Wahlverlierer Jospin verlässt die Politik

22. April 2002, 21:11
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Premier zieht aus Niederlage Konsequenzen - Ergebnis sieht Chirac mit knapp voran - Le Pen tritt erstmals im zweiten Wahlgang an

Paris - Bei der französischen Präsidentschaftswahl hat der Rechtsextremist Jean-Marie Le Pen eine historische Sensation geschafft. Der 73-Jährige eroberte in der ersten Runde den zweiten Platz und trifft nun in der Stichwahl am 5. Mai auf Amtsinhaber Jacques Chirac, der im ersten Wahlgang 19,67 Prozent der Stimmen erzielte. Der rechtsradikale Le Pen kam mit 17,02 Prozent auf den zweiten Platz, vor dem Sozialisten und Premierminister Lionel Jospin, der 16,07 Prozent der Stimmen erhielt. Das teilte das französische Innenministerium am Montagmorgen als Ergebnis des ersten Wahlganges mit. Die Stimmen aus den französischen Überseegebieten Guyana, Martinique, Guadeloupe und Polynesien sowie die der Auslandsfranzosen sind darin allerdings noch nicht enthalten.

Als Konsequenz aus der Niederlage hatte Jospin bereits am Sonntagabend seinen Rückzug aus der Politik nach dem zweiten Wahlgang angekündigt. In ganz Frankreich gingen in der Nacht zum Montag Tausende Menschen gegen den Rechtsradikalen Le Pen auf die Straßen. Chirac rief die Franzosen zur Verteidigung der Werte der Republik auf.

Für der Stichwahl am 5. Mai wird Chirac in ersten Umfragen ein klarer Sieg vorausgesagt. Demnach dürfte er 78 bis 80 Prozent der Stimmen erhalten; Le Pen liegt bei 20 bis 22 Prozent.

Rechtsextremist noch nie in zweitem Wahlgang

Noch nie hat bisher in Frankreich ein Rechtsextremist die zweite Runde der Präsidentschaftswahl erreicht. Erstmals seit 1969 würde kein Politiker der Linken die Stichwahl erreichen. Jospins ehemaliger Finanzminister Dominique Strauss-Kahn und der Grüne Mamere riefen alle Demokraten auf, Front gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeiten zu machen. Er werde im zweiten Wahlgang für den Neogaullisten Chirac stimmen, kündigte der Sozialist Strauss-Kahn am Abend bereits an.

"Großer Schock für das Land"

Sozialistenchef Francois Hollande sagte, der Erfolg Le Pens sei auf den Missbrauch des Themas Kriminalität im Wahlkampf zurückzuführen. Das Ergebnis sei ein "großer Schock" für das Land. Der Sozialist Laurent Fabius sprach von einer Katastrophe. Der Neogaullist Nicolas Sarkozy sagte, das Ergebnis zeige, dass die Politiker den Menschen besser zuhören müssten. Der Linksnationalist Jean-Pierre Chevenement, der ersten Ergebnissen zufolge weniger als fünf Prozent erreichte, sprach von einer "Zersetzung des politischen Systems".

Alle Meinungsumfragen hatten zuvor Chirac und Jospin in der Stichwahl gesehen. Die vermutliche Niederlage dürfte die politische Karriere des 64 Jahre alten sozialistischen Regierungschefs besiegeln, der die letzten fünf Jahre eine Linksregierung führte.(APA/AP)

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