"Eine einzige Protestwahl" - Von Stefan Brändle

22. April 2002, 19:58
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Gründe für den Sieg Le Pens gibt es Sonderzahl

Donnerschlag in Frankreich: Der alte Haudegen Jean-Marie Le Pen, das politische Schandmal einer alten Kulturnation, schafft es bei seinem vierten Anlauf in den Zweiten Durchgang der Präsidentenwahl - der "Köngiswahl" Frankreichs. Die Wahlkommentatoren wirkten am Sonntagabend wie vom Blitz getroffen, die Politiker rangen nach Worten. Die Nation traute ihren Augen nicht.

Oder vielleicht doch? Die französischen Wähler, man vergisst es zu oft, sind immer für Überraschungen gut. Und das ist keine pure Floskel im Land der Revolutionen und der Bauernaufstände. Le Pen erhielt jedenfalls nach ersten Hochrechnungen 17, 2 der Stimmen, Premier Jospin kam zunächst lediglich 14,75 Prozent und kletterte in den folgenden Stunden auf 16,5 Prozent. Chirac brachte es auf 19,8 Prozent der Stimmen. François Bayrou von den Zentrumdsdemokraten erhielt 6, 7 Prozent.

Der Grund für den Wahlausgang ist nicht weit zu suchen: Die Wähler - viele, jedenfalls - fühlten sich schlicht verschaukelt von der politischen Klasse in Paris. Die klassische Rechte und Linke legten fast identische Wahlprogramme vor, und Chirac und Jospin verschonten einander aus taktischen Gründen gegenseitig, um untereinander den Zweiten Wahlgang auszumachen. Die Medien berichteten ohnehin lieber über die Kochkünste der Kandidaten und die Frisuren der Gattinnen.

Wenn die Franzosen eines nicht mögen, ist es, dass man sich über sie hinwegsetzt, dass die Herrschenden in Paris die Rechnung ohne den Wirt - den Wähler - zu machen versuchen. Dieser ganze erste Wahlgang war eine einzige Protestwahl: Selbst der Bestplazierte, Jacques Chirac, machte weniger Stimmen als 1995, als er in Edouard Balladur einen gewichtigen Gegenspieler hatte. Der so hoffnungsvolle Jospin wird unter der Zersplitterung der Linken geradezu aus der Wahl gefegt.

Die Extreme Rechte - Le Pen und sein Dissident Mégret - kommen zusammen auf rund 20 Prozent der Stimmen, die Trotzkisten - was nur in Frankreich möglich ist - auf gut die Hälfte. Das ist mehr als nur peinlich für Frankreich. Die Linke ist am Boden, die Recht kann ihre Freude über Chiracs wahrscheinlichen Sieg - und die unausweichliche Unterstützung der Linken - kaum verhehlen. Le Pen dürfte keine Wahlchancen haben. Dies lässt sich auch dann prophezeien, wenn man den Überraschungseffekt in Rechnung stellt. Denn erstens wählen die Franzosen nicht nur mit dem Bauch (nämlich im ersten Wahlgang), sondern (in der Stichwahl) normalerweise auch mit dem Kopf.

Der erste Wahlgang hat Ventilfunktion, danach nehmen die Franzosen nach dem Wutanfall als gute Kartesianer wieder Vernunft an. Zweitens war der Protest nicht nur gegen Chirac gerichtet, sondern eher gegen das - ihrer Meinung nach - abgekartete Spiel der Kronfavoriten.

Drittens und nicht zu vergessen: Die Franzosen sind nicht über Nacht Rechtsextremisten geworden. Le Pen machte zudem eine sehr geschickte Kampagne: Ohne die geringsten Abstriche an seinen Hetzthesen vorzunehmen, hielt er sich rhetorisch im Zaum. Vor allem wurde sein Potenzial in der Hektik des Wahlkampfes bis zum Schluss übersehen, seine zahlreichen Gegner hatten früher jedenfalls schon stärker gegen den Front National mobilisiert, als er noch ungefährlich war. Jetzt konnte Le Pen weitgehend unbemerkt und klammheimlich auf Stimmenfang gehen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.4.2002)

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