laufender Kamera ihre Tränen kaum zurückhalten. Sie werde im zweiten Durchgang nun für den Konservativen Jacques Chirac stimmen, kündigte die in Jospins Linksregierung lange zu den Stützpfeilern zählende Bürgermeisterin von Lille an.

"Die Lehren ziehen"

"Ich denke an alle, deren Eltern gekämpft haben, damit Frankreich ein demokratisches Land ist", sagte Aubry. Die Botschaft der Wähler sei "vollkommen erschütternd", sagte Jospins anderer prominenter Kampagnensprecher, Ex-Finanzminister Dominique Strauss-Kahn. "Daraus müssen wir die Lehren ziehen, um die Linke wieder aufbauen."

Das Ergebnis für Le Pen müsse so niedrig ausfallen wie möglich, forderte er. Auch er werde für Chirac stimmen. Kommunistenchef Robert Hue, der selbst als Kandidat an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert war, sprach von "Trauer" und "Wut. Frankreich habe jedoch den "schrecklichen Rückschritt nicht verdient, den die Wahl Le Pens bedeute.

Der sozialistische Parteisekretär François Hollande räumte am Sonntag - noch bevor die Wahlresultate definitiv feststanden - ein, die Rechte habe die Präsidentenwahlen gewonnen. Die gesamte Linke stand unter Schock.

Viele ihrer Sprecher riefen zum "Widerstand gegen den Faschismus" auf, ohne sich direkt zur Frage zu äußern, dass dies ein Votum für Chirac bedeute.

Rechte Freude

Die Rechte verhehlte ihre Freude über die unerwartete Situation nicht. Niemand äusserte ausdrücklich Zufriedenheit, dass mit Le Pen ein schwächerer als Jospin gegen Chirac antreten dürfte. "Die Lektion dieses ersten Wahlgangs ist Bescheidenheit und die Absenz jeglicher Arroganz", meinte der Gaullist Nicolas Sarkozy, der als aussichtsreicher Bewerber für das Amt eines Premierministers unter Chirac gilt.

Der französische Präsident Jacques Chirac würde den rechtsradikalen Politiker Jean- Marie Le Pen in der Stichwahl um das Präsidentenamt klar mit 78 gegen 22 Prozent der Stimmen schlagen, wie eine Meinungsumfrage des Instituts Sofres am Sonntag ergab. Nach der ersten Wahlrunde am Sonntag führte Chirac nach Hochrechnungen vor Le Pen. Sie würden damit am 5. Mai in die Stichwahl gehen. Der neben Chirac favorisierte sozialistische Ministerpräsident Lionel Jospin wurde demnach von Le Pen aus dem Feld geschlagen.(AFP/brae, Der STANDARD, Print-Ausgabe 22.4.2002)

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